Interview

«Mandela wirkte gezeichnet und eher fragil»

Im Sommer 1990, wenige Monate nach der Haftentlassung, besuchte Nelson Mandela die Schweiz. Der Ex-Diplomat Max Schweizer erinnert sich an die Gespräche mit dem Bundesrat, Finanzprobleme Mandelas und Spannungen mit dessen Frau Winnie.

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Herr Schweizer, wann trafen Sie Nelson Mandela?
Das war am 8. Juni 1990, an einem Freitagnachmittag. Ich begrüsste das Ehepaar Winnie und Nelson Mandela mit seiner kleinen Delegation in Genf, um sie in einem Helikopter nach Bern zu begleiten.

Wie kam es dazu?
Als Diplomat hatte ich damals die Funktion eines Stellvertretenden Protokollchefs. In dieser Eigenschaft war ich für das Besuchswesen mitverantwortlich.

Was war der Anlass für Mandelas Besuch in Bern?
In Bern wartete SP-Bundesrat René Felber mit seiner Delegation, um Nelson Mandela, damaliger Vizepräsident des African National Congress (ANC), zu Gesprächen zu empfangen. Zu jenem Zeitpunkt war Mandela seit wenigen Monaten, genau seit dem 11. Februar 1990, aus dem Gefängnis entlassen – nach über zwanzig Jahren Haft.

Was versprach sich Bundesrat Felber von dem Treffen?
Felber wollte ein Zeichen setzen. In der Schweiz war man damals in zwei Lager gespalten. Unser Land trug die UNO-Sanktionen gegen das Apartheid-Regime nicht mit, allerdings wollte man davon auch nicht profitieren. Es galt die Politik, den Handelsaustausch auf dem Niveau der Vorjahre zu halten. Nachdem der Bundesrat sich vorher ausschliesslich mit offiziellen Repräsentanten des weissen Minderheitenregimes von Südafrika getroffen hatte, war es das erste Zusammenkommen auf dieser Ebene mit einem Vertreter des ANC.

Wie verliefen die Gespräche?
Es war ein erstes Treffen. Verschiedene Äusserungen illustrierten, dass Nelson Mandela den Zusammenbruch der Sowjetunion noch nicht vertieft reflektiert hatte.

Welchen Eindruck hatten Sie sonst von Nelson Mandela?
Mandela wirkte auf mich gezeichnet und eher fragil, er war ja auch bereits 72 Jahre alt. Ich hatte den Eindruck, dass er noch stark unter den Nachwirkungen seiner langjährigen Haftstrafe stand. Er strahlte noch nicht jenes Lächeln aus, das man von späteren Auftritten oder Bildern her kennt. Ob sein politischer Kampf dereinst tatsächlich zu einem mehr oder weniger friedlichen Wandel in Südafrika führen würde, war damals keineswegs klar. Hinzu kamen finanzielle Probleme. Beispielsweise konnte seine Delegation die Weiterreise nach Paris nicht selbst bezahlen. Der Bund beglich diese Rechnung. Und dann waren da noch die Spannungen mit seiner Frau Winnie, die allerdings erst später an die Öffentlichkeit gelangten.

Wie wirkte Mandelas Frau auf Sie, die ja stets eine weniger versöhnliche Haltung in der Apartheid-Frage einnahm?
Winnie Mandela war kräftig und sehr präsent, gewissermassen eine Frau in ihren besten Jahren. Sie schien sich beherrschen zu müssen, wenn ihr damaliger Mann sprach. Ich hatte den Eindruck, sie hätte in einigen Punkten anders geantwortet als Nelson Mandela.

Wie verlief der Abschied?
Auf dem Rückflug nach Genf konnte ich dem Ehepaar Mandela mitteilen, dass die Weiterreise finanziell gesichert war. Allerdings musste ich leicht schulmeisterlich darauf hinweisen, dass die Swissair-Maschine nach Paris nicht auf sie warten könne und sie deswegen unbedingt pünktlich erscheinen müssten. Dennoch umarmte mich Winnie zum Abschied herzlich und küsste mich.

Hatte das Treffen mit Mandela einen Einfluss auf Ihre Karriere? Nur wenige Monate später wurden Sie ja nach Südafrika entsandt.
Nein, das war Zufall. Ich bereitete mich damals eigentlich auf ein einen Einsatz in Korea vor. Ab Oktober nahm ich dann allerdings die Arbeit als Stellvertreter des Missionschefs an der Schweizer Botschaft in Südafrika auf. Die Ernennung erfolgte sehr kurzfristig.

Welche Erinnerungen haben Sie an die Zeit in Südafrika?
Ich erlebte viereinhalb hochinteressante Jahre, allerdings in konstanter und grosser Spannung. Ein breitflächiger Bürgerkrieg konnte vermieden werden. Das war alles andere als selbstverständlich, viele Krisen mussten überwunden werden. Das zäh erarbeitete Verhandlungsresultat zur Machtabgabe und Machtübernahme führte 1994 zu den ersten freien Wahlen mit einem überragenden Wahlsieg des ANC.

Wie erlebten Sie den Aufstieg Mandelas in Südafrika?
Nelson Mandela, der zum ANC-Präsidenten avancierte, spielte neben Frederik Willem de Klerk, dem Präsidenten des Apartheid-Staates, eine Schlüsselrolle. Er war der Kapitän, der das Schiff auf stürmischer See auf seiner Seite auf Kurs hielt. Die komplizierte Detailarbeit bei den Verhandlungen erledigten seine Unterhändler mit ihren jeweiligen Partnern auf der weissen Gegenseite. Die beiden Parteien verstanden sich mit der Zeit immer besser. Die jeweiligen Führer teilten das Problem, ihre Anhängerschaft einigermassen unter Kontrolle zu behalten.

Wie sahen die diplomatischen Beziehungen zwischen der Schweizer Botschaft und Südafrika aus?
Die meisten Geschäfte, die zwischen zwei Staaten anfallen, werden über Botschaften abgewickelt oder zumindest vor- oder nachbearbeitet. Im Fall von Südafrika kam für uns hinzu, dass man spätestens ab 1989 mit beiden Seiten, dem Apartheid-Regime und der Opposition, Beziehungen pflegen wollte. Manchmal wurde unser Diplomatisches Corps sowohl durch die weisse Minderheitenregierung als auch durch den ANC aufgeboten. Die beiden Parteien wollten uns jeweils ihre Sicht der aktuellen Situation darlegen. Dies war für jene Zeit in Diplomatenkreisen eher unüblich. Bei diesen Auftritten konnte Nelson Mandela seinem Zorn freien Lauf lassen und die weisse Regierung attackieren. Er wuchs mit der Zeit zunehmend in die Rolle eines künftigen schwarzen Staatspräsidenten hinein.

Wie gestaltete sich Ihre eigene diplomatische Arbeit?
Der Versuch, das sprunghafte Geschehen zu jener Zeit so weit wie möglich zu verstehen und die Schweizer Regierung darüber zu informieren, war eine unserer Hauptaufgaben. Interessant zu sehen war, wie die zwei Lager in der Schweiz immer mehr Mühe bekundeten, die Fortschritte in Südafrika wahrzunehmen, zu akzeptieren und sich auf die neue Situation einzustellen. Der Ansturm von offiziellen und halboffiziellen Besuchern, der sich mit dem Verhandlungsfortschritt ergab, beschäftigte zudem die meisten Botschaften stark. Die Zahl der ausländischen Vertretungen in Pretoria schnellte wieder in die Höhe, nachdem viele Länder ihre Botschaften zuvor abgebaut oder geschlossen hatten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.12.2013, 15:09 Uhr

«Mandela strahlte noch nicht jenes Lächeln aus, das man von späteren Auftritten oder Bildern her kennt»: Max Schweizer, früherer Diplomat und heutiger Leiter des Fachbereich Foreign Affairs and Applied Diplomacy an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW.

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