«Palästina ist unmöglich»

Abraham B. Jehoschua hat sich stets für die Zweistaatenlösung eingesetzt. Jetzt hat der Schriftsteller aber einen neuen Plan.

Die Flagge im Wind: Ein Palästinenser schützt sich mit einer Plastiktüte vor Tränengas. Foto: Reuters

Die Flagge im Wind: Ein Palästinenser schützt sich mit einer Plastiktüte vor Tränengas. Foto: Reuters Bild: Khalil Hamra/Keystone

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Ich erinnere mich, am dritten Tag des Sechstagekriegs, nachdem israelische Truppen Ostjerusalem, das Westjordanland und den Gazastreifen erobert hatten, immer wieder verkündet zu haben: «Jetzt muss ein Staat für die Bewohner dieser Gebiete gegründet werden.»

Zuerst hiess es noch «die Bewohner der Gebiete», nicht «die Palästinenser», und das Westjordanland und der Gazastreifen wurden «die Gebiete» genannt. Allmählich sprach man dann von den «verwalteten Gebieten», und seit etwa zwanzig Jahren heissen sie «eroberte Gebiete». Es war das Friedenslager, das für die «erez-israelischen Araber» nach und nach die Bezeichnung «Palästinenser» in den öffentlichen Diskurs einführte, während die israelischen Nationalisten von den «befreiten Gebieten» und «Judäa und Samaria» zu reden begannen, als handelte es sich um natürliche und legitime Teile des Staates Israel.

Die sachliche Auseinandersetzung um eine mögliche Zweistaatenlösung findet kaum mehr statt. Das ist eine Folge der chaotischen Lage im Nahen Osten, aber auch auf die Lehren zurückzuführen, die wir Israelis nach dem einseitigen israelischen Rückzug aus dem Gazastreifen gezogen haben.

In erster Linie jedoch erlahmten die Bemühungen um eine Zweistaatenlösung wegen der wachsenden Siedlungstätigkeit im Westjordanland. Inzwischen lässt sich das Gebiet unmöglich in zwei selbstständige Staaten aufteilen, es ist viel zu zerstückelt. Desgleichen erscheint eine Aufteilung Jerusalems in zwei durch eine internationale Grenze getrennte Hauptstädte von Tag zu Tag realitätsferner.

Fünfzig Jahre lang, also während meines gesamten Erwachsenenlebens, habe ich mich unermüdlich für die Zweistaatenlösung eingesetzt. In den 1970ern zählte ich zu denen, die eine Anerkennung der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) als Vertreter des palästinensischen Volkes in Friedensverhandlungen befürworteten.

Wir Israelis riskieren unsere Humanität und die der von uns beherrschten Palästinenser.

Ich habe das Genfer Abkommen zu Beginn des Millenniums mitunterzeichnet. Wie die Mehrheit der Israelis begrüsste auch ich den unilateralen Abzug aus dem Gazastreifen. Angesichts der unzähligen Enttäuschungen sowohl durch die jeweilige israelische Regierung als auch durch die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) hoffte ich mit allen Vertretern des Friedenslagers, dass die Staaten der freien Welt, insbesondere die USA und Europa, wirtschaftlichen und diplomatischen Druck auf beide Seiten ausüben und sie auf diese Weise zwingen würden, in einem der längsten und komplexesten Konflikte seit Beginn des 20. Jahrhunderts einen Kompromiss auszuhandeln.

Und in der Tat schien der ersehnte Augenblick gekommen, als die offizielle Führung der Palästinenser und zwei israelische Ministerpräsidenten des rechten Flügels, Ehud Olmert und Benjamin Netanyahu, öffentlich verkündeten, sie seien bereit, auf die Zweistaatenlösung hinzuarbeiten. Olmert hatte vor seinem Rücktritt einen grosszügigen Teilungsplan bis ins Detail ausgeklügelt, doch der palästinensische Regierungschef Mahmud Abbas blieb Olmert zufolge den meisten diesbezüglich anberaumten Treffen fern. Was Netanyahu betrifft, so kann niemand wissen, was in seinem Kopf vorgeht, wenn er gelegentlich den Begriff «Zweistaatenlösung» fallen lässt. Oft meint er damit lediglich eine palästinensische Autonomie und keinen unabhängigen Staat.

Auch die Palästinensische Autonomiebehörde und die meisten der moderaten arabischen Staaten unterstützen eine Zweistaatenlösung, und so wird diese denn auch in der internationalen Staatengemeinschaft mehrheitlich als offizielle Kompromissformel gehandelt. Gleichzeitig müssen meine Weggefährten und ich, die wir seit fünfzig Jahren die Verwirklichung dieser Vision anstrebten, zur Kenntnis nehmen, dass sie keine Chance mehr hat, jemals verwirklicht zu werden. Die Zweistaatenlösung wird vielmehr als Fassade missbraucht, um das allmähliche Abrutschen in die Okkupation, in eine gesellschaftliche und juristische Apartheid zu tarnen.

Und wir im israelischen und palästinensischen Friedenslager scheinen uns erschöpft und fatalistisch damit abzufinden. Nicht die jüdische und zionistische Identität des israelischen Staates ist damit bedroht – nein, wir Israelis riskieren unsere Humanität und die der von uns beherrschten Palästinenser.

Langfristig festgefahren

Geht man davon aus, dass der Zionismus sich Ende des 19. Jahrhunderts als politische Ideologie festigte, die ersten jüdischen Siedlungen in Erez Israel bereits in den 1870ern und 1880ern errichtet wurden, dann ist dieser Konflikt rund hundertfünfzig Jahre alt. Seine Dauer ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass kaum ein Konflikt so viel diskutiert wurde wie dieser.

Hochrangige Abgesandte reisen an und ab, gegenwärtige und ehemalige Präsidenten, Aussenminister und Ministerpräsidenten haben sich an seiner Lösung versucht. US-Präsident Bill Clinton schob im Jahr 2000 alle anderen Verpflichtungen beiseite und widmete sich in Camp David eine ganze Woche lang den Feinheiten des möglichen Grenzverlaufs zwischen dem zukünftigen Palästina und dem israelischen Staat. Der US-Aussenminister John Kerry liess verlauten, er habe während seiner Amtszeit unter Barack Obama mehr als sechzig Prozent seiner Auslandsreisen zwecks Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts angetreten.

In den Vereinten Nationen und vielen anderen internationalen Organisationen steht der regionale Streit im Nahen Osten regelmässig auf der Tagesordnung. Spezielle Institute sind seinetwegen eingerichtet worden. Und schon seit Jahren werden Konferenzen veranstaltet, damit man ihn besser verstehen und bereinigen kann. Schriftsteller, Intellektuelle, Jugendliche, Frauenorganisationen und leidtragende Familien beschäftigen sich ununterbrochen mit ihm. Donald Trump bezeichnet den Frieden zwischen Israel und den Palästinensern als «Deal». Bis aber so ein Deal ausgehandelt ist, werden noch Jahre vergehen, und unterdessen profitieren nicht wenige Leute von der misslichen Lage.

Der tiefere Grund dafür liegt in der Besonderheit des Konflikts. Meines Wissens hat es in der Geschichte kein anderes Volk gegeben, das sich nach zweitausend Jahren weltweiter Wanderschaft wegen ihm entgegengebrachter Feindseligkeiten anschickte, in seine historische Heimat zurückzukehren, zu der es über die Jahrhunderte zwar intensive religiöse und spirituelle Bindungen bewahrt hatte, in die zurückzukehren es aber ebenso lange hartnäckig vermied.

Beide Völker beanspruchen die Herrschaft über jeden Quadratzentimeter ein und desselben Bodens.

Im 19. Jahrhundert existierten weltweit zweieinhalb Millionen Juden, in Palästina/Erez Israel aber lebten nur zehntausend. (Afghanistan beherbergte damals vierzigtausend Juden, der Jemen achtzigtausend, Polen bereits eine Million.) Hundert Jahre später, zur Zeit des aufkommenden Zionismus und der Balfour-Erklärung (1917), lebten im fraglichen Gebiet fünfhundertfünfzigtausend Palästinenser, aber lediglich fünfzigtausend Juden, während das gesamte jüdische Volk weltweit auf vierzehn Millionen angewachsen war. (Die Daten entstammen der «Encyclopaedia Hebraica».)

Aber die Besonderheit liegt nicht nur in der späten und erstaunlichen Rückkehr nach Zion, auf die wir Juden stolz sind und der die Araber und Palästinenser sich heftig widersetzen, sondern auch in der Tatsache, dass beide Völker die Herrschaft über jeden Quadratzentimeter ein und desselben Bodens beanspruchen. Man streitet hier nicht um einen bestimmten Landstrich wie in den meisten Regionalkonflikten weltweit, vielmehr geht es jeder Seite um das ganze Territorium.

Dass die Palästinenser die Balfour-Erklärung abgelehnt haben, finde ich völlig verständlich – nicht nur, weil die Briten kein moralisches Recht hatten, Palästina den Juden zuzusprechen. (Ebenso wie auch die Vereinten Nationen niemals über das moralische oder juristische Recht verfügten, ein Land zwischen seinen Einwohnern und einem von aussen kommenden Volk aufzuteilen.)

Sowohl die Juden als auch die Palästinenser haben sich in den 1930ern und 1940ern gegen die britische Anwesenheit in Palästina aufgelehnt. Das Land gehörte seinen Einwohnern und nicht der britischen Krone, darin waren sich Juden und Araber einig, in Übereinstimmung mit dem universell gültigen Gebot, demzufolge ein Land seinen Einwohnern gehört und nicht der fremden Armee, die es erobert hat.

1947 lebten bereits 1,3 Millionen Palästinenser im Land, verglichen mit 600'000 Juden.

Der Konflikt verkomplizierte und verschärfte sich weiter aufgrund der demografischen Beziehungen zwischen den beiden Völkern, und diese Entwicklung hat Aufteilung und Kompromiss bis heute verhindert. Zu Recht haben die Palästinenser entsprechende Pläne 1917 und 1947 abgelehnt. Wenn auch nur ein Viertel der Juden, also etwa 3.5 Millionen, nach Erez Israel gelangt wäre, wäre den Palästinensern kein Quadratzentimeter geblieben, auf dem sie ihre Fahne hätten hissen können.

1947 lebten bereits 1,3 Millionen Palästinenser im Land, verglichen mit sechshunderttausend Juden. Doch ausserhalb der Grenzen gab es etwa zwölf Millionen Juden, teils heimatlos gewordene Schoa-Überlebende oder sonst durch den Krieg tief verstörte Menschen. Deswegen war der Widerstand der Palästinenser gegen die UNO-Resolution von 1947 nur zu verständlich, verlangte diese doch von ihnen, ihre Heimat mit einem Volk zu teilen, das wohl vor zweitausend Jahren hier gelebt, sich seitdem jedoch über den ganzen Globus verstreut hatte.

1948 hatten die Palästinenser gute Aussichten, die objektiv schwache, noch in den Kinderschuhen steckende jüdische Ansiedlung mit der militärischen Unterstützung sieben arabischer Staaten zu zermalmen. Yigael Yadin, damals stellvertretender Oberbefehlshaber der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF), schätzte Israels Überlebenschancen im drohenden Krieg auf kaum fünfzig Prozent.

Die Wurzeln des Konflikts liegen also klar zutage. Trotzdem müssen wir uns fragen, warum es nach siebzig Jahren israelischer Unabhängigkeit und nach den Niederlagen der Palästinenser und Araber in den Kriegen von 1948, 1967, 1973 sowie in der Zweiten Intifada immer noch unmöglich erscheint, den Konflikt, wie von aller Welt vorgeschlagen, per Teilung und Kompromiss zu beenden.

Mangelhafte Heimatliebe

Normalerweise ist das Heimatland das Fundament der nationalen Identität, auf ihr bauen sich alle anderen Faktoren auf: Sprache, Religion, Geschichte, Kultur, gegebenenfalls auch die gemeinsame Herkunft. Sprache und Religion kann man mit anderen Völkern teilen, das Territorium hingegen ist unverzichtbar.

Wenn wir nun die Tiefe und Hartnäckigkeit des israelisch-palästinensischen Konflikts verstehen wollen, so entdecken wir, dass die nationale Identität beider Völker in Bezug auf das Heimatland einen Mangel aufweist, der den Konflikt verschärft und ihn in die Länge zieht. Der Fairness halber möchte ich feststellen, dass das Defizit des jüdischen Volkes in Bezug auf die Heimat als identitätsstiftenden Faktor tiefer greift als jenes des palästinensischen Volkes. Denn seit Entstehen des jüdischen Volkes – und es ist unwichtig, ob man das als historischen Vorgang begreift oder als mythologisch-religiöses, im jüdischen Bewusstsein seit Urzeiten verankertes Geschehen – hat der Bezug zur Heimat in der nationalen jüdisch-israelischen Identität den ersten Rang an die religiös-göttliche Komponente abgetreten.

Die bewusste Abschwächung des Heimatzusammenhangs im jüdisch-israelischen Bewusstsein lässt sich in den Heiligen Schriften nachverfolgen: Abraham, der erste Hebräer, erhielt den Auftrag, das Haus seines Vaters und seine Heimat zu verlassen und sich in ein neues Gebiet zu begeben, das als heiliges, ihm durch den Bund mit Gott zugeteiltes Land bezeichnet wurde. Insofern ist dieses Land keine durch Geburt erworbene Heimat, wie jedes andere Volk sie besitzt. Dem biblischen Mythos zufolge, der das Nationalbewusstsein sowohl der säkularen als auch der gläubigen Juden entscheidend geformt hat, entstand die jüdisch-israelische nationale Identität nicht auf heimatlichem Boden, sondern im ägyptischen Exil.

Viele von ihnen wollten lange gar nicht zurück ins «Heimatland»: Juden vor einem Modell des Felsendoms im Freizeitpark Mini-Israel bei Latrun. Foto: Getty Images

So erhielten wir selbst die Thora, das identitätsbildende Element schlechthin, nicht auf erez-israelischem Boden, sondern in der Sinaiwüste, die niemand Heimat nennt. Und auch das Gelobte Land, das den natürlichen Boden für das wachsende Nationalgefühl des aus Ägypten ausgezogenen Volkes hätte bilden sollen, wird ihm nicht aufgrund von Eroberungen zuteil, sondern nur, weil und wenn es sich an die Gebote des Herrn hält. Das Ablassen von diesen Geboten oder ihr Übertreten bringt Unheil, im schlimmsten Falle Vertreibung und Zerstreuung unter andere Völker.

Da die Heimat, wie gezeigt, nur eine zweitrangige Komponente der jüdischen Identität ist, folgt ihrem Verlust auch nicht unbedingt der Verlust der nationalen Identität. Das im Exil geborene Volk geht wieder ins Exil und wird in der Diaspora weiterbestehen. Das Gelobte Land ist nur unter bestimmten Bedingungen gegeben, Gott allein ist das Absolute. Es gibt wohl kein anderes Volk, dem es nach dem Verlust oder besser: nach dem Verlassen seines Territoriums und der Hunderte von Jahren andauernden Zerstreuung in alle Welt dennoch weitgehend gelungen ist, seine nationale Identität zu bewahren.

Das Exil ist ein immanentes, legitimes Element der jüdischen Identität. Die Majorität unseres Volkes hat fast zweitausend Jahre lang nicht in dem von Gott gegebenen «Heimatland» gelebt, sondern in den Heimatländern anderer Völker. Die Anzahl der Juden, die es vorzogen, nicht in Erez Israel zu leben, ist erschütternd hoch im Vergleich zur Anzahl der Juden, die in der Region ausharrten. So oft auch in der Diaspora die Erlösung und Heimkehr ins Land heraufbeschworen wurden, sooft man auch den Vers «Wenn ich dich vergesse, oh Jerusalem» zitierte, so blieb doch die jüdische Präsenz im Heiligen Land minimal, ja, unbedeutend. Die Exilierten weigerten sich beharrlich, ins Gelobte Land zurückzukehren, was besonders bei den orientalischen Juden erstaunt, denn immerhin gehörte Erez Israel fünfhundert Jahre lang zum Osmanischen Reich.

Die Juden betrachten die Heimatländer anderer Völker als Hotelkette.

Die dem historischen und religiösen Heimatland entgegengebrachte Abneigung hat zu einem unheilschwangeren Mangel in der nationalen jüdischen Identität geführt. Da der Heimatfaktor für sie nur an zweiter Stelle stand, projektierten die Juden diese Befindlichkeit auf ihre Umgebung und unterschätzten deswegen den Wert, den die Heimat für andere Völker hat. Sie verstanden nicht, dass ihre Existenz unter Fremden ein gefährlich tiefes Eindringen in eine Identität bedeutete, die nicht die ihre war. Bildlich gesprochen betrachteten die Juden die Heimatländer anderer Völker als Hotelkette und tun dies auch heute noch. Wenn sich die Bewirtungsbedingungen ändern, dann packen sie ihre Heiligen Schriften ein und ziehen von einem Hotel ins nächste.

«Der Jude ist überall und nirgends», definierte Hannah Arendt die jüdische Existenz – und bewies in ihrem eigenen Leben die Richtigkeit dieser Erkenntnis. Obwohl sich die Juden im Verlauf ihrer ganzen Geschichte bemühten, sich in diesen Hotels wie gut gesittete Gäste zu benehmen, rief allein ihre Anwesenheit scharfe Reaktionen in Form von Vertreibungen und Einreiseverboten hervor. Oder man versuchte, ihre Identität durch den zwangsweisen Übertritt zum Christentum zu verändern. Manchmal auch wurden sie eingesperrt, das heisst am Verlassen des Hotels gehindert, wenn der Zeitgeist sich geändert hatte, wie es in der Sowjetunion und in Syrien geschah. Deswegen ging das Wandern im Exil mit einer drastischen Dezimierung der jüdischen Bevölkerung einher. Zählte sie nach der Zerstörung des Zweiten Tempels noch etwa vier Millionen, so hatte sie sich zu Beginn des 18. Jahrhunderts auf eine Million verringert.

Die abscheulichste aller Reaktionen war allerdings die Ausrottung, und sie fand ausgerechnet dort statt, wo die Juden sich der regionalen Identität weitestgehend angepasst hatten. Unter diesem Aspekt war die Schoa die grausamste Heimsuchung, die ein Volk im Verlauf der Menschheitsgeschichte je zu erdulden hatte. Innerhalb von fünf Jahren wurde ein Drittel des jüdischen Volkes umgebracht. Nicht wegen eines Territorialstreits, nicht wegen der Religion, nicht wegen einer speziellen Ideologie und auch nicht wegen materieller Besitztümer. Nein, das Unheil, das einige Väter des Zionismus vorausgesehen hatten, holte die Juden ein, weil das Territorium als identitätsstiftender Faktor ihnen nicht wichtig genug war und sie infolgedessen auch die Bedeutsamkeit das Heimatlandes in der Identität anderer Völker nicht ernst genug nahmen.

Haus und Hof als Heimat

Der historisch gewachsenen Geringschätzung des Territoriums als Fundament der nationalen Identität des eigenen – und damit auch jedes anderen – Volkes steht ein ganz anders gearteter Mangel auf palästinensischer Seite gegenüber. Ein Palästinenser betrachtet nämlich sein Haus und sein Dorf – und nicht das gesamte palästinensische Gebiet – als primäres Fundament seiner nationalen Identität. Im Aufeinandertreffen dieser beiden Defizite liegt der Grund für die Intensität und Zähigkeit dieses Konflikts. Ich behaupte nicht, mich in den Feinheiten des palästinensischen Nationalismus auszukennen, doch sieht man sich dessen Entstehungsgeschichte an, so ist ein Prozess zu verfolgen, der während der langen Herrschaft des Osmanischen Reichs einsetzte.

Dieses herrschte im Nahen Osten für mehr als vierhundert Jahre und war im Wesentlichen muslimisch, sodass die arabische Bevölkerung sich als ein grosses Volk wahrnahm, das sich ein und derselben Sprache bediente. Dementsprechend entwickelte es keine bestimmte nationale Identität innerhalb fest umrissener Grenzen. Nachdem das Osmanische Imperium infolge seiner Niederlage im Ersten Weltkrieg zerfallen war, bildeten sich klarer definierte ethnische Grenzen heraus. Von den Kolonialmächten Britannien und Frankreich beaufsichtigt und ermutigt, probten die arabischen Staaten das Zusammenleben. Die nationalen Identitäten des Irak, Syriens, des haschemitischen Königreichs Jordanien, Saudiarabiens und des Jemen begannen sich zu formen. Die Entwicklung des palästinensischen Nationalbewusstseins in Palästina/Erez Israel scheiterte allerdings an einer doppelten Barriere: erstens an der militärischen und administrativen britischen Herrschaft, die das Mandat im Sinne der Balfour-Erklärung absichern sollte, und zweitens an der wachsenden Zahl der ins Mandatsgebiet strömenden jüdischen Pioniere.

Statt wie die Iraker, die Syrer oder die Bewohner des Libanon eine unabhängige Regierungsform zu entwickeln, mussten sich die Palästinenser mit einer sehr begrenzten Autonomie ohne exekutive Befugnis im Gefüge der Clans und Dorfoberhäupter begnügen. Ihrer damaligen politischen Führung, dem Arabischen Hohen Komitee mit dem Mufti an der Spitze, brachte die palästinensische Bevölkerung, zu der auch christliche und drusische Minderheiten gehörten, wenig Vertrauen entgegen.

Palästinenser fühlen sich ihren Dörfern und Familien verpflichtet – und nicht dem nationalen Anliegen.

Wenn aber die zentrale nationale Regierung schwach und beschränkt ist und sich zudem nicht auf eine Tradition echter nationaler Autorität stützen kann, dann werden engere Gemeinschaften wie Dorf oder Familie zum Grundpfeiler der nationalen Identität, und die Identifikation mit dem ganzen Heimatland nimmt Schaden. Obendrein war das palästinensische Volk auf mindestens fünf Länder verteilt worden: Israel, Jordanien, Ägypten, den Libanon und Syrien.

Nach dem Abzug der Engländer war es unter anderem auch die Anhänglichkeit an Clan und Dorf, die zur Niederlage der Palästinenser im israelischen Unabhängigkeitskrieg von 1948 beitrug. Die jüdische Bevölkerung kämpfte damals mit dem Rücken zum Meer um ihr Überleben. Die Palästinenser, von sieben arabischen Staaten militärisch unterstützt, erwiesen sich nicht nur als unfähig, den Judenstaat noch in seiner Geburtsphase auszulöschen, sie verloren auch einen Teil des Territoriums, das der UNO-Teilungsplan ihnen zugestanden hatte.

In seinem ausgezeichneten neusten Buch «Ze hem o anachnu» (Entweder sie oder wir) beschreibt der renommierte israelische Journalist Danny Rubinstein den Kampf um das Kastell auf einer Anhöhe über der Strasse nach Jerusalem. Eine spannende Episode illustriert, in welchem Masse die Palästinenser an ihrem Dorf hingen und das nationale Ganze vernachlässigten.

Während eines teilweise fehlgeschlagenen Palmach-Angriffs auf das Kastell verirrte sich Abd al-Qadir al-Husseini, ein von den Palästinensern hochverehrter Kommandant, zwischen den Linien und wurde von israelischen Schützen getötet. Da sie nicht gleich erkannten, wen sie liquidiert hatten, blieb der Tote einfach liegen. Die Palästinenser glaubten zunächst, ihr Kommandant sei nur verwundet worden und in Gefangenschaft geraten. Sie riefen Männer aus den umliegenden Dörfern zu Hilfe, um ihn zu befreien. Rasch versammelten sich an die tausend freiwillige Kämpfer, die die Festung samt dem umliegenden Dorf zurückeroberten und den Israelis schmerzhafte Verluste zufügten. Husseinis Leiche wurde gefunden, nach Jerusalem überführt und dort pompös begraben. Die dörflichen Kämpfer bekamen den Auftrag, die strategisch wichtige Höhe zu halten, bis sie von neuen Truppen abgelöst würden, doch sie ignorierten den Befehl und kehrten innerhalb weniger Stunden in ihre nur einige Kilometer entfernten Dörfer zurück, räumten also dem Gegner kampflos das Feld. Sie fühlten sich in erster Linie ihren Dörfern und Familien verpflichtet – und nicht dem grösseren nationalen Anliegen.

Dass die Palästinenser darauf beharren, in ihre Häuser zurückzukehren, verlängert und verschärft den Konflikt.

Noch heute, so Rubinstein, siebzig Jahre nach dem Krieg von 1948, benennen die Palästinenser die Gassen in den Flüchtlingslagern nach den Dörfern ihrer Herkunft, da diese den eigentlichen Kern ihrer Identität bilden. Allerdings sind die in Flüchtlingscamps im Gazastreifen und im Westjordanland lebenden Palästinenser nicht wirklich Flüchtlinge, sondern eher Vertriebene, denn sie leben ja noch auf heimatlichem Territorium. Die wenigen Israelis hingegen, die im 1948er-Krieg von den Palästinensern aus ihren Siedlungen vertrieben wurden, betrachteten sich niemals als Flüchtlinge und gliederten sich unverzüglich in andere Gemeinden des Heimatlandes ein. Auch die Palästinenser, die in den Libanon, nach Jordanien, Syrien oder Ägypten flüchteten, hätten theoretisch in ihr Heimatland zurückkehren können, denn es wurde ja für die nächsten neunzehn Jahre von Jordanien und Ägypten regiert. Zu echten Flüchtlingen wurden sie eigentlich erst nach dem Sechstagekrieg von 1967, als Israel die Grenzen endgültig vor ihnen verschloss.

Dass sie immer noch darauf beharren, ihr Haus oder ihr Dorf als primären und fast exklusiven Faktor ihrer nationalen Identität zu betrachten, und auf dem «persönlichen Rückkehrrecht» in ihre ursprünglichen Häuser bestehen, verlängert und verschärft den Konflikt. Hinzu kommt, dass die Vereinten Nationen ihnen und ihren Nachkommen bis in die fünfte Generation Flüchtlingsstatus garantieren. Nun dürfen die Palästinenser also weiter von der Zerstörung Israels träumen, damit sie in die Häuser oder Dörfer der Vorväter zurückziehen können, so wie die aus Gush Katif im Gazastreifen vertriebenen (nicht geflüchteten) Israelis sich nach dem Augenblick sehnen dürfen, in dem sie ihre von der israelischen Armee zerstörten Häuser wieder aufbauen können.

Wir anderen aber stehen vor der Frage, was in der Zwischenzeit geschehen soll. Die Palästinenser leben seit siebzig Jahren in elenden Camps im Gazastreifen, der immerhin Teil des palästinensischen Heimatlandes ist, und haben damit sich selbst, nur zehn oder zwanzig Kilometer von ihren ehemaligen Dörfern entfernt, zu einem beschämenden Flüchtlingsdasein verurteilt. Die verrosteten Schlüssel ihrer verlassenen Häuser bilden das Fundament ihrer Nationalität, und diese trifft auf die Nationalität des jüdischen Volkes, das nach zweitausend Jahren des Herumwanderns in aller Herrn Länder von biblischer Sehnsucht ergriffen wurde und sich nicht mit den 78 Prozent des palästinensischen Territoriums, das dem israelischen Staat nach dem Krieg von 1948 zugesprochen wurde, begnügen mag, sondern auch noch an den restlichen 22 Prozent des in palästinensischen Händen verbliebenen Landes nagt, darunter fallen die Westbank und der Gazastreifen.

Die Verknüpfung dieser beidseitigen substanziellen Mängel zeigt sich zum einen im israelischen Siedlungsbau in den besetzten Gebieten, der das palästinensische Identitätsgefühl zutiefst verletzt, und zum anderen im heiliggehaltenen palästinensischen Prinzip der Rückkehr der Flüchtlinge in ihre ehemaligen, jetzt im israelischen Staatsgebiet liegenden Häuser und Höfe. Diese Lage erschwert und verzögert Kompromiss und Versöhnung seit Jahrzehnten. Das traurige Ende des – nicht ohne Grund – gescheiterten israelischen Siedlungsprojektes im Gazastreifen illustriert die Grausamkeit und die Destruktivität beider Seiten. Die Palästinenser reagierten auf den Abzug der verhassten Besatzer nicht etwa mit dem wirtschaftlichen Aufbau der zurückerhaltenen Gebiete, sie machten sich vielmehr absurderweise daran, Angriffstunnel zu graben und Raketen über die Grenze zu schiessen.

Demografisches Pendel

Wie der ehemalige ägyptische Präsident Anwar Sadat in seinen Memoiren berichtet, entschloss er sich 1973 zum Angriffskrieg, nachdem Israel begonnen hatte, in der Rafah-Ebene im Norden der Sinaihalbinsel Zivilisten anzusiedeln.

Die Arbeitspartei hatte dem Beginn der Siedlungsaktivität moralische und politische Legitimität verliehen, und sie folgte dabei dem trügerischen Grundsatz: «… in von der arabischen Bevölkerung nur schwach besiedelten Gebieten.» Dieses Prinzip im Rafah-Streifen anzuwenden, fiel nicht schwer: Er war tatsächlich «von der arabischen Bevölkerung nur schwach besiedelt», nachdem man die dort lebenden etwa zehntausend Beduinen vertrieben, ihre Ernte zerstört und ihre Felder in Bauland für die neue israelische Siedlung verwandelt hatte.

Im Gazastreifen selbst, wo sich, ebenfalls auf Beschluss der Arbeitspartei, die religiöse Gush-Katif-Bewegung ansiedelte, war es jedoch schwieriger, sich nach dem scheinheiligen Prinzip zu richten, weswegen der Likud-Block, es einfach aufgab, als er 1977 die Regierung übernahm. Immerhin, so rechtfertigte sich die Gush-Katif-Bewegung, hätten die Juden an vielen dicht besiedelten Orten unter Fremden gelebt, ohne ihr Judentum zu gefährden. Warum sollten sie dann ausgerechnet im Land Israel, wo die israelische Verteidigungsarmee sie beschützen konnte, solche Orte meiden? Der Wahrheit zuliebe muss gesagt werden, dass im Jahre 1977, als die Arbeitspartei die Regierung an den Likud-Block übergab, nur dreitausend israelische Siedler in den 1967 eroberten Palästinensergebieten lebten, inzwischen aber haben sich mehr als eine halbe Million Israelis in Ostjerusalem und dem Westjordanland niedergelassen.

Die Lebenserwartung der Palästinenser hat sich durch die Koexistenz mit den Juden verbessert.

1917, zur Zeit der Balfour-Erklärung, lebten in Palästina eine halbe Million Palästinenser, und es gab weltweit fast fünfzehn Millionen Juden. Dieses Verhältnis begann sich im Verlauf der Jahre allmählich umzukehren. Nicht nur weil in der Schoa ein Drittel der Juden ermordet wurde, sondern durch natürliches Wachstum aufseiten der Palästinenser, deren Lebenserwartung sich durch die Koexistenz mit den Juden verbesserte. Erschien das Konzept von «Gross-Israel» 1967 noch möglich und natürlich (wenn auch nicht moralisch), so ist es hundert Jahre nach der Balfour-Erklärung und siebzig Jahre nach dem UNO-Teilungsplan zunehmend problematischer geworden. Die demografische Entwicklung kehrte sich um oder besser: Sie schwang hin und her wie ein Pendel.

Yassir Arafat, der Palästinenserführer, der selbstherrlich und irreführend gern von Palästina als einem «säkularen, demokratischen und pluralistischen Staat» sprach, nachdem die Flüchtlinge erst einmal an ihre in Israel liegenden Heimstätten zurückgekehrt seien, wurde angesichts der jüdischen Einwanderungswellen aus der Sowjetunion in den späten 1980ern und der Verdoppelung der Siedlungen in den besetzten Gebieten von Panik ergriffen und erklärte sich deswegen 1994 bereit, die Oslo-Verträge zu unterzeichnen, die Israel als selbstständigen Staat anerkannten. Doch dann torpedierte er das Abkommen mit Terroranschlägen, die in der Zweiten Intifada kulminierten, während der Staat Israel seinerseits zögerte, sich aus den umstrittenen Gebieten zurückzuziehen. Ausserdem wurde der Siedlungsbau keineswegs eingestellt, er schlug vielmehr immer tiefere Wurzeln.

Die Gush-Katif-Siedler warteten 2005 auf die Soldaten, die sie aus dem Gazastreifen evakuieren sollten, während im Backofen Hähnchen brutzelten. Die Evakuierung der achttausend Siedler aus dem Gazastreifen kostete den israelischen Staat etwa 2,85 Milliarden Dollar. Unmittelbar darauf demonstrierten die Palästinenser der Welt vermittels Raketen und dem Bau von Tunneln, dass die Räumung für sie keineswegs das Ende der Okkupation bedeutete und nicht einmal den Ansatz eines versöhnlichen Auseinanderdividierens mit sich brachte.

Für einmal den Alltag vergessen: Läufer am jährlich stattfindenden Palästina-Marathon in Bethlehem. Foto: Getty Images

In den letzten siebzig Jahren hat sich aber – trotz schwerer Zusammenstösse, trotz des Sechstagekriegs und der darauf folgenden Besetzung der eroberten Gebiete, trotz der Militärregierung, der beiden Intifadas und der Beschlagnahme palästinensischen Bodens – eine für die Zukunft bedeutsame Entwicklung zugetragen: Die innerhalb des israelischen Staatsgebietes zusammenlebenden Juden und Araber haben eine relativ erfolgreiche Koexistenz auf die Beine gestellt. Die Staatsbürgerschaft, die den in Israel verbliebenen Palästinensern 1949 gleich nach dem Ende des Unabhängigkeitskrieges aufgezwungen bzw. garantiert wurde, bildet ein stabiles Fundament für die Beziehungen zwischen der jüdischen Mehrheit und der grossen nationalen, nicht territorialen, arabischen Minderheit von zwanzig Prozent.

Selbst ein ausländischer Beobachter mit hohen moralischen Massstäben würde beiden Seiten, den jüdischen wie den palästinensischen Israelis, für die Koexistenz, die sich seit siebzig Jahren in unserem Staat herausgebildet hat, gute Noten erteilen. So hat beispielsweise ein israelisch-palästinensischer Richter einen ehemaligen israelischen Präsidenten zu einer Gefängnisstrafe verurteilt und damit einen Beitrag zur Einhaltung der hohen Normen israelischer Gerichtsbarkeit geleistet. Der palästinensische Direktor des Krankenhauses von Nahariya setzt medizinische Standards; ein drusischer Kommandant befehligte im Gazakrieg von 2014 eine israelische Kampftruppe; palästinensische Botschafter und Konsuln vertreten den Staat Israel in aller Welt; palästinensische Intellektuelle, Wissenschaftler, Hightechingenieure und talentierte Künstler – Schauspieler, Regisseure, Maler und Schriftsteller – steuern einen bewundernswerten kreativen Kurs zwischen den Traditionen der beiden Völker.

Zwar findet besonders die palästinensische Minderheit immer wieder Anlass zu Beschwerden und Klagen, doch beide Seiten haben ein tragbares Fundament für eine gemeinsame Zukunft gelegt – und diese gemeinsame Zukunft ist das Schicksal, das die Juden mit der späten und partiellen Rückkehr in ihr historisches Heimatland auf sich geladen haben.

Partnerschaft statt Frieden

Am ersten Todesjahrestag des ehemaligen Ministers und Knessetabgeordneten Jossi Sarid lud mich seine Witwe Dorit ein, an der Gedenkfeier im Tel Aviver Kunstmuseum ein paar Worte zu sagen. Einige Wochen zuvor hatte ich den Vorschlag veröffentlicht, den hunderttausend Palästinensern im Bezirk C des Westjordanlandes, in dem alle jüdischen Siedlungen liegen, die israelische Staatsbürgerschaft zu verleihen, um die Bösartigkeit der Besatzung zumindest in sechzig Prozent des Westjordanlandes zu mildern.

Einige Mitstreiter aus dem Friedenslager zeigten sich schockiert: Wieso wagte ein Veteran aus ihren Reihen, einen Vorschlag zu machen, dessen verborgene Implikationen als Vorbereitung zur Annektierung des fraglichen Gebietes interpretiert werden konnten? Das Zweistaatenprinzip ist dem Friedenslager heilig, und wer eine ketzerische Überlegung äussert, riskiert viel.

Manche der klügsten israelischen Köpfe benutzen die gängige Formel von der Zweistaatenlösung nur noch zur Beruhigung des Gewissens und geben sich unterdessen mit dem Verfassen von Dramen, Romanen und Drehbüchern über den israelisch-palästinensischen Konflikt zufrieden.

Tatsächlich werden in letzter Zeit sowohl in der Friedensbewegung als auch im nationalen Lager Ideen geäussert, die auf Spielarten einer Konföderation hinauslaufen, sogar Vorstellungen wie «zwei Staaten in einem Heimatland» sind im Umlauf. Angesichts der gedanklichen Stagnation, die in grossen Teilen der israelischen Öffentlichkeit und in vielen politischen Kreisen um sich greift, halte ich solche Vorstösse für ausserordentlich begrüssenswert.

Die Apartheid hat in unserem Leben bereits tiefe Wurzeln geschlagen.

Denn weitaus gefährlicher ist das Abdriften in die Apartheid. Sie hat in unserem Leben bereits tiefe Wurzeln geschlagen, die bald nicht mehr auszugraben sein werden. Ich sorge mich nicht um den Zionismus oder die jüdische Identität, sondern um etwas viel Wichtigeres: um unsere Menschlichkeit und die der unter uns lebenden Palästinenser. Wir können nicht wie die Amerikaner in Vietnam, die Franzosen in Algerien oder die Russen in Afghanistan eines Tages aufbrechen und abziehen. Wir werden auf alle Ewigkeit mit den Palästinensern zusammenleben müssen, und jede Beschädigung der gegenseitigen Beziehungen wird sich ins kollektive Gedächtnis auch der kommenden Generationen schmerzhaft eingraben.

Ich skizziere hiermit den Entwurf für ein Programm vor, das nicht einfach zu verwirklichen, aber durchaus realistisch ist. Das ist hier kein umfassender Friedensplan mit den Palästinensern und erst recht nicht die Verkündung einer historischen Versöhnung. Auch möchte ich keinesfalls einen Vorschlag unterbreiten, der sich nicht realisieren lässt und beiden Seiten als Vorwand dient, jede Hoffnung auf ein Abkommen zu torpedieren. Ich stecke lediglich gedankliche Linien ab, um der Apartheid prinzipiell einen Riegel vorzuschieben und sie dann in einer bestimmten Phase wieder zurückzudrängen. Es ist ein unilateral auf Israel zugeschnittener Plan, der vielleicht auf die Möglichkeit einer gewissen Zusammenarbeit mit jenen Palästinensern setzt, die in Bezug auf die Zweistaatenlösung ebenfalls resigniert haben.

Statt von Frieden, von einem Abkommen oder von Versöhnung zu sprechen, möchte ich den Begriff «faktische Partnerschaft» einführen. Das klingt weniger erhebend, ist aber leichter zu realisieren. Ausserdem besteht eine solche faktische Partnerschaft bereits ansatzweise: Im Westjordanland arbeiten palästinensische und israelische Sicherheitskräfte erstaunlicherweise seit langem zusammen.

Der Plan bezieht sich nur auf das Westjordanland. Er ist nicht für den Gazastreifen gedacht, der ja inzwischen eine hoch bewaffnete palästinensische Autonomie mit einer unabhängigen Regierung ist und über einen offenen Übergang nach Ägypten und von dort aus in alle Welt verfügt.

Der Plan

  • Der Plan verlangt nach einem absoluten Baustopp. Weder dürfen neue Siedlungen errichtet noch bestehende erweitert werden, es müssen allerdings auch keine Häuser evakuiert werden, abgesehen von der Räumung einiger nicht autorisierter Vorposten, die selbst dem israelischen Gesetz zufolge illegal sind.
  • Die Ostgrenze von Israel/Palästina bleibt unter voller israelischer Kontrolle. Die Grenzübergänge nach Jordanien arbeiten sicherheitsmässig weiter wie bisher.
  • Allen Bewohnern des Westjordanlandes wird das Aufenthaltsrecht angeboten und im Verlauf weiterer fünf Jahre auch die israelische Staatsbürgerschaft mit allen Rechten und Pflichten.
  • Von Israel seit 1967 beschlagnahmter palästinensischer Privatboden wird mit Land oder Geld angemessen vergütet.
  • Sicherheitsmassnahmen und Strassensperren bleiben in Betrieb, soweit sie noch benötigt werden. Prinzipiell aber sollten sich die Palästinenser in Israel frei bewegen dürfen, so wie es heute bereits den palästinensischen Bewohnern von Ostjerusalem und einem nicht geringen Anteil der palästinensischen Bewohner des Westjordanlandes möglich ist.
  • Den Vertriebenen soll ein faires realisierbares Angebot zur Restitution unterbreitet werden, sei es die Errichtung neuer Gemeinden oder die Erweiterung bestehender palästinensischer Ortschaften.
  • Die heiligen Stätten in der Jerusalemer Altstadt werden von den drei grossen Religionen verwaltet.
  • Umwandlung der israelischen Regierungsform von einer parlamentarischen in eine präsidiale Demokratie. Der Präsident würde in allgemeinen Wahlen gewählt, ähnlich wie heute in den Vereinigten Staaten und in anderen Ländern. Damit soll die trügerische und manipulative Abhängigkeit der Exekutive von der Legislative eingeschränkt werden.
  • Das Land würde in Bezirke aufgeteilt werden, von denen jeder, ungeachtet der Einwohnerzahl, zwei Abgeordnete in eine höhere gesetzgebende Kammer (ähnlich dem Senat in den USA) entsendet.
  • Die Bezirke erhalten grössere Befugnis in Bezug auf die innere Administration und alles, was die kommunalen Gesetze und natürlich das Erziehungswesen, Kultur und insbesondere die Religion betrifft.
  • Für die untere Kammer würden regionale (und nicht mehr proportionale) Wahlen abgehalten, um die Effektivität zu steigern.
  • Die israelischen und palästinensischen Sicherheitskräfte, zwischen denen die Zusammenarbeit schon relativ zufriedenstellend funktioniert, werden zu einer gemeinsamen Polizeitruppe zusammengelegt.
  • In den Personalausweisen der neuen palästinensischen Bürger stünde «Israelisch-Palästinensische Föderation», sie verliehen aber die gleichen Rechte und Pflichten wie die israelischen Personalausweise.
  • Das jüdische «Recht auf Rückkehr» bliebe bestehen, die Rückkehrer würden aber einer schärferen Prüfung unterzogen.
  • Die Rückkehr palästinensischer Flüchtlinge aus dem Ausland würde lediglich im engen Rahmen von Familienzusammenführungen gestattet.
  • Die Mitglieder der EU und andere Staaten weltweit würden ersucht, für den begrüssenswerten Abbau der Apartheid und die Umsiedlung der Menschen aus den Flüchtlingslagern in neu zu erbauende Orte eine grosszügige Finanzierung bereitzustellen.
  • Die Israelisch-Palästinensische Föderation würde sich um die Aufnahme als assoziiertes Mitglied der EU mit Sonderstatus bewerben.

Gewaltfreie Partnerschaft

Ich habe hier vorläufige erste Überlegungen skizziert. Entsprechend wird mein Vorschlag auf beiden Seiten heftigen Widerstand auslösen. Aber im Kern ringt er um einen Ausweg aus dem Abrutschen in die Apartheid im Westjordanland und tastet sich an die Möglichkeit einer gewaltfreien israelisch-palästinensischen Partnerschaft heran. Die Juden haben sich ihre Identität als Minorität innerhalb mächtiger Nationen über Jahrtausende bewahrt. Warum sollte ihnen das in einem israelischen Staat nicht ebenfalls gelingen, selbst wenn eine grosse palästinensische Minderheit diesen Staat zu einem binationalen macht?

Immerhin lebte 1967 in Jerusalem kein einziger Palästinenser, während die Stadt heute, fünfzig Jahre später, etwa dreihunderttausend Palästinenser beherbergt. Hat die jüdische Identität Jerusalems etwa darunter gelitten? Die meisten Leute würden sagen: Keineswegs, sie hat sich eher verstärkt.

Es geht nicht um eine naive Friedensvision, sondern um einen humanen Status quo.

Ganz ähnlich ist Israel in den Grenzen von 1967 ein Land mit einer beachtlichen palästinensischen Minderheit. Die Palästinenser sind weder arbeitsuchende Migranten aus Afrika noch syrische Flüchtlinge. Sie sind seit Generationen in diesem Land ansässig, die meisten von ihnen sprechen Hebräisch und sind mit israelischen Verhaltensnormen vertraut. Mit ihnen lässt sich eine vernünftige Partnerschaft aufbauen, von der beide Seiten profitieren würden. Es geht, wie gesagt, nicht um eine naive Friedensvision, sondern um einen humanen Status quo, der jedem Bewohner des Landes die Bürgerrechte zugesteht.

Der hier gemachte Vorschlag lässt etliche Probleme offen, aber es besteht die Aussicht, dass sich innerhalb einer beginnenden Partnerschaft die Schwierigkeiten abschleifen, während man sich mit ihnen auseinandersetzt.

Sollte mir aber, nachdem all dies gesagt ist, eine politische Kraft mit Worten oder Taten beweisen, dass eine von beiden Seiten offiziell akzeptierte Aufteilung in zwei Staaten doch noch möglich ist, dann werde ich ihr folgen. Komme, was da wolle.

Abraham B. Jehoschua ist einer der bedeutendsten israelischen Schriftsteller und Essayisten.

Aus dem Hebräischen von Helene Seidler

Erstellt: 18.08.2018, 15:15 Uhr

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