Mehr Hinrichtungen in weniger Ländern

Im letzten Jahr wurden gemäss Amnesty International 676 Menschen exekutiert. Die Dunkelziffer dürfte ungleich höher ausfallen. In Europa gibt es nur noch ein Land, das die Todesstrafe kennt.

Die offizielle Statistik von Amnesty International (AI). China und Malaysia geben offiziell keine Zahlen bekannt. AI rechnet aber im Falle von China mit mehr als 1000 Hinrichtungen im Jahr 2011.


Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

China führt die tödliche Bilanz laut Amnesty International (AI) erneut an: In keinem anderen Land seien 2011 mehr Menschen hingerichtet worden, hiess es in der am Dienstag veröffentlichten Statistik der Menschenrechtsorganisation zu den Hinrichtungen und Todesurteilen 2011. Demzufolge wurden im vergangenen Jahr mindestens 676 Menschen in 20 Ländern hingerichtet nach mindestens 527 in 23 Ländern im Vorjahr. Das seien zwar mehr als ein Drittel weniger als noch vor zehn Jahren. Doch die tatsächliche Zahl dürfte erheblich höher liegen: Da Daten zur Todesstrafe in China als Staatsgeheimnis gälten, sei die exakte Zahl für das Land unbekannt.

AI geht jedoch davon aus, dass die Zahl der Todesurteile und Hinrichtungen in der Volksrepublik unverändert in die Tausende geht. Zudem sei zu befürchten, dass Menschen zum Tode verurteilt oder hingerichtet worden seien, ohne ein nach internationalen Rechtsstandards faires Verfahren erhalten zu haben. Das gelte für China, aber auch für andere Länder wie Weissrussland, den Irak und den Iran, Nordkorea und Saudiarabien. In manchen Ländern seien «Geständnisse» durch Folter oder andere Anwendung von Zwang erlangt worden. In Weissrussland und Vietnam sind laut AI die Gefangenen nicht davon in Kenntnis gesetzt worden, dass ihre Hinrichtung bevorstand, ihre Angehörigen und Rechtsanwälte seien ebenfalls nicht informiert worden.

Weissrussland einziges Land in Europa mit Hinrichtungen

Weissrussland ist das einzige Land in Europa, in dem 2011 Hinrichtungen stattfanden. Zuletzt wurden die umstrittenen Todesurteile gegen die beiden mutmasslichen U-Bahn-Attentäter von Minsk vollstreckt, obwohl es Zweifel an der Schuld der jungen Männer gab. Menschenrechtsaktivisten warfen der autoritären Regierung vor, die Wahrheit über die Anschläge durch die rasche Hinrichtung vertuschen zu wollen. Die EU kritisierte das Gerichtsverfahren gegen die mutmasslichen Attentäter als unfair. Scharfe Kritik kam auch von Bundeskanzleramtsminister Ronald Pofalla (CDU), der erklärte, die Todesstrafe sei unter keinen Umständen zu rechtfertigen.

Die beiden 26-Jährigen waren im November schuldig gesprochen worden, im April vergangenen Jahres eine Bombe in einer U-Bahn-Station in Minsk gelegt zu haben. 15 Menschen kamen bei dem Anschlag ums Leben, mehr als 300 wurden verletzt. Die mutmasslichen Attentäter wurden Mitte März per Genickschuss hingerichtet.

Lettland wurde indes am 1. Januar 2012 zum 97. Staat der Erde, der die Todesstrafe vollständig abgeschafft hat. Weltweit haben laut AI 141 Staaten die Todesstrafe gesetzlich oder in der Praxis abgeschafft. Umwandlungen von Todesurteilen oder Begnadigungen seien 2011 in 33 Staaten registriert worden nach 19 im Vorjahr.

Zahl der Hinrichtungen im Nahen Osten verdoppelte sich nahezu

Trotz solcher positiver Signale in Richtung Abschaffung der Todesstrafe weltweit gibt es laut AI neben China aber noch weitere Wermutstropfen: Im Nahen Osten habe sich die Zahl der offiziell bestätigten Hinrichtungen um fast 50 Prozent erhöht. Im Irak, Iran und Saudiarabien seien 2011 insgesamt 149 mehr Menschen hingerichtet worden als im Jahr 2010. Im Irak seien mindestens drei Menschen aufgrund von Verbrechen hingerichtet worden, die sie im Alter von unter 18 Jahren begangen hätten. Öffentliche Hinrichtungen seien 2011 aus dem Iran, Nordkorea, Saudiarabien und Somalia bekannt geworden.

2011 war erneut eine kleine Gruppe von Staaten für einen Grossteil der Hinrichtungen verantwortlich gewesen: China, der Irak und der Iran, der Jemen, Nordkorea, Saudiarabien, Somalia sowie die USA. Zwar sank 2011 die Zahl der Länder, in denen Menschen hingerichtet worden seien, im Vergleich zum Vorjahr von 23 auf 20 Länder. Die Zahl der Hinrichtungen ist aber im Jahresvergleich von mindestens 527 auf 676 gestiegen. Im Jahr 2009 wurde die geringste Zahl von Ländern verzeichnet, die die Todesstrafe verhängen, seit Beginn der Statistiken der 50 Jahre alten Menschenrechtsorganisation.

2011 wurden laut AI knapp 2000 Todesurteile ausgesprochen. Ende 2011 hätten noch mindestens 18'750 Menschen in Gefängnissen gesessen und auf die Vollstreckung ihrer Todesurteile gewartet. (mrs/dapd)

Erstellt: 27.03.2012, 08:17 Uhr

Amnesty fordert Aussetzung der Todesstrafe in Indien

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat Indien dazu aufgerufen, die für Sonntag geplante erste Hinrichtung seit acht Jahren zu stoppen. Zudem müsse ein offizielles Moratorium für die Todesstrafe verabschiedet werden.

In einem offenen Brief an Regierungschef Manmohan Singh erklärte Amnesty am Dienstag, die Hinrichtung des 2007 zum Tode verurteilten Balwant Singh Rajoana wäre ein gewaltiger Rückschritt.

«Hinrichtungen nach acht Jahren Pause wieder aufzunehmen, würde bedeuten, dass Indien sich gegen die regionalen und weltweiten Tendenzen stellt, die Todesstrafe abzuschaffen.» Letztlich müsse die Todesstrafe in Indien vollständig abgeschafft werden, fordert Amnesty.

Rajoana wurde wegen seiner Rolle bei der Ermordung des damaligen Regierungschefs des Bundesstaats Punjab, Beant Singh, im Jahr 1995 zum Tode verurteilt. Er soll am Sonntag im Gefängnis der Stadt Patiala in Punjab gehängt werden.

Zuletzt war in Indien 2004 ein Mann hingerichtet worden. In Indien sitzen Hunderte zum Tode Verurteilte im Gefängnis. Wegen des langsam arbeitenden Justizsystems sitzen sie häufig jahrelang in der Todeszelle. In der Regel werden Todesstrafen jedoch in lebenslange Haftstrafen umgewandelt. (sda)

Artikel zum Thema

Weshalb der Amok-Soldat der Todesstrafe wohl entgeht

Hintergrund Nach dem Amoklauf eines US-Soldaten in Afghanistan streiten die USA und Afghanistan um Gerichtsbarkeit und Bestrafung. Leon Panetta spricht von der Todesstrafe. Nahostexperte Ulrich Tilgner zweifelt daran. Mehr...

Amok-Soldat erlitt im Irak eine Kopfverletzung

Der Soldat, der in Afghanistan für ein Blutbad gesorgt hat, war offenbar ein ausgebildeter Scharfschütze und hat sich im Irak ein schweres Schädel-Hirn-Trauma zugezogen. Ihm droht die Todesstrafe. Mehr...

Todesstrafe für Attentäter von Marrakesch

Im April 2011 wurden in einem Café in Marrakesch 17 Menschen von einer Bombe getötet. Unter den Opfern befanden sich auch drei Schweizer. Einer der Verantwortlichen des Attentats wurde nun zum Tod verurteilt. Mehr...

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Russische Torte: Indische Konditoren legen letzte Hand an eine essbare Kopie der Moskauer Basilius-Kathedrale, die sie für die 45. Kuchenausstellung geschaffen. (12. Dezember 2019)
(Bild: Jagadeesh NV) Mehr...