Mancher Feind ist erst elf Jahre alt

Für die Islamisten in Mali kämpfen über tausend Kindersoldaten. Dies stellt Frankreichs Truppen vor eine schwierige Aufgabe: Was tun, wenn einem ein Kind mit einer Sprengstoffweste entgegenrennt?

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Mit angezogenen Beinen hockt der Junge auf dem Betonboden der Polizeiwache, die Angst steht ihm ins Gesicht geschrieben. Er hat ein knielanges Gewand an, wie man es zur Zeit des Propheten Mohammed im 7. Jahrhundert trug. Dieses Gewand befahlen ihm die Islamisten anzuziehen, die ihn anheuerten. Dieses Gewand hat ihn verraten.

Adama Drabo ist 16 Jahre alt, ein armer, ungebildeter Bauernjunge, der von einer Terrororganisation rekrutiert und dann von malischen Soldaten in die Mangel genommen wurde. Sein Schicksal zeigt, mit welchen Schwierigkeiten es die Franzosen zu tun haben, die ihre frühere Kolonie von den mit al-Qaida verbundenen Extremisten befreien wollen.

Hunderte angeworbene Kinder

«Was die Einsatzregeln betrifft, muss man sich überlegen: Was tun, wenn ein Kind mit einer Sprengstoffweste auf einen zu kommt? Was tun, wenn ein Zwölfjähriger an einer Strassensperre steht?», erklärt Rudolph Attallah, früher im Pentagon Direktor für Terrorabwehr in Afrika. «Das ist eine sehr schwierige Situation.»

Der Feind, gegen den die französischen Soldaten im Norden Malis vorrücken, das sind auch Hunderte von den Islamisten angeworbene Kinder, manche erst elf Jahre alt. Es sind Jungen wie Adama, der älteste Sohn von Reisbauern, der vor kurzem noch mit dem Ochsenpflug auf dem Feld arbeitete. In seinem Dorf N'Denbougou nahe der Stadt Niono gibt es nur eine Moschee und in der wird nicht der sonst in Mali übliche moderate Islam gepredigt, sondern die dogmatische wahhabitische Spielart.

Makkaroni für die Kämpfer

«Wir sehen ein Muster bei der Rekrutierung von Kindersoldaten aus Dörfern, die seit vielen Jahren eine sehr strenge Form des Islams praktizieren», erklärt die Westafrikaexpertin bei Human Rights Watch, Corinne Dufka. «Wir schätzen, dass Hunderte Kinder rekrutiert wurden.» Sie bemannten Kontrollstellen, führen auf Streife mit, durchsuchten Autos an Strassensperren und bereiteten den Kämpfern Tee und Essen zu.

Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (Unicef) berichtete Ende vergangenen Jahres von 175 bestätigten Fällen von Kindersoldaten in Nordmali, die ihren Eltern für umgerechnet 750 bis 900 Euro abgekauft wurden. Malische Menschenrechtsaktivisten schätzten die Zahl rekrutierter Kinder erheblich höher auf 1000, und zwar noch vor der französischen Intervention.

150 Euro pro Monat

Adama, der jetzt in der Gendarmerie von Sévaré inhaftiert ist, wurde zusammen mit Freunden vor zwei Wochen als Koch angeheuert. Er bereitete den bärtigen, merkwürdig gewandeten, bewaffneten Männern Makkaroni zu und beteuert, nicht gewusst zu haben, dass es sich um islamistische Kämpfer handelte. Er habe nur für sie gearbeitet, weil sie ihm pro Monat umgerechnet 150 Euro versprochen hätten - das Vielfache eines Durchschnittslohns.

Eines Tages habe er im Krämerladen gehört, dass Krieg sei. «Ich sagte zu meinem Freund: 'Auch wenn der Monat noch nicht um ist, wir müssen hier abhauen!'» Sie liefen ins nächste Dorf und wurden, als sie um Wasser baten, wegen ihrer Kleidung als islamistische Kämpfer verfolgt. Der Freund entkam, Adama aber wurde dem malischen Militär übergeben, dem selbst Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen werden.

«Ich hatte Angst», sagt Adama. «Sie sagten, sie bringen mich um (...) Mehrmals haben sie das gesagt.» Während der Verhöre hätten die Soldaten ihn geschlagen und gedroht, ihn hinzurichten, wenn er nicht die Wahrheit sage. Erst nach Tagen hinter Gittern hätten die Soldaten ihm mitgeteilt, dass er nicht getötet werde. «Jetzt bin ich ein bisschen beruhigt, aber noch nicht richtig. Noch bin ich ja nicht frei.» (wid/dapd)

Erstellt: 29.01.2013, 23:40 Uhr

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Krieg in Mali: Frankreichs Armee interveniert Zur Vertreibung radikaler Islamisten wurde im Norden Malis ein internationaler Militäreinsatz gestartet.

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