Nach Raketenbeschuss von Tel Aviv droht Eskalation

Die israelische Armee fliegt Vergeltungsangriffe im Gazastreifen. Premier Netanyahu wird kurz vor den Wahlen aufgefordert, hart durchzugreifen.

Nach dem Angriff auf Tel Aviv bombardierte die israelische Luftwaffe in der Nacht auf Freitag postwendend Ziele im Gazastreifen. Foto: Keystone

Nach dem Angriff auf Tel Aviv bombardierte die israelische Luftwaffe in der Nacht auf Freitag postwendend Ziele im Gazastreifen. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Am Donnerstagabend waren plötzlich Sirenen in Tel Aviv und Umgebung zu hören: Zwei Raketen waren aus dem Gazastreifen abgeschossen worden und die Abwehrsysteme sprangen an, in der Nacht wurden insgesamt neun weitere Raketen in mehreren Wellen vom Gazastreifen Richtung Israel angefeuert. Die meisten wurden vom Raketenabwehrsystem Iron Dome abgefangen oder landeten auf freiem Feld. Die israelische Armee griff eigenen Angaben zufolge rund hundert Ziele im Gazastreifen an.

Wer konnte, suchte den nächstgelegenen Bunker auf – zum ersten Mal seit Ende des Gazakrieges 2014. Bürgermeister Ron Huldai ordnete an, dass die Schutzeinrichtungen geöffnet blieben. Es gab keine Verletzten oder Sachschäden. Veranstaltungen wie ein Basketballspiel mit 10'000 Besuchern wurden weiter durchgeführt, auch für Freitag wurden keine besonderen Sicherheitsvorkehrungen verlautbart.

In den vergangenen Monaten waren vor allem die israelischen Orte rund um den Gazastreifen von Raketen- und Mörserangriffen militanter Palästinenser betroffen. Tel Aviv liegt rund 60 Kilometer vom Grenzübergang Erez entfernt.

Premierminister Benjamin Netanyahu, der gleichzeitig auch das Amt des Verteidigungsministers ausübt, fuhr am Abend mit Blaulichteskorte in das Hauptquartier der Armee in Tel Aviv. Was dort im Beisein des noch neuen Generalstabschef Aviv Kochavi und des Geheimdienstchefs Nadav Argaman beschlossen wurde, darüber gab es nach dem Treffen keine Auskunft. Es hiess lediglich, Entscheidungen seien getroffen worden.

Hamas weist Urheberschaft von sich

Die israelische Luftwaffe begann jedoch gegen 1.30 Ortszeit mit Angriffen auf Ziele im Gazastreifen. Auch wenn die Hamas, so wie andere militante Organisationen im Gazastreifen auch, in Abrede stellte, hinter dem Raketenbeschuss zu stecken, machte die israelische Armee die Machthaber in der Küstenenklave dafür verantwortlich. Laut palästinensischen Angaben wurden Ziele im Norden und im Süden des Gazastreifens sowie Gaza-Stadt angegriffen, es soll sich um Sicherheitsposten der Hamas gehandelt haben. Auch der Hafen bei Khan Yunis soll bombardiert worden sein.

Die Angriffe sollen deutlich heftiger ausgefallen sein als in den vergangenen Tagen. Denn einzelne Raketen und mit Brandsätzen ausgestattete Flugobjekte waren wiederholt über die Grenze geschickt worden, die israelische Armee übte daraufhin Vergeltungsangriffe aus.

Wiederholter Raketenalarm

Das waren kleinere Scharmützel, aber ein Angriff auf Tel Aviv und den dicht besiedelten Zentralraum wurde als ernst zu nehmende Eskalation eingestuft. Selbst die Armee wurde überrascht, wie Sprecher Ronen Manelis eingestand. Eine ägyptische Delegation, die wegen der Verhandlungen über einen längerfristigen Waffenstillstand wieder einmal im Gazastreifen war, verliess die Küstenenklave noch am Abend – auch auf Anraten der israelischen Armee.

Unmittelbar nach Beginn der ersten Vergeltungsangriffe gab es Raketenalarm in israelischen Orten rund um den Gazastreifen. Laut Militärangaben wurde eine Rakete abgefeuert, sie landete aber im Gazastreifen. Rund eineinhalb Stunden später heulten erneut Sirenen: Zwei Raketen wurden Richtung Israel abgeschossen, eine wurde von Iron Dome abgefangen.

Unruhe schüren vor den Wahlen

In rund drei Wochen finden in Israel Parlamentswahlen statt. Politiker vor allem rechter Parteien forderten Netanyahu zu harschen Reaktionen bis hin zur gezielten Tötung von Hamas-Führern auf. Weil die im Gazastreifen regierende Hamas und die zweitgrösste Gruppe, der Islamische Jihad, die Verantwortung für den Raketenabschuss diesmal vehement in Abrede stellten, geriet eine andere Gruppe in Verdacht: die vom Iran unterstützte Al-Sabrin-Organisation. Ihr Anführer Hisham Salam soll lokalen Medienberichten zufolge zuvor von der Hamas festgenommen worden sein. Um der Hamas zu schaden, könnte diese Gruppe Tel Aviv ins Visier genommen haben, so die Vermutung von Sicherheitsexperten.

Wenn die auf den Grossraum Tel Aviv abgefeuerten Geschosse gefunden werden, könnte der Urheber leichter identifiziert werden, da die einzelnen Gruppen im Gazastreifen Raketen unterschiedlichen Typs einsetzen. Mit Spannung wird erwartet, welche Entscheidungen Netanyahu getroffen hat, die er im Laufe des heutigen Freitags der Öffentlichkeit mitteilen wird.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 15.03.2019, 10:54 Uhr

Artikel zum Thema

Aufstand der Topmodels gegen Netanyahu

Der israelische Premierminister attackiert im Wahlkampf die arabische Minderheit. Mehr...

Netanyahu light

Kommentar Warum der ehemalige General Benny Gantz gute Chancen hat, Israels Premier Benjamin Netanyahu am 9. April von der Macht zu verdrängen. Mehr...

Ist das Netanyahus politisches Ende?

Israel wählt im April – und nun muss der Premierminister sich in drei Korruptionsfällen verantworten. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Wettbewerb

Gewinnen Sie dieses E-Bike

Nehmen Sie am SBB Wettbewerb «Freizeit und Reisen» teil und mit etwas Glück gewinnen Sie ein E-Bike der Marke FLYER im Wert von 1990 Franken.

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Wiederspiegelt die Gesellschaft: Ein Fahrradfahrer fährt im Lodhi Art District von Neu Dehli an einem Wandbild vorbei. (24. März 2019)
(Bild: Sajjad HUSSAIN) Mehr...