Mit Pfeil und Bogen gegen den Terror

Boko Haram terrorisiert den Nordosten Nigerias – besetzt Städte, metzelt ganze Dorfgemeinschaften nieder. Warum konnte die mächtige Armee die wenigen Tausend Islamisten nicht stoppen?

Mit selbstgebastelten Waffen an die Front: Mitglieder einer Bürgerwehr aus Yola auf dem Weg zur Befreiung von Mubi (6. Dezember 2014). Foto: Anadolu Agency (Getty Images)

Mit selbstgebastelten Waffen an die Front: Mitglieder einer Bürgerwehr aus Yola auf dem Weg zur Befreiung von Mubi (6. Dezember 2014). Foto: Anadolu Agency (Getty Images)

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In immer kürzeren Abständen auftauchende Auto- und Motorradwracks lassen keinen Zweifel zu: Wir nähern uns dem Ziel unserer Reise durchs Land der Boko-Haram-Sekte. Auch die Frequenz der Strassensperren des nigerianischen Militärs nimmt zu. Inzwischen fordern die uniformierten Wegelagerer alle paar Kilometer Geld. Als am Horizont Minarette auftauchen, ist neben der Strasse ein Feld mit herumliegenden Kleidungsstücken auszumachen: Wer genau hinschaut, sieht aus den zerfetzten Hosen und Hemden verwesende menschliche Körperteile ragen. Überreste von Kämpfern der Boko-Haram-Sekte, die bei der Rückeroberung der Stadt ums Leben ­kamen: Bislang fand sich niemand, der den verhassten Aufständischen mit einem Grab die letzte Ruhe gönnte.

Vor uns liegt Mubi. In der mit über 200'000 Einwohnern zweitgrössten Stadt des nigerianischen Bundesstaates Adamawa riefen die Fanatiker Ende vergangenen Jahres ihr Kalifat aus. In dem Reich sollten die Gesetze einer aufs Schärfste ausgelegten Scharia gelten. In einem Blitzkrieg, den niemand für möglich gehalten hatte, eroberte die Sekte ein Territorium von der Grösse Belgiens: Warum Nigerias mächtiges Militär den Ansturm der höchstens 9000 Kämpfer zählenden Extremistentruppe nicht aufzuhalten vermochte, ist eine Frage, die den bevölkerungsreichsten Staat Afrikas kurz vor den mit Spannung erwarteten Wahlen am 14. Februar wie keine andere umtreibt.

Wie die Termiten

Der Chef der letzten Strassensperre vor Mubi stellt sich als besonders hartnäckig heraus. Zum Zutritt in die Stadt sei eine Genehmigung des Batallionskommandeurs nötig. Der residiert jedoch mehr als 100 Kilometer entfernt. «Die wollen nicht, dass ihr seht, wie trostlos die Stadt aussieht», sagt Aliya Garga, ein pensionierter Schuldirektor, den wir vor den Toren Mubis treffen. Tatsächlich weigert sich Nigerias Regierung seit Wochen, ausländischen Journalisten Visa zur Wahlberichterstattung zu erteilen: Wer trotzdem als Tourist einreist, riskiert eine Gefängnisstrafe. Selbst unser mit einem selbst gebastelten Vorderlader und einer Axt bewaffneter Sicherheitsbegleiter, Chef einer Bürgerwehr, vermag den Offizier nicht umzustimmen.

Was wir in Mubi zu sehen bekommen hätten, sei nicht besonders einladend, berichtet unser Informant Garga: eine verwaiste Stadt, zerstörte Kirchen und Banken, auch die Stände auf dem Marktplatz seien niedergebrannt. Während ihrer vierwöchigen Herrschaft im November hätten die Boko-Haram-Kämpfer die Stadt ausgeräumt wie Termiten einen Baumstumpf, so der Schuldirektor.

Der übergewichtige Garga erlebte die Besetzung von Mubi mit. Der 55-Jährige war zu betagt und unbeweglich, um den Milizionären gefährlich werden zu können. Im Gegensatz zu den meisten Mitgliedern seiner über 20-köpfigen Grossfamilie, die fast alle das Weite suchten, verschanzte er sich mit seiner schwerkranken Mutter und zwei Schwestern im Haus. Viel hat er von der Okkupation nicht mitbekommen. Doch was ihn am meisten beunruhigte, geschah ohnehin zu Beginn. Etwa 50 Boko-Haram-Kämpfer auf Motorrädern hätten die Stadt innert Stunden eingenommen – trotz eines in Mubi stationierten Bataillons mit viertausend Mann und Panzerwagen.

Drei Kategorien

Dabei sei am Angriff nichts überraschend gewesen, fügt Gargas Neffe, der 26-jährige Student Kabiru Hassan, hinzu. Vier Wochen lang – seit die Milizionäre die rund hundert Kilometer entfernte Stadt Michika in ihre Gewalt gebracht hatten – seien Gerüchte kursiert, wonach als nächstes Mubi dran sei: Die Soldaten hätten sich also in aller Ruhe auf den Angriff vorbereiten können. Als die Aufrührer tatsächlich kamen, hätten sie als Erstes Kaserne, Polizeistation und Gefängnis angegriffen. «Ohne Widerstand zu leisten», sagt Kabiru Hassan, «rannten unsere Beschützer davon.»

Die Okkupation sei «schrecklich» gewesen, so Garga. Doch von den üblichen Horrorberichten aus den Hochburgen militanter Islamisten – von Zwangshei­raten, Hinrichtungen, öffentlichen Auspeitschungen und abgehackten Gliedmassen – habe er nichts mitbekommen. Die Besatzer hätten die Bevölkerung zur Einhaltung strikter islamischer Regeln angehalten, sämtliche Wahlplakate mit schwarzer Farbe übermalt und vor allem: gestohlen. Die Sektenmitglieder seien in drei Kategorien einzuteilen: in ideologische Fanatiker, an ihren langen Bärten und den nur bis über die Knöchel reichenden Hosen zu erkennen; in gemeine Kriminelle, weniger an Religion als an Beute interessiert; und in die zur Mitgliedschaft gezwungenen Entführten, die tun, was ihnen befohlen wird. Allen wird ein Mal in den Rücken gebrannt. Es macht sie zu Ausgestossenen.

Im Nordosten Nigerias gibt kaum jemand zu, mit einem Boko-Haram-Kämpfer persönlich bekannt zu sein. Doch Abbas Sani aus dem eine Autostunde von Mubi entfernten Gombi kennt zumindest ein Sektenmitglied so gut wie keinen anderen Menschen: Sein älterer Bruder Abubakar hatte sich vor neun Jahren den Extremisten angeschlossen. Der inzwischen 32-Jährige, mit dem er einst gemeinsam als Schreiner arbeitete, sei ein eher stiller Geselle gewesen, der es mit der Religion wohl etwas ernster genommen habe, erzählt Abbas. Doch dass der Bruder in den Fängen der Sekte landete, könne er nur mit dem schlechten Einfluss eines seiner Freunde erklären. Als Boko-Haram-Kämpfer Ende 2014 Gombi überrannten, stand Abbas vor dem Elternhaus plötzlich dem Bruder gegenüber: Er habe nichts zu befürchten, beruhigte ihn Abubakar. In vertauschten Rollen würde er den Bruder heute niederschiessen, sagt Abbas: «Er hat sein Recht auf Leben verspielt.»

Zumindest die Ursprünge der Sekte sind unter Experten unumstritten. Ihr Gründer Mohammed Yusuf wetterte zu Beginn des Millenniums nicht nur gegen die Verwahrlosung der religiösen Sitten, sondern auch gegen die Armut im Norden Nigerias, gegen den obszönen Reichtum einer kleinen Elite und die schamlose Korruption – dem Grund für die Kluft in der zutiefst zerrütteten Gesellschaft. «Ohne Armut, Korruption und die miserable Regierungsführung hätte es die Sekte nie gegeben», sagt Kemi Okenyodo, Chef einer nigerianischen Menschenrechtsorganisation.

In für Nigeria typischer Manier machte sich ein Anwärter auf das Gouverneursamt die Dienste der meist jugendlichen Sektenmitglieder zunutze und versprach ihnen im Fall seines Wahlsiegs Jobs und Einfluss auf die Politik. Als er die Versprechen nicht ­einhielt, zogen die erzürnten Fanatiker auf die Strasse. Ihren Protest schlugen die Sicherheitskräfte mit grosser Brutalität nieder. Yusuf wurde verhaftet und in der Haft ermordet. Unter seinem Nachfolger Abubakar Shekau erlebte die Sekte einen gravierenden Wandel: Für den aufbrausenden Hitzkopf spielen politische oder soziale Probleme gar keine Rolle mehr – er propagiert den Terror.

Afrikas blutigster Konflikt

Vor gut einem Jahr nahm dieser Terror neue Dimensionen an. Boko Haram richtete Blutbäder unter Internatsschülern an und entführte Hunderte von Abitu­rientinnen, um sie als Sexsklavinnen zu halten. Mädchen wurden Sprengstoffgürtel umgebunden, die sie auf überfüllten Marktplätzen zündeten, während die Milizionäre ein Massaker nach dem anderen unter Dorfbewohnern anrichteten, ganz gleich, ob es sich um Christen oder Muslime handelte. In den vergangenen zwölf Monaten sollen im Nord­osten Nigerias mehr als 5000 Menschen umgekommen sein. Mit gegenwärtig durchschnittlich 27 Toten pro Tag ist der Konflikt der blutigste in Afrika. Als die Sekte ihre Absicht erklärte, im Zentrum des Kontinents einen Islamischen Staat zu errichten, schreckte auch das westliche Ausland auf. Etwas musste getan werden. Aber was?

Als grösstes Problem der Boko-Haram-Bekämpfer stellte sich Nigerias Militär heraus. Sämtliche Waffen, die der Armee zur Verfügung gestellt werden, drohen der Sekte in die Hände zu fallen: Die acht Milliarden Dollar, die ­Nigerias Regierung offenbar zusätzlich in die Streitkräfte pumpte, versickerten, ohne bei den Truppen irgendwelche Spuren zu hinterlassen. Lange schon wird den Generälen eines der korruptesten Staaten der Welt vorgeworfen, den Konflikt im Boko-Haram-Land sogar noch zu schüren: Nur so fliessen die ­Extragelder, die die Offiziere dann absahnen können. Berichten zufolge sind die Soldaten an der Front in jeder Hinsicht ausgehungert. Nicht selten würden sie bloss mit etwas Munition in den Kampf geschickt, müssten gelegentlich sogar ihre Uniformen und Stiefel selbst kaufen. «Nigerias Streitkräfte sind ein Schatten ihrer selbst», klagt Ex-General Muhammadu Buhari, Herausforderer von Präsident Goodluck Jonathan bei den Wahlen: Und das sei so gewollt.

Auf einer Wahlkundgebung im Stadion von Yola, der Hauptstadt des Staates Adamawa, sieht sich der Präsident gezwungen, fast seine gesamte Redezeit dem Vorwurf zu widmen, dass er und seine Partei von den Umtrieben der Sekte profitierten. Denn wegen der unsicheren Lage im Nordosten des Landes können zahllose Vertriebene nicht zu den Urnen gehen. Die Region gilt als Hochburg der Opposition. Um seine in der Öffentlichkeit vermisste Betroffenheit über den Terror der Sekte Ausdruck zu verleihen, bittet der Präsident um eine Schweigeminute. Sie fällt kaum zehn Sekunden lang aus. Schliesslich verspricht Jonathan den Bewohnern Yolas – deren Zahl sich angesichts der über 300'000 Vertriebenen aus dem Umland verdoppelt hat –, dass der Boko-Haram-Terror bald ein Ende haben werde: Zumindest darin, sagen Beobachter, habe der Präsident vermutlich recht.

Mit Pfeil und Bogen

Besuch bei der Bürgerwehr in Yola Nord. In einer Baracke haben sich acht Männer in selbst genähten Uniformen eingefunden: Stolz präsentieren sie als Waffen Pfeil und Bogen, die im Ernstfall mit Gift angereichert werden, sowie selbst gebastelte Gewehre. Statt Schrot verwenden sie zerstossenes Blei aus Autobatterien, und um die Brust haben sie mit Zaubermitteln gefüllte Täschchen hängen. Ein ordentlicher «Vigilant» werde nicht einmal von einer aus nächster Nähe auf ihn abgefeuerten Kugel getötet, versichert Kommandant Abdullahi Ajiya: Sie fliege zurück, um den Schützen zu töten. Keiner seiner Männer sei jemals ernsthaft zu Schaden gekommen.

Und dabei waren sie es, die Mubi befreiten. Die Bürgerwehren, die sonst unentgeltlich die Polizei unterstützen, hatten die Sache mit Boko Haram irgendwann satt. Gemeinsam mit Gruppen von «Vigilantes» aus anderen Teilen der Provinz machte sich Kommandant Ajiya in Richtung Mubi auf – das Einzige, was sie gestellt bekamen, war ein Pick-up der Provinzregierung. Vor der Stadt liessen sie sich von Soldaten die Lage erklären. Über Nacht marschierten die Bürgerwehren mit ihren Vorderladern auf die Hauptstadt des islamischen Reiches vor – die in Panik fliehenden Sektenmitglieder vor sich hertreibend. Am Morgen wurden sie von Mubis jubelnder Rest­bevölkerung in Empfang genommen.

Schuldirektor Garga war einer der Ersten, der die Befreier begrüsste. Laut seinen Beobachtungen hat sich inzwischen aber die Moral und die Ausrüstung des Militärs verbessert: «Die Soldaten machen einen viel enthusiastischeren Eindruck.» Er gehe jede Wette ein, dass in ein paar Wochen keiner mehr über Boko Haram rede, sagt ein ehemaliger US Marine, der für die Sicherheit ­einer privaten Universität in Yola sorgt: Dann seien die Wahlen vorbei und keiner brauche die Aufwiegler mehr.

Erstellt: 05.02.2015, 22:58 Uhr

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