Nichts könnte zynischer sein als Erdogans Lügen

Der türkische Einmarsch in Syrien verlängert den Krieg mit der PKK – und der Bundesrat muss nach einer Fehleinschätzung handeln.

«Wer Städte bombardiert, schafft selten Frieden»: Bombeneinschlag in der Grenzstadt Ras al-Ain. Foto: Reuters

«Wer Städte bombardiert, schafft selten Frieden»: Bombeneinschlag in der Grenzstadt Ras al-Ain. Foto: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es gehe um Frieden in Syrien und um die Rückkehr syrischer Flüchtlinge in ihr Heimatland, lautet Ankaras offizielle Erklärung für die türkische Invasion in Nordsyrien. Nichts könnte zynischer sein als diese Lügen. Wer Städte bombardiert, schafft selten Frieden – und verursacht zuerst einmal neue Vertriebene.

Doch beginnen wir mit einer der ganz wenigen Behauptungen Ankaras, die einen Wahrheitsgehalt haben. Pauschal verunglimpft der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan die in Nordsyrien beheimateten Syrian Democratic Forces (SDF) als Terroristen, obwohl diese zusammen mit den USA und anderen westlichen Kräften das Kalifat des sogenannten Islamischen Staats (IS) zerschlagen haben.

Die SDF bestehen mindestens zur Hälfte aus arabischen Kämpfern. Ihr stärkster Teil, die kurdisch dominierten Volksverteidigungskräfte (YPG), sind allerdings – wie von Ankara korrekt dargestellt – der verlängerte Arm der türkisch-kurdischen PKK (Arbeiterpartei Kurdistans) in Syrien. Und die PKK gilt in den meisten Ländern des Westens – Ausnahme ist die Schweiz – als Terrororganisation.

Der Westen sollte Ankara sofort mit Wirtschaftssanktionen in die Schranken weisen.

Zwischen PKK und YPG einerseits und Terrorbewegungen wie dem IS oder al-Qaida andererseits liegen jedoch Welten. Und es war Erdogan, der jahrelang beide Augen zugedrückt hat, als Jihadisten aus aller Welt via Türkei zum IS und zu al-Qaida in Syrien strömten. Wenn Ankara behauptet, es bekämpfe mit seiner jüngsten Invasion gleichermassen die Terroristen der SDF und des IS, dann ist das nur Hohn.

Zusammen mit ihren syrischen Söldnerverbänden versuchen die Türken nun einen Keil in das Gebiet der SDF zu treiben. Was die Kurden Rojava nennen, die Region in Syrien an der Grenze zur Türkei, soll in einen westlichen und einen östlichen Teil zerfallen, damit der Nachschub der SDF erschwert wird.

Die amerikanischen Truppen haben Syrien nicht verlassen, sondern sich nach Süden zurückgezogen, um den Türken auszuweichen. Weiter südlich, am Euphrat, wo die Verbände des syrischen Herrschers Bashar al-Assad die SDF mit Artillerie beschossen haben, sollen US-Kampfflugzeuge eingegriffen haben, um den SDF einen Zweifrontenkrieg zu ersparen.

«Der Westen sollte Ankara sofort mit Wirtschaftssanktionen in die Schranken weisen.»

Die wahren Absichten Ankaras sind leicht zu erkennen: Geschaffen werden soll ein euphemistisch «Sicherheitszone» genannter Korridor von 30 Kilometer Tiefe direkt südlich der türkischen Grenze, frei von SDF-Kämpfern. Dort sollen ein bis zwei Millionen syrische Flüchtlinge angesiedelt werden, die jetzt in der Türkei leben.

Die Bevölkerungszentren der Kurden in Syrien liegen alle in dieser «Pufferzone», südlich davon schliessen sich arabische Siedlungsgebiete an. Gelingt es Ankara, die vielleicht eine Million Kurden in diesem Korridor zu vertreiben, um dort syrische Araber anzusiedeln, entspräche das einer ethnischen Verschiebung in gigantischem Ausmass. Damit würde die Arabisierung der syrischen Kurdengebiete, die das Assad-Regime schon in den Siebzigerjahren vorangetrieben hat, durch die Türken vollendet.

Das wird die PKK niemals akzeptieren, es wäre das Rezept für einen nicht enden wollenden Krieg. Deshalb sollte der Westen Ankara sofort mit Wirtschaftssanktionen in die Schranken weisen. Dass dies geschieht, ist aber eher unwahrscheinlich, denn gerade die Europäer lassen sich von Erdogans Drohung schrecken, die 3,6 Millionen syrischen Flüchtlinge in der Türkei am Ende nach Europa zu schicken.

«Wie Hohn klingt es heute, dass das EDA noch Mitte August schrieb, dass ‹eine türkische Intervention im Moment nicht vorstellbar› erscheine.»

Grosser Profiteur der türkischen Invasion ist der IS, der sich mit Terroranschlägen in Syrien und im Irak wieder bemerkbar macht. Die Terroristen warten nur auf eine Gelegenheit, ihre Gesinnungsgenossen, Ehefrauen und Kinder zu befreien, die jetzt noch in kurdischen Gefängnissen und Internierungs­lagern einsitzen.

Dort befinden sich mindestens drei Schweizer Kämpfer sowie zwei Frauen und sieben Kinder mit Schweizer Bürgerrecht – unter ihnen zwei von ihrer Mutter entführte Genfer Mädchen. Wie Hohn klingt es heute, dass das Aussendepartement mit Blick auf diese beiden Entführungsopfer noch Mitte August schrieb, dass «eine türkische Intervention im Moment nicht vorstellbar» erscheine.

Wie konnten die Bürokraten in Bundesbern zu so einer Fehleinschätzung gelangen? Diese Zeitung hat schon im März vor dem Szenario eines amerikanischen Rückzugs und dem daraus resultierenden Chaos gewarnt. Sollte den Schweizer Kindern in Nordsyrien etwas zustossen, trifft den Bundesrat, der diese Schweizer schon lange hätte heimführen können, eine Mitschuld. Umso wichtiger wäre es jetzt, zumindest die Kinder und ihre Mütter zurückzubringen, bevor es zu spät ist.

Erstellt: 12.10.2019, 09:37 Uhr

Artikel zum Thema

Amnesty wirft Türkei Festnahmen wegen Kritik an Offensive vor

Die YPG ist aus dem syrisch-türkischen Grenzgebiet in Nordsyrien abgezogen. Derweil wird Ankara in einem Bericht von Amnesty International kritisiert. Die News im Ticker. Mehr...

Dieses Unterfangen ist für die Türkei höchst riskant

Allen Warnungen zum Trotz startet der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan eine Offensive gegen die Kurden in Nordsyrien. Mehr...

«Inschallah, werden wir siegen»

Die Türkei befindet sich im Kriegstaumel – selbst die Religionsbehörde lässt für die Offensive in Nordsyrien beten. Kritik am Entscheid von Präsident Erdogan wird nicht toleriert. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Fliegende Körner: Ein Bauer erntet Reis auf einem Feld in Nepal. (15. November 2019) A farmer harvests rice on a field in Lalitpur, Nepal November 15, 2019.
(Bild: Navesh Chitrakar ) Mehr...