Mit neuer Strategie gegen Boko Haram

Die Afrikanische Union greift in den Konflikt in Nigeria ein. Was die neue Strategie bringen kann, sagt der Militärexperte Alexandre Vautravers.

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Boko Haram terrorisiert den Nordosten Nigerias seit nunmehr fünf Jahren und will dort ein radikalislamisches Kalifat durchsetzen. Zuletzt versuchte die Terrorgruppe, die Millionenstadt Maiduguri zu erobern. In den Städten Gombe und Potiskum starben bei Anschlägen mindestens 14 Menschen. Die wegen ihrer Brutalität gefürchtete Terrormiliz besetzte in einer seit Januar laufenden Offensive mehrere Grenzstädte, was auch die Nachbarstaaten in Unruhe versetzt hat. Alarmiert sind insbesondere der Tschad und Kamerun.

Auf die zunehmende Regionalisierung des Konflikts reagiert nun die Afrikanische Union (AU) mit dem Aufbau einer Eingreiftruppe mit 7500 Soldaten. Wie die AU am Wochenende in Addis Abeba beschlossen hat, beteiligen sich fünf Länder an der Militäraktion gegen Boko Haram: Nigeria, Kamerun, Niger, Tschad und Benin. Der Einsatz ist zunächst auf zwölf Monate befristet, eine Verlängerung ist möglich. Militärexperten beraten demnächst in Kameruns Hauptstadt Yaoundé über die Einzelheiten. Noch unklar ist auch die Finanzierung: «Das ist eine grosse Herausforderung, denn der Kampf gegen Terrorismus dauert generell lange», sagt der zuständige AU-Kommissar Smail Chergui. «Es gibt aber bereits Gespräche, und wir loten alle Möglichkeiten aus.»

Erste Aktionen des Tschad in Nigeria

Obwohl die Details der AU-Eingreiftruppe noch offen sind, ist der Tschad als erste ausländische Kraft auf nigerianischem Boden gegen die Extremisten vorgegangen. Panzer und etwa 2000 Infanteristen aus dem Tschad rückten heute in die von Boko Haram besetzte Stadt Gamboru vor, wie die Nachrichtenagentur AFP berichtet. «Solche Militäraktionen kommen zu spät. Und sie sind zu begrenzt, um entscheidend zu sein im Kampf gegen Boko Haram», sagt Alexandre Vautravers, Militärexperte und Professor für Internationale Beziehungen an der Webster University in Genf.

Vautravers äussert sich skeptisch über die Wirksamkeit der neuen Eingreiftruppe. Militärische Missionen der AU seien in der Vergangenheit immer auf Hilfen von UNO oder Nato angewiesen gewesen. Der UNO-Sicherheitsrat in New York soll nun die AU-Mission mit einer Resolution unterstützen. «Trotzdem bleiben die militärischen Fähigkeiten der afrikanischen multinationalen Kräfte limitiert», sagt Vautravers. «Im besten Fall können sie kontrollierende oder stabilisierende Aufgaben wahrnehmen.»

USA bauen Drohnenbasis in Niger

Wie Vautravers erklärt, ist es vor allem die UNO, die solche Militärmissionen in Afrika finanziert. Was die Ausbildung und das Training der Soldaten anbelange, sei die Nato federführend. Auch bei Kommunikationssystemen, Logistik und Helikoptern hätten die meisten afrikanischen Armeen Nachholbedarf und bräuchten darum Unterstützung von aussen. Laut Vautravers baut nun das Afrika-Kommando der USA eine wichtige Drohnenbasis in Niger. Damit könnten in naher Zukunft auch amerikanische Aufklärungs- und Kampfdrohnen gegen Boko Haram zum Einsatz kommen.

Um gegen die Terrormiliz die Oberhand zu gewinnen, braucht es nach Ansicht von David Rodriguez, Leiter des Afrika-Kommandos der USA, eine «riesige internationale und multinationale Anstrengung». US-Aussenminister John Kerry hat Nigeria kürzlich bei einem Besuch in Lagos weitere Unterstützung im Kampf gegen Boko Haram angeboten.

Nigerianische Armee in schlechtem Zustand

Nigeria geht im Nordosten des Landes mit Bodentruppen und der Luftwaffe gegen die islamistischen Extremisten vor. Die grösste Armee Westafrikas tut sich aber sehr schwer. Die Opposition in Nigeria wirft der Regierung und dem Militär im Kampf gegen Boko Haram totales Versagen vor. Grund dafür seien die schlechte Ausrüstung der Armee, die niedrige Moral der Soldaten, chaotische Zustände in der internen Kommunikation sowie bestechliche Offiziere, die mit den Extremisten kollaborierten und Waffen lieferten.

Erfolgreich ist Boko Haram im armen und mehrheitlich muslimischen Norden des Landes. Die Terrormiliz kontrolliert mindestens die Hälfte des Bundesstaates Borno im Nordosten Nigerias sowie Gebiete in den benachbarten Bundesstaaten Adamawa und Yobe. Im August 2014 riefen die Extremisten in der Region ein islamisches Kalifat aus. Derzeit halten sie nach Schätzung von Amnesty International rund 130 Städte und Dörfer. In Nigeria herrschen Korruption, Misswirtschaft, Repression und Armut: Damit bietet es einen fruchtbaren Boden für Organisationen wie Boko Haram.

Vor der für 14. Februar geplanten Präsidentschaftswahl verstärken die Extremisten ihren Kampf, der bereits 13'000 von Menschenleben gekostet hat. Präsident Goodluck Jonathan will sich für eine weitere Amtszeit wiederwählen lassen. Präsident Jonathan stammt aus dem christlich geprägten, vergleichsweise reichen Süden Nigerias.

Erstellt: 03.02.2015, 20:23 Uhr

Alexandre Vautravers ist Professor für Internationale Beziehungen an der Webster University in Genf und Chefredaktor der «Revue militaire suisse». In der Schweizer Armee diente er als Oberstleutnant im Generalstab bei den Panzertruppen.

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