Plötzlich ist es still auf dem Mittelmeer

Im Westen Libyens legten die meisten Flüchtlinge in Richtung Italien ab. Nun patrouilliert dort eine mysteriöse Bande – mit Folgen.

Von Italien ausgebildet und ausgerüstet: Die libysche Küstenwache patrouilliert nahe der Stadt Sabratha. Foto: Taha Jawashi (AFP)

Von Italien ausgebildet und ausgerüstet: Die libysche Küstenwache patrouilliert nahe der Stadt Sabratha. Foto: Taha Jawashi (AFP)

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In Sabratha, einer Hafenstadt im Nordwesten Libyens, nur 70 Kilometer von Tripolis entfernt, gibt es offenbar eine Miliz mit mehreren Hundert bewaffneten Mitgliedern, die dafür sorgt, dass von da keine Schiffe mit Flüchtlingen mehr nach Italien ablegen. Die Bande soll «Brigade 48» heissen, aber ganz sicher ist das nicht. Ihr Chef soll ein Ex-Mafioso sein, womöglich ein früherer Menschenschmuggler, doch auch hier ist vieles unklar.

Die Gruppe patrouilliert in den Strassen und an den Stränden der Stadt mit 100'000 Einwohnern, als wäre sie die Polizei. Und da die Küste dort zuletzt so etwas wie die grosse Hoffnungszentrale für Migranten aus West­afrika und Bangladesh war, der Ablegeplatz für das letzte Stück Flucht über das Mittelmeer nach Europa, ist es nicht unwesentlich, wer diese Bande ist, was sie antreibt, von wem sie Geld erhält.

Es hat gar den Anschein, dass die mysteriöse Miliz, von der die Nachrichtenagentur Reuters vor einigen Tagen in einer exklusiven Story berichtet hat, einer der Hauptfaktoren für den deutlichen Rückgang der Überfahrten ist – aber wohl nicht der einzige.

Es fliesst Geld aus Rom

Seit einigen Wochen fragen sich die Italiener, warum nun viel weniger Flüchtlinge aus Libyen zu ihnen kommen als in den vergangenen Jahren. Die Route über das Mittelmeer ist ausgerechnet im Sommer, da sie bei gutem Wetter und ruhiger See normalerweise jeweils besonders stark befahren war, fast ganz stillgelegt. Im August sind bisher 2932 Migranten an den Küsten Süditaliens angekommen; 2016 waren es im selben Monat 21'294. Der Rückgang ist auch deshalb erstaunlich, weil er so plötzlich einsetzte. Bis Mai hatte man noch geglaubt, 2017 würde zum Rekordjahr mit mehr als 200'000 Ankünften werden. Nun denkt das niemand mehr.

Video: Rettungsorganisationen stellen Arbeit auf Mittelmeer ein

Besatzungen könnten aus Sicherheitsgründen nicht länger sicher arbeiten, teilten die Organisationen mit. Quelle: TA/Reuters

Erklärungsversuche gab es schnell und viele, vollends überzeugen vermochte aber bisher keiner davon, wenigstens nicht für sich allein. Die libysche Küstenwache, so hiess es zum Beispiel, besitze nun endlich die nötigen Mittel, um die überfüllten Boote der Schleuser schon in den libyschen Hoheitsgewässern zu stoppen und die Migranten zurück an Land zu bringen, in die Auffanglager. Die Italiener haben sie dafür ausgebildet. Schnellboote und Apparate wurden geliefert, Geld floss auch. Mehr als 11'000 Menschen wurden seit Februar, als Rom mit Tripolis einen Deal abschloss, von der libyschen Küsten­wache an der Reise gehindert. Bis dahin hatte ebendiese libysche Küstenwache einen zweifelhaften Ruf gehabt: Manche Wächter sollen am Business der Schleuser mitverdient haben.

Ein weiterer Grund für den Rückgang, den sich die italienische Regierung als ihre Leistung auf die Fahne schreibt, soll mit Roms neuem Umgang mit den privaten Lebensrettern im Mittelmeer zusammenhängen. Innenminister Marco Minniti zwang den NGOs, die in den vergangenen Jahren Zehntausende Migranten an Bord holten, einen umstrittenen Verhaltenskodex auf, der sie bremsen sollte. Er sieht unter anderem vor, dass die NGOs die aufgenommenen Migranten nicht mehr an Crews der italienischen Marine und Küstenwache übergeben dürfen; sie müssen sie nun selbst nach Italien bringen, was viel Zeit und Geld kostet. Und so kreuzen nur noch zwei Schiffe von NGOs vor Libyen. Die Fluchtbewegungen aber, die waren schon zurückgegangen, bevor Minniti seinen Kodex auflegte.

Augenzeugen erzählten nach ihrer Ankunft in Italien, dass es in Sabratha äusserst kompliziert geworden sei, ein Boot zu kriegen.

Verhandelt wird ausserdem die These, wonach die Bemühungen Italiens im Süden Libyens, an den Grenzen zu Niger und zum Tschad, womöglich bereits Früchte tragen. Dort hat man mit den Stämmen ausgehandelt, dass sie die Übergänge besser kontrollieren. Von den subsaharischen Ländern wiederum erwartet Europa, dass sie als Gegenleistung für millionenschwere Hilfspakete die grossen Wanderbewegungen durch ihre Länder bremsen. Die Zeitung «Corriere della Sera» schreibt, dass die Kette an neuen Kontrollen bereits abschreckend wirke – bis in die Länder, wo die meisten Migranten herkommen. Doch diese Annahme ist wohl verfrüht. Ausserdem gibt es Hunderttausende Flüchtlinge, die sich bereits in Libyen aufhalten und auf einen günstigen Moment für die Flucht warten.

Und so gewinnt die Vermutung an Plausibilität, dass die bewaffnete Bande von Sabratha einen beträchtlichen Beitrag zum Rückgang der Überfahrten leistet. Augenzeugen, denen die Flucht dennoch gelungen ist, erzählten nach ihrer Ankunft in Italien, dass es in Sabratha äusserst kompliziert geworden sei, auf ein Boot zu steigen.

Die Flüchtlinge als Pfand

Ihre Leute rekrutiert die «Brigade 48» offenbar auch unter früheren Polizisten und Militärs. Nun fragt man sich, ob die Gruppe im Sold der Regierung in Tripolis steht, die wiederum Geld erhält aus Europa, damit sie die Küsten kontrolliert. Es wäre eine bedeutende Wende.

Bisher galt der Streifen zwischen Tripolis und der tunesischen Grenze als ­anarchischer Tummelplatz rivalisierender Lokalpotentaten, Jihadisten und Schmugglern von allem Möglichen: Drogen, Öl, Waffen, Menschen. Im Hinterland der Stadt Sabratha entstanden Auffanglager, in denen die Flüchtlinge festgehalten werden, als wären sie ein Pfand. Mal lässt man sie gehen, mal hält man sie zurück – je nachdem, was gerade einträglicher ist.

Bilder: Aktion gegen Flüchtlinge im Mittelmeer

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.08.2017, 23:15 Uhr

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