«Ohne wirtschaftliche Perspektiven gibts wieder Krieg in Gaza»

Wenn Israel die Blockade des Gazastreifens nicht vollständig aufhebe, werde keine Ruhe einkehren, sagt der Politologe Usama Antar aus Gaza-Stadt. Er spricht von einer wackligen Waffenruhe.

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Die unbefristete Waffenruhe nach sieben Wochen Krieg haben die Menschen im Gazastreifen mit Jubel auf den Strassen gefeiert. Es war aber nicht nur Freude über den angeblichen Sieg über Israel, wie dies Hamas und Islamischer Jihad behaupteten. «Die Menschen verspürten vor allem eine grosse Erleichterung, weil sie endlich zum normalen Alltag zurückkehren können», sagt der Politikwissenschaftler Usama Antar, der in Gaza-Stadt lebt. Das Ausmass der Zerstörung im Gazastreifen sei jedoch deutlich grösser als gedacht.

Antar selbst und seine Familie haben eine lebensbedrohliche und sehr belastende Zeit hinter sich. Sie mussten ihr Haus verlassen, als israelische Raketen ihr Wohnquartier trafen, und eine provisorische Bleibe finden. Die Antars überlebten, aber sie sahen viel Elend und Trauer in den Gesichtern von Menschen, die Familienangehörige oder ihren Besitz oder sogar beides verloren hatten. Der Politikwissenschaftler Antar sagt, dass viele Kinder traumatisiert seien. Trotz allem gibt er sich optimistisch: «Die Bevölkerung im Gazastreifen ist stark genug, um diese schwierige Situation zu überwinden.»

Blockade des Gazastreifens verhindert Frieden

Antar bezeichnet die am Dienstag in Kraft getretene Waffenruhe als «wacklig, solange die Menschen in Gaza keine Lebensperspektive haben». Im Moment gehe es nicht um politische Visionen, sondern um den raschen Wiederaufbau von Wohnhäusern, die Wiederherstellung der Wasser- und Stromversorgung, die Gesundheitsversorgung, aber auch um Bewegungsfreiheit. «Die Menschen in Gaza wollen keinen Krieg, sie möchten leben wie normale Menschen.» Der Gazastreifen müsse aber auch die Chance haben, sich wirtschaftlich zu entwickeln. Nach Ansicht von Antar ist der Fall klar: «Der Kern des Konflikts, der zum Krieg geführt hat, ist die Blockade des Gazastreifens.»

Die seit sieben Jahren andauernde Blockade bedeute eine Erniedrigung für die Palästinenser. Bei einer Aufhebung der Blockade gebe es keinen Grund mehr für Gewaltanwendung. Wenn sich die Lebensbedingungen im Gazastreifen verbessern würden, sinke auch das Interesse der radikalen Palästinenser, Gewalt gegen Israel anzuwenden. «Aber ohne wirtschaftliche Perspektiven gibt es wieder Krieg in Gaza», gibt Antar zu bedenken. Der Politikwissenschaftler betont, dass die Hamas im Gazastreifen nicht mehr an der Macht sei. Israel müsse nun die palästinensische Konsensregierung anerkennen und die Blockade endlich aufheben.

Schwierigste Streitpunkte bleiben ungelöst

Die von Ägypten vermittelte Waffenruhe beinhaltet nur eine teilweise Lockerung der Blockade. Die israelische Regierung und militante Palästinensergruppen einigten sich darauf, die Grenzen zwischen Israel und dem Gazastreifen für bestimmte Waren zu öffnen. So sollen Hilfsgüter und Baumaterialien für den Wiederaufbau schnell in das Palästinensergebiet gelangen. Israel besteht aber darauf, die Einfuhr zu kontrollieren, um einen Missbrauch der Güter für militärische Zwecke zu verhindern. Ausserdem soll die Fangzone für palästinensische Fischer im Mittelmeer ausgeweitet werden.

Die schwierigeren Streitpunkte zwischen Israelis und Palästinensern bleiben ungelöst. Die indirekten Gespräche dazu sollen binnen eines Monats in Kairo beginnen. Die Hamas fordert, dass Ägypten den Grenzübergang Rafah wieder für Passagiere und Güterverkehr öffnet – es ist die wichtigste Aussenverbindung des Gazastreifens. Zudem verlangt sie die Wiedereröffnung des Flug- und des Seehafens im Gazastreifen sowie die Freilassung von Dutzenden ihrer Mitglieder. Auf diese Forderungen will Israel nicht eintreten. Ein wesentlicher Streitpunkt ist auch die von Israel verlangte Entwaffnung der Hamas respektive die Demilitarisierung des Gazastreifens.

Erstellt: 29.08.2014, 10:22 Uhr

«Die Menschen in Gaza wollen keinen Krieg, sie möchten leben wie normale Menschen»: Usama Antar, Politikwissenschaftler, Gaza-Stadt.

Zahlen zum Gaza-Krieg

Die Palästinenser melden 2143 Tote. Nach Angaben der UNO sind darunter Hunderte Zivilisten und mindestens 494 Kinder. Israel zählt 70 Tote, darunter 64 Soldaten. 17'200 Wohnungen im Gazastreifen wurden zerstört oder erheblich beschädigt. 100'000 Palästinenser sind nach UNO-Angaben ohne eigene Bleibe. Auf Israel wurden nach Angaben des Militärs 4591 Raketen und Mörsergranaten abgefeuert. Die Armee Israels hat nach eigenen Angaben 5226 «Ziele» getroffen, vor allem mit Luftangriffen, aber auch mit Panzer- und Kriegsschiffbeschuss. Nach israelischen Geheimdiensterkenntnissen besitzt die Hamas noch rund 2500 Raketen, im Vergleich zu 10'000 vor dem Krieg. (vin/dapd)

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