Lybien

Menschenhandel am Strand

Libyen ist kein Staat mehr, sondern ein Schlachtfeld für Milizen – und deshalb der wichtigste Startpunkt für Flüchtlingsschiffe. Die Schlepper profitieren.

Von Libyen kommend: Die italienische Marine stoppt ein völlig überfülltes Boot. Foto: Italian Navy (Keystone)

Von Libyen kommend: Die italienische Marine stoppt ein völlig überfülltes Boot. Foto: Italian Navy (Keystone)

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Früher schwärmten im Frühjahr die ersten Badefreudigen zu den Stränden aus. Aber seit im Sand hin und wieder Leichen gefunden werden, traut sich das kaum noch jemand. Heute beherrschen die Schmuggler die Küste, Schleuser für Drogen, für Waffen, für Menschen, vor allem für Menschen. Zweieinhalb Jahre nach dem gewaltsamen Ende von Muammar al-Ghadhafi, der sich «König der Könige Afrikas» nannte, ist Libyen der wichtigste Startpunkt für Flüchtlingsschiffe aus Mali und Niger, Eritrea und Somalia, aber auch aus Syrien, Ägypten und Palästina, sogar aus Bangladesh. Und die Saison hat noch nicht einmal ­begonnen.

Zwei Drittel aller Flüchtlinge, die nach Italien wollen, beginnen ihre lebensgefährliche Reise in Libyen. Auch jene fast 400, die im Herbst in Misrata aufbrachen und vor Lampedusa starben. Auch die meisten der 4000 Unglückseligen, die Italien nun aus dem Wasser fischte. Italiens Innenminister Angelino Alfano brachte sogar die haarsträubende Zahl von 600 000 Menschen aus Afrika und dem Nahen Osten ins Spiel, die in Libyen auf die Abreise warten.

Ghadhafi, der Menschenhändler

Es ist, man muss gerecht sein, kein neues Problem. Während des Krieges gegen das Ghadhafi-Regime 2011 wagten sich fast 65 000 Menschen über die Mittelmeerroute nach Europa, im Jahr danach sank die Zahl auf knapp 16 000, stieg bis September 2013 aber wieder auf 31 000 an, meldet Frontex, die Agentur für die Sicherung der EU-Aussengrenzen. Frontex hat aber auch verzeichnet, dass 2008 fast 40 000 Flüchtlinge über diesen Weg in Italien ankamen, der Menschenhandel jedoch fast völlig eingestellt wurde, nachdem Ghadhafi ein Abkommen mit Italien getroffen hatte.

Der Diktator, der sich als Heilsbringer des Kontinents huldigen liess, war der grösste Menschenhändler: Er nutzte Europas Angst vor dem Menschenstrom bis zuletzt. Noch im Januar 2011, der Aufstand war nur Wochen entfernt, drohte er auf einem EU-Afrika-Gipfel mit der Aufkündigung der Zusammenarbeit in Flüchtlingsfragen, sollte die millionenschwere finanzielle Unterstützung nachlassen. Der «christliche, weisse Kontinent» Europa werde dann «schwarz» werden, warnte er und wiederholte seine Drohung ähnlich etwas später, als die Nato auf der Seite der Rebellen seine Armee bombardierte.

Heute sehnt sich vielleicht mancher europäische Migrationspolitiker zurück nach der schönen alten Hierarchie in Tripolis, denn mit einem Abkommen allein lässt sich der Flüchtlingsstrom nicht mehr aufhalten. Libyen ist kein Staat, sondern ein Schlachtfeld für Milizen, die sich politischen Gruppen angeschlossen haben – oder umgekehrt. Die politische Krise ist ein Dauerzustand. Die Zahl der Kämpfer ist explodiert – und wird vom Staat finanziert. Polizei und Armee werden gerade erst gegründet und ausgebildet. Aber die Sicherheitskräfte haben den Milizen nichts entgegenzusetzen. «Es gibt 21 Millionen Waffen in Libyen und alle unsere Nachbarländer haben Probleme. Wie sollen wir damit fertig werden?», sagt der Polizeioffizier Abdel Salam Ashur: «Der Menschenhandel geschieht an jedem Ort der Küste und die ist 1800 Kilometer lang. Wer Geld machen will, schmuggelt Menschen.»

Überfahrt kostet 100 Euro

Ashur will ein libysches Kriminalamt aufbauen, aber er kennt seine Grenzen. Viele seiner Männer gehören weiterhin Milizen an. Ihre Loyalität für Stamm, ­Familie oder Stadt ist grösser als für seine Behörde. «Wenn wir jemanden verhaften wollen, ruft ihn ein Verwandter bei der Polizei an und sagt: Wir kommen, versteck dich.» Und die Kämpfer mächtiger Milizen bewegen sich zur Erbitterung der Libyer ohnehin über dem Gesetz.

So lungern die glücklicheren Afrikaner auf dem Tagelöhnerstrich in Tripolis herum, um das Geld für die Überfahrt zu verdienen, 700 oder 1000 Euro, manche arbeiten Jahre dafür. Sie starten in Suwara oder Misrata oder an irgend­einem anderen Ort. Wenn sie Glück ­haben, bekommen sie Schwimmwesten, wenn sie Pech haben, nicht. Von Suwara nach Italien sind es keine 300 Kilometer, wenn alles gut läuft, dauert die Überfahrt nicht mal 24 Stunden. Oft dauert sie länger, Tage, Wochen, für die die Schlepper weder Benzin noch Wasser oder Lebensmittel laden. Die meisten Menschenhändler begleiten die überfüllten Flüchtlingsschiffe bis in internationale Gewässer, dann sind die Passagiere auf sich allein gestellt – nach einer kurzen Einweisung in GPS, Satellitentelefon und Karten.

Milizen und Schleuser arbeiten Hand in Hand

Viele kommen gar nicht erst so weit, sie werden aufgegriffen und in Wüstengefängnisse gebracht. Kufra kurz vor der ägyptischen Grenze und Sebha im Süden sind berüchtigt für Folter, Vergewaltigungen und Menschenhandel. Angeblich arbeiten libysche Milizen und afrikanische Schleuser Hand in Hand. «Sie bieten libyschen Besuchern Frauen an wie eine Tasse Tee», erinnert sich eine Überlebende.

Ein italienischer Staatsanwalt verglich die Auffanglager mit Konzentrationslagern, was bemerkenswert ist, schliesslich unterhielt die Kolonialmacht Italien einst selbst KZs in Libyen. Manche Flüchtlinge werden irgendwann wieder abgeschoben. Zu den vielen Dingen, die Libyen erledigen müsste, ehe es ein regulärer Staat wird, gehört auch ein Asylgesetz.

Erstellt: 11.04.2014, 02:11 Uhr

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