Schweiz rät von Reisen nach Tunesien ab

Bei den Unruhen in Tunesien steigt die Zahl der Toten – auch eine Schweizerin wurde erschossen. Die Schweiz hat nun eine Reisewarnung erlassen. Das EDA rechnet mit einer Verschlechterung der Lage.

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In Tunesien weiten sich die gegen das Regime gerichteten sozialen Unruhen aus. Auch die Zahl der Toten steigt. Nach Zählung von Menschenrechtsorganisation kamen bereits mindestens 66 Menschen ums Leben. Unter den Toten ist auch eine schweizerisch-tunesische Doppelbürgerin.

Die 67-jährige Chirurgin aus dem Waadtland sei am Mittwochabend in Dar Chaabane im Norden von einer Kugel getroffen worden, als sie von einem Balkon aus eine Demonstration beobachtet hatte. Sie sei noch vor Ort gestorben, sagte ihr Bruder gegenüber dem Westschweizer Radio RSR am Donnerstag.

Lage besorgniserregend

Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) bestätigte den Tod der Frau. Die Familie der Getöteten will nun die tunesischen Sicherheitskräfte verklagen. Die Frau arbeitete bis zu ihrer Pensionierung im Universitätsspital Lausanne CHUV, wie das Spital bestätigte. Nach Angaben des Bruders starben in Dar Chaabane «innert einer Stunde» drei Menschen, darunter ein elfjähriges Kind.

Der Schweizer Botschafter in Tunis habe bei einem Treffen mit dem tunesischen Aussenminister gefordert, dass der Tod der Schweizerin genau untersucht werde, schrieb das EDA in einer Stellungnahme gegenüber der Nachrichtenagentur SDA. Die Lage in Tunesien bezeichnete es als besorgniserregend.

Reisewarnung ausgesprochen

Westliche Staatenraten inzwischen vor Reisen in das Land ab. Auch das EDA in Bern veröffentlichte eine Reisewarnung. Nach Einschätzung des EDA muss mit weiteren gewalttätigen Zusammenstössen zwischen Demonstranten und den Sicherheitskräften gerechnet werden. «Auch eine weitere Verschlechterung der Lage ist möglich», schreibt das EDA in seinen Reisehinweisen im Internet.

«Bis zur Klärung der Lage wird deshalb von Touristen- und anderen nicht dringenden Reisen nach Tunesien abgeraten», heisst es weiter. Wer dennoch reise, solle sich unter anderem ständig über die Sicherheitslage informieren und Anweisungen der Behörden wie Ausgangssperren beachten.

In den vorherigen Reisehinweisen hatte das EDA die politische Lage in Tunesien als «stabil» bezeichnet, auch wenn das Aussendepartement auf die Demonstrationen in der Hauptstadt Tunis und anderen Städten hinwies und Reisenden unter anderem riet, grosse Menschenansammlungen und Kundgebungen zu meiden. Wenn das EDA eine Reisewarnung ausspricht, können Touristen bereits gebuchte Reisen bei den Veranstaltern kostenlos annullieren oder umbuchen.

Zehntausende Touristen

Tunesien ist ein beliebtes Reiseland. Allein mit dem Schweizer Reisekonzern Kuoni reisen jedes Jahr Zehntausende nach Tunesien, wie Konzernsprecher Peter Brun der Nachrichtenagentur SDA sagte. Derzeit befänden sich 230 Touristen aus der Schweiz in Tunesien, die bei Kuoni gebucht haben, sagte Brun.

Der Reiseveranstalter Hotelplan spricht in einem Communiqué von 95 Reisenden in Tunesien; Tui Suisse von rund 100 Gästen. Der Tourismus ist ein wichtiger Wirtschaftszweig des Maghreb-Staates: elf Prozent der Deviseneinnahmen des Landes stammen aus der Branche.

Demonstranten fordern Ben Alis Rücktritt

Auch in anderen Städten des Landes kam es am Mittwochabend und am Donnerstag zu Zusammenstössen. Die sozialen Proteste gegen die hohe Arbeitslosigkeit richtet sich immer mehr gegen Präsident Zine al- Abidine Ben Ali, der das Land seit 23 Jahren autoritär regiert.

Allein in der Nacht zum Donnerstag seien acht Menschen gestorben, teilte das Internationale Menschenrechtsbündnis FIDH in Paris mit, Es hat bislang 66 Tote gezählt. Die Regierung sprach zuletzt von 21 Toten. «Die Polizei schiesst den Demonstranten gezielt in die Brust und in den Kopf. Sie wollen töten. Warum wissen wir nicht», sagt der tunesische Journalist Néji Bghouri zu Tagesanzeiger.ch/Newsnet. «Wir fürchten, dass es noch viele Tote geben wird. Im ganzen Land herrscht Aufruhr.»

Polizei riegelt Quartier ab

Erstmals wurde am Donnerstag auch die Erschiessung eines Demonstranten im Zentrum der Hauptstadt Tunis gemeldet. Ein 25- Jähriger wurde gemäss Augenzeugen von Polizisten erschossen, die auf Hausdächern in Stellung waren. Zuvor hatten etwa 200 Demonstranten in der Nähe der Zentralbank des Landes demonstriert.

Nach den Schüssen riegelte die Polizei das Quartier ab. Die Geschäfte blieben geschlossen. Hinter Stacheldraht bewachten Soldaten und Polizisten Regierungsgebäude. Gemäss Augenzeugen umzingelten Sicherheitskräfte auch den Sitz der grössten Gewerkschaft. In Tunis wurde zudem ein Fotojournalist aus den USA von einer Kugel ins Bein getroffen.

Unruhen weiten sich aus

Bislang war es vor allem in den Vororten und den Aussenquartieren von Tunis zu Zusammenstössen gekommen. Dort gingen trotz Ausgangssperre auch in der Nacht Demonstranten auf die Strassen. Im Arbeitervorort Ettadamen starb ein 25-Jähriger gemäss Angehörigen durch einen Kopfschuss.

Die Demonstranten protestieren gegen die hohe Arbeitslosigkeit, die Korruption und die Unterdrückung im Land. Ihren Ausgang nahmen die Proteste in der Stadt Sidi Bouzid, wo sich Mitte Dezember ein arbeitsloser Hochschulabsolvent selbst verbrannt hatte.

Scharfe Kritik der Menschenrechtskommissarin

Die Regierung macht eine kleine Gruppe gewalttätiger Extremisten für die Gewalt verantwortlich. Diese hätten die Proteste für sich vereinnahmt. Die Polizei erklärte, die Beamten hätten sich nur selbst verteidigt.

Dagegen kritisierte UNO-Menschenrechtskommissarin Navi Pillay überzogene Massnahmen der Sicherheitskräfte, wie den «Einsatz von Scharfschützen und die willkürliche Tötung friedlicher Demonstranten».

(mrs/sda)

Erstellt: 13.01.2011, 17:06 Uhr

Proteste in Marseille

In der französischen Hafenstadt Marseille demonstrierten am Mittwochabend mehrere hundert Menschen und skandierten gegen den tunesischen Präsidenten Zine Al Abidine Ben Ali gerichtete Parolen. Die Metropole hat traditionell einen hohen Anteil an Nordafrikanern.

Die Demonstranten kritisierten die französische Regierung, weil sie die tunesische Regierung für ihr gewaltsames Vorgehen nicht kritisiert. «Wir verurteilen die Gewalt», hatte Regierungssprecher François Baroin am Mittwoch in Paris unbestimmt erklärt. «Weiter können wir nicht gehen, das wäre eine Einmischung in innere Angelegenheiten», fügte er hinzu. Ben Ali wird in Paris als Bollwerk gegen den Islamismus gesehen. Die französische Regierung hält sich deswegen traditionell mit Kritik wegen Menschenrechtsverletzungen in Tunesien zurück.

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