«Nützliche Idioten islamischer Extremisten»

Die internationale Sympathisantengruppe für die Palästinenser wächst und wächst. Ein Däne sagt: «Das ist das Vietnam unserer Generation.» Israel hat für diese Gruppe einen ganz anderen Begriff auf Lager.

«Wir sehen euch gern hübsch und sauber»: Ausländische Friedensaktivistinnen beschäftigen israelische Soldaten.

«Wir sehen euch gern hübsch und sauber»: Ausländische Friedensaktivistinnen beschäftigen israelische Soldaten. Bild: Keystone

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Im Sommer 2008 stachen Aktivisten der Internationalen Solidaritätsbewegung (ISM) zum ersten Mal in See, um die Blockade des Gazastreifens zu durchbrechen. Zuletzt organisierte sie im Mai die Hilfsflotte, die von Israel mit einem misslungenen Kommandounternehmen gestoppt wurde. Der Tod von neun Aktivisten löste international Empörung aus; Israel sah sich gezwungen, die Blockade zu lockern.

«Auf der ganzen Welt haben wir Leute motiviert, die frustriert waren, aber nicht wussten, was tun», sagt Huwaida Arraf. Die 34-Jährige zählt zu den Gründern der ISM und ihres Ablegers Bewegung Freies Gaza, der den Konvoi im Mai organisiert hatte. Seit die Bewegung ihre Schiffe losschickt, haben sich andere Gruppen ihr angeschlossen oder bringen nach ihrem Vorbild selbst Schiffe auf den Weg, die versuchen nach Gaza durchzukommen. Manchen gelingt es.

Israelisch-amerikanisch-palästinensische Gründertruppe

Israel versucht zunehmend energisch gegen die ISM vorzugehen. Auch wurde der Gruppe schon vorgeworfen, sie bringe die Freiwilligen in Gefahr. Doch es melden sich immer mehr. Seit der Flottille vom Mai hatte der palästinensische Aktivist Hischam Dschamdschum wöchentlich zehn Neulinge in seinem Vorbereitungskurs, den ISM-Freiwillige absolvieren müssen - doppelt so viele wie üblich.

Die ISM entstand 2001 als Anlaufstelle für Ausländer, die die Palästinenser im Kampf um Unabhängigkeit von Israel unterstützen wollten. Die Gründer sind eine bunte Mischung: Arraf ist Palästinenserin mit doppelter israelischer und US-amerikanischer Staatsbürgerschaft, ihr Ehemann Adam Shapiro ist ein jüdischer Amerikaner, Neta Golan ist Israelin und Ghassan Adoni ein Palästinenser aus dem Westjordanland.

Rund 7000 Unterstützer haben seitdem mitgemacht, zumeist als Puffer zwischen Palästinensern und israelischen Sicherheitskräften bei Protestaktionen. Erstmals fiel die Gruppe 2002 auf, als ihre Mitglieder an israelischen Panzern vorbeistürmten, um den belagerten palästinensischen Präsidenten Yassir Arafat in seinem Hauptquartier im Westjordanland abzuschirmen. In dem Konflikt mitzumischen, lockt vor allem die Studentengeneration in den Sommerferien an.

Zusammenprall der Kulturen

Die meisten haben sich zwar in die Nahostpolitik eingelesen, von der konservativen Kultur der Palästinenser manchmal aber gar keine Ahnung. Das führt zu Missverständnissen und Spannungen. Mancher Einheimische hält Aktivistinnen für leicht zu haben, weil sie anders auftreten als eine anständige palästinensische Frau. In seinem Workshop macht Dschamdschum den Neuen die Regeln klar: Frauen bedecken Arme und Beine, Männer tragen nur lange Hosen. Erklärt wird auch, wie man sexueller Belästigung entgeht.

Dschamdschum bringt den Solidaritätsbewegten einige Grundbegriffe auf Arabisch bei wie «Bitte», «Danke» und «Ich bin Vegetarier». Ausländer verstünden nicht, dass sie eine palästinensische Hausfrau beleidigten, wenn sie ihr Hühnergericht nicht essen wollten, erklärt der 52-Jährige das Problem. Mit Hinweis auf ein Vorurteil vieler Palästinenser über die ungewaschenen «Hippies» versichert er den Mädels, dass ein bisschen Makeup schon in Ordnung ist. «Manche glauben, um Solidarität mit dem palästinensischen Volk zu zeigen, muss man hässliche Klamotten tragen. Nein. Wir sehen euch gern hübsch und sauber.»

Irregeleitete Idealisten aus israelischer Sicht

Solcherart gerüstet, werden die Freiwilligen in Absprache mit den palästinensischen Organisatoren zu Demonstrationen eingeteilt. Aufnahmen von Zusammenstössen stellen sie ins Internet. Schon eine Veteranin der Bewegung ist die 23-jährige Amerikanerin, die sich Seagan nennt. In den sechs Monaten, die sie dabei ist, wurde sie gemeinsam mit Palästinensern mit Tränengas eingenebelt, musste sich aber auch in einem Dorf im Westjordanland eines Vergewaltigungsversuchs erwehren. An einem Sommertag nimmt sie in der Ortschaft Beit Dschala an einer Protestaktion gegen den Bau der israelischen Sperranlage teil. Palästinensische Jugendliche werfen Steine, israelische Soldaten feuern mit Tränengas, und Seagan hält ihnen vor: «Ihr stehlt palästinensisches Land.»

Für die israelischen Behörden sind die Aktivisten irregeleitete Idealisten und Unruhestifter. Schon drei Mal dieses Jahr stürmten Soldaten Büros der ISM, beschlagnahmten Material und nahmen Mitwirkende fest. Die Definition des «Eindringlings» wurde erweitert, so dass ausländische Aktivisten leichter abgeschoben werden können. Die ISM trifft Gegenmassnahmen: Sie führt keine Datenbank, die Freiwilligen benutzen Pseudonyme, Mitglieder des harten Kerns ändern legal ihren Namen, um eine Schwarze Liste der Israelis zu umgehen.

Tod zwischen den Fronten

Sich einzumischen, kann tödlich enden. Eine junge Amerikanerin kam unter einen Bulldozer, als sie sich dem Abriss eines Hauses entgegenstellte. Ein Brite wurde 2003 im Gazastreifen von einem israelischen Soldaten getötet, ein palästinensischer Aktivist in Dschenin von einem militanten Palästinenser.

Auch der Konvoi im Mai ging tödlich schief. Israel reagierte nach eigenen Angaben mit Waffengewalt, als seine Kommandosoldaten auf dem Schiff einer türkischen Gruppe, die sich der ISM-Flotille angeschlossen hatte, mit Eisenstangen angegriffen wurden. ISM-Aktivisten waren an dem Zusammenstoss nicht beteiligt, doch Arraf sagte israelischen Marineoffizieren, dass alle unbewaffnet seien. «Sie sind zu nützlichen Idioten islamischer Extremisten geworden», befand Aussenministeriumssprecher Jigal Palmor.

Symbolisches Anliegen

Palästinenser sind geteilter Meinung über ihre ausländischen Freunde. Ein Anführer des Protests beschwert sich, dass sie die Palästinenser häufig vom Steinewerfen abbringen wollten. Ein anderer findet, sie stärkten die Moral. Die Freiwilligen selbst betrachten den Nahostkonflikt als ihr symbolisches Anliegen. Wie sagt es ein 24-Jähriger aus Dänemark, der sich Carl nennt: «Das ist das Vietnam unserer Generation.» (sam/dapd)

Erstellt: 22.07.2010, 23:17 Uhr

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