Mit Bomben – und neuerdings mit abwertenden Kürzeln

Warum wird der Name «Islamischer Staat» für eine Terrorgruppe akzeptiert? Die Franzosen weigern sich nun und setzen auf «Daesh». Über den verbalen Deutungskampf im Irak- und Syrienkrieg.

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«Man muss die Dinge korrekt benennen», sagte Laurent Fabius gestern im Interview auf CNN. Der sogenannte Islamische Staat (IS) sei erstens kein Staat und repräsentiere zweitens nicht die Muslime. Die Bezeichnung sei deshalb gleich ein doppelter Fehler, so der französische Aussenminister. Frankreich beteiligt sich an der Koalition gegen die Terrormiliz und hatte am Freitag erste Luftschläge im Irak geflogen, wobei Präsident François Hollande auch den Term «Daesh» für die Gruppe verwendet hatte.

Das in hiesigen Medien kaum geläufige Wort ist ein adaptierter Ausdruck aus dem Arabischen, der sich aus den ersten vier Buchstaben von «Dawlat al-Islāmiyya fī al-Irāq wa s-Shām» (Islamischer Staat im Irak und in der Levante) ergibt. Alternative lateinische Schreibweisen sind «Daish» oder «Daiish». In arabischen Medien wird die Abkürzung bereits länger verwendet. Die Miliz selbst hasst diesen Namen wegen seines negativen Beigeschmacks. Auf Arabisch evoziert der Klang von «Daesh» Assoziationen mit dem Wort «Dash». Dieses wird mit «niedertrampeln», «zunichtemachen» oder «mit Füssen treten» übersetzt.

Kampf um die Deutungshoheit

Wie der britische Botschafter im Irak, Simon Collis, dem «Guardian» erklärte, habe sich der Plural von «Daish» im arabischen Raum inzwischen eingebürgert als Synonym für Fanatiker, die anderen ihre Ansichten aufzwingen wollen. Unter der IS-Herrschaft stünde das Wort unter Strafe, wird berichtet. Die Auseinandersetzung zeigt die linguistische Dimension des Kriegs gegen die Gruppe, die derzeit grosse Gebiete im Irak und in Syrien kontrolliert. Front bezieht darin auch der irakische Premierminister Haider al-Abadi. Er spricht nicht vom «Islamischen Staat», sondern verwendet «Daesh».

«Mit dem Ausdruck ‹Islamischer Staat› bewegt man sich auf dünnem Eis», sagt Reinhard Schulze, Islamwissenschaftler an der Universität Bern, zu Tagesanzeiger.ch/Newsnet. «Es besteht die Gefahr, dass sich die Kämpfer dadurch anerkannt fühlen.» Schulze verweist darauf, dass mit der Sprache immer auch Fragen der Deutungsmacht verbunden seien. Die Öffentlichkeit besitze allerdings noch gar keine adäquaten sprachlichen Kategorien für die islamistische Gruppierung im Irak und in Syrien. «Egal welches Wort man verwendet, man liegt fast notwendigerweise schief.»

Der Kompromiss von AP

Die Bewegung selbst hat über die Zeit mehrmals den Namen gewechselt. Nach der amerikanischen Invasion 2004 formierte sich unter Abu Musab al-Zarqawi die Gruppe «al-Qaida im Irak». Im Lauf des Aufstands entstand daraus der «Islamische Staat im Irak». Später kam es zum gebietsübergreifenden Namen «Islamischer Staat im Irak und in der Levante» (Isil). Unter der Führung des Predigers Abu Bakr al-Baghdadi wurde im Mai 2014 der «Islamische Staat» ausgerufen. Der Islamwissenschaftler Reinhard Schulze hält es für eine vertretbare Lösung, den Namen zu übernehmen. «Die Bezeichnung lädt sich von selbst schnell negativ auf.»

Ägyptische Geistliche riefen letzten Monat dazu auf, man solle den Ausdruck «Al-Kaida-Separatisten» verwenden. Auch Washington ringt um Worte. Für ihn seien es die «Feinde des Islam», antwortete der Aussenminister John Kerry kürzlich einem Abgeordneten, der wissen wollte, gegen wen Amerika nun eigentlich Krieg führe. Präsident Obama hält sich derweil an den Term Isil, während in US-Medien Isis geläufig ist. Einen eigenen Weg hat die Agentur Associated Press gefunden. Sie spricht neuerdings von der «Islamic State group». Dies, um den Anschein zu vermeiden, dass es sich dabei um einen international anerkannten Staat handle. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.09.2014, 12:49 Uhr

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