«Man kann von einer Minute auf die andere getötet werden»

Usama Antar aus Gaza-Stadt lebt in Angst. Der Politikwissenschaftler erzählt, wie er die Bombardements Israels erlebt. Und er beurteilt den Kampf der Hamas und die Chancen für eine Waffenruhe.

«Unter den harten Lebensbedingungen in Gaza und vor allem unter der aktuellen Kriegssituation werden die Menschen radikalisiert»: Usama Antar, Politikwissenschaftler, Gaza-Stadt.

«Unter den harten Lebensbedingungen in Gaza und vor allem unter der aktuellen Kriegssituation werden die Menschen radikalisiert»: Usama Antar, Politikwissenschaftler, Gaza-Stadt.

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Nach dem Scheitern der Feuerpause hat Israel die Angriffe gegen Gaza verstärkt. Wie ist die Lage in Gaza-Stadt, wo Sie leben?
Die letzte Nacht war schrecklich. Phasenweise explodierten die Sprengkörper der israelischen Luftwaffe im Minutentakt. Die Wucht der Detonationen war in der ganzen Stadt zu spüren. Bis heute Nachmittag kamen im Gazastreifen rund 210 Menschen ums Leben, die Zahl der Verletzten lag bei etwa 1500. Der Gazastreifen ist sehr dicht besiedelt, die Häuser stehen alle eng beieinander. Wenn eine Rakete einschlägt, wird in einem Umkreis von 500 Metern auch die Nachbarschaft getroffen. Zwei Drittel der Opfer sind Zivilisten, vor allem Kinder und Frauen. Fast alle der Verletzten sind Zivilisten. Das zeigt das Ausmass der israelischen Verbrechen hier vor Ort. Im Gegensatz zu seinen Beteuerungen trifft Israel vor allem unschuldige Menschen.

Haben Sie angesichts der gefährlichen Situation die Absicht, Gaza zu verlassen?
Ich kann Gaza nicht verlassen. Nur wer eine zweite Staatsbürgerschaft besitzt, hat die Möglichkeit, den Gazastreifen über Erez im Norden und Rafah im Süden zu verlassen. Rund 1,8 Millionen Menschen im Gazastreifen haben nur die palästinensische Staatsbürgerschaft. Wir bleiben unserem Schicksal überlassen. In Gaza gibt es keine Bunker und keine Sirenen. Wir wissen nicht, wo die Raketen der Israelis einschlagen werden. Man kann von einer Minute auf die andere getötet werden. Wir sind mittlerweile Zahlen geworden, mehr nicht, Zahlen der Toten und Zahlen der Verletzten.

Befürchten Sie eine Bodenoffensive Israels?
Das ist nicht auszuschliessen. Wenn es zu Bodenoffensive kommt, wird sie aber nur beschränkt sein, etwa in Teilgebieten im Norden und im Osten des Gazastreifens. Eine vollständige Bodenoffensive kann Israel nicht erfolgreich durchführen. Mit einer Teiloffensive könnte Israel aber immerhin eine harte Blockadepolitik durchsetzen.

Die israelische Luftwaffe attackierte in der vergangenen Nacht die Häuser von führenden Hamas-Leuten. Sehen Sie trotz der eskalierenden Gewalt eine Chance für eine Waffenruhe?
Ägypten präsentierte gestern einen Vorschlag für eine Feuerpause. Die Ägypter hatten allerdings nur mit Israel gesprochen, nicht aber mit der palästinensischen Seite. Die über die Medien bekannt gewordene Initiative wurde von palästinensischer Seite als Diktat empfunden.Wer glaubwürdig vermitteln will, muss mit allen Parteien sprechen.

Auf Grund der schlechten Beziehungen zur Hamas kommt Ägypten nicht in Frage als Vermittler. Wer könnte zwischen Israelis und Palästinensern vermitteln?
Ägypten käme schon als Vermittler in Frage, wenn es mit beiden Seiten sprechen würde. Denkbar als Vermittler wären auch die Türkei und Katar. Es könnten auch die Amerikaner sein oder die Europäer. Vor allem die Europäer sollten endlich ihre passive Haltung ablegen. Die Palästinenser fordern nicht Privilegien, sondern einfache Grundrechte. Israel muss das nationale Recht der Palästinenser anerkennen und akzeptieren, dass die Palästinenser einen eigenen souveränen Staat begründen können sollen. Israel muss damit aufhören, weiter Land zu enteignen und neue Siedlungen zu bauen. Jetzt geht es aber in erster Linie um das Stoppen des Blutvergiessens.

Wenn die Hamas den Beschuss auf Israel einstellt, hört auch Israel mit seinen Bombardements auf. Was will denn die Hamas?
Es geht nicht um die Hamas, sondern um die palästinensische Bevölkerung. Die Palästinenser möchten, dass die israelische Blockade aufgehoben wird und dass sie volle Bewegungsfreiheit erhalten. Vor allem wollen sie keinen Krieg mehr. Das ist bereits der dritte Krieg Israels gegen die Menschen in Gaza innert sechs Jahren.

Ist denn nur Israel schuld an diesem Konflikt?
Natürlich nicht. Beide Seiten tragen eine Verantwortung für diese schlimme Situation, allerdings in unterschiedlichem Masse: Wir haben ein starkes Israel hier und schwache Palästinenser dort. Zu 80 Prozent ist der Konflikt auf die israelische Politik der Blockade von Gaza und der Erniedrigung der Palästinenser zurückzuführen – und zu 20 Prozent auf die radikalen Kräfte auf palästinensischer Seite, die keine friedliche Lösung wollen. Unter den harten Lebensbedingungen in Gaza und vor allem unter der aktuellen Kriegssituation werden die Menschen radikalisiert. Das ist ein normales menschliches Verhalten.

Die Hamas soll in acht Tagen über 1200 Raketen und Mörsergranaten auf Israel abgefeuert haben. Wird der Dauerbeschuss auf Israel von den Menschen in Gaza gutgeheisssen? Oder gibt es auch kritische Stimmen?
Sehr viele Leute sind gegen Hamas. Trotzdem unterstützen sie die Hamas zumindest moralisch. Denn der Krieg Israels richtet sich nicht nur gegen die Hamas, sondern gegen alle Palästinenser, die im Gazastreifen leben. Weniger als die Hälfte der Gesellschaft unterstützt die Hamas. Aber alle leiden unter den Angriffen von Israel.

Welchen Einfluss haben die moderateren Kräfte auf palästinensischer Seite? Und welche Rolle spielt Palästinenserpräsident Mahmud Abbas?
Das Ansehen von Abbas in der Bevölkerung hat sich verschlechtert. Er wurde erst in den letzten zwei Tagen aktiv. Am Dienstag traf er die Aussenminister von Deutschland und Italien, diese Woche wird er zu Gesprächen nach Kairo und Ankara reisen. Abbas machte den Fehler, dass er seinen Gesundheitsminister erst am achten Tag des Kriegs nach Gaza schickte. Der Gesundheitsminister wurde mit Protesten empfangen, so dass er wieder verschwinden musste. Abbas spielt derzeit eine untergeordnete Rolle.

Erstellt: 16.07.2014, 20:05 Uhr

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