Protestieren geht über studieren

In Südafrika wehren sich Tausende wütender Studenten gegen eine Gebührenerhöhung. Sie belagern den Sitz der Regierung, alle wichtigen Unis sind geschlossen.

Seit Tagen auf der Strasse: Studenten der Wits University vor dem ANC-Sitz in Johannesburg. Foto: Kim Ludbrook (EPA)

Seit Tagen auf der Strasse: Studenten der Wits University vor dem ANC-Sitz in Johannesburg. Foto: Kim Ludbrook (EPA)

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Südafrika wird derzeit von einer Welle von Studentenprotesten heimgesucht, wie sie das Kap der Guten Hoffnung seit den Schüleraufständen von Soweto 1976 nicht mehr erlebt hat. Mit insgesamt 16 Universitäten sind sämtliche grossen Hochschulen des Landes inzwischen geschlossen, nachdem Studenten bereits seit Tagen gegen eine Erhöhung der Studiengebühren um rund 11 Prozent protestieren.

«Unseren Eltern wurden 1994 Träume verkauft.Aussage auf einem Plakat

Immer wieder kam es in den vergangenen Tagen zu Konfrontationen zwischen Bereitschaftspolizisten und Studenten, bei denen die Sicherheitskräfte mit grosser Härte vorgingen: Mindestens 30 Studenten wurden verhaftet. Sowohl die US-Regierung wie Amnesty International kritisierten die Härte der Polizeieinsätze. Beobachtern zufolge geht es bei den Protesten längst nicht mehr nur um Studiengebühren, sondern um die Unzufriedenheit junger Südafrikaner aus ärmeren Familien, die in dem von wirtschaftlichem Stillstand, galoppierender Korruption und einer arroganten Regierung gezeichneten Staat keine Zukunft sehen.

Zu laut für Gespräche

Mehrere Tausend Studenten der Johannesburger Witwatersrand-Universität und der Universität von Johannesburg marschierten am Donnerstagnachmittag zum Hauptsitz des regierenden Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) in der Stadtmitte. Sie wurden von einem Grossaufgebot der Polizei begleitet, das heute auch gepanzerte Mannschaftswagen und Wasserwerfer auf das Gelände brachte. Bereits am Mittwoch waren Studenten in Kapstadt auf das Gelände des Parlaments vorgedrungen, von wo sie dann allerdings von Einheiten der Bereitschaftspolizei unter Einsatz von Blendgranaten, Schlagstöcken und Tränengas wieder vertrieben wurden.

Zur selben Zeit stellte Finanzminister Nhalanhla Nene unter Anwesenheit des Präsidenten Jacob Zuma im Parlament sein Halbjahresbudget vor. Die oppositionellen Economic Freedom Fighters (EFF) suchten die Rede des Finanzministers unter Hinweis auf die Proteste ausserhalb des Abgeordnetenhauses zu verhindern, wurden daraufhin aber selbst des Saales verwiesen. Weder Nene noch Zuma gingen auf die Proteste der Studenten ein; Zuma kündigte inzwischen allerdings an, sich mit Studentenvertretern treffen zu wollen.

Blade Nzimande, Minister für Hochschulbildung und Generalsekretär der Kommunistischen Partei, wollte vor dem Parlament zu den Demonstranten sprechen, konnte sich gegen deren lautstarken Protest jedoch nicht durchsetzen. Die Ministerpräsidentin der Westkap-Provinz, Helen Zille, wurde bei einem Vermittlungsgespräch von den Studenten ausgebuht.

Rund 7000 Euro für einen Studenten

Südafrikas Universitäten sind bei der Festsetzung der Höhe der Studiengebühren unabhängig, sind aber gleichzeitig auf Zuschüsse des Staates und privater Sponsoren angewiesen. Die Erhöhung der Gebühren um rund elf Prozent hatten die Administratoren der Universitäten mit steigenden Kosten bei gleichbleibenden staatlichen Subventionen begründet. Südafrikas Hochschulen werden mit öffentlichen Geldern in Höhe von 0,8 Prozent des Bruttoinlandproduktes unterstützt, international sind 2,5 Prozent üblich. Für viele Studenten sind die umgerechnet rund 7000 Euro, die ein Studium einschliesslich der Gebühren, der Miete und des Unterhalts jährlich kostet, nur unter grössten Mühen finanzierbar. Studentenvertreter fordern freie Hochschulausbildung und beziehen sich dabei ausdrücklich auf Deutschland.

Während die Regierung diese Forderung als unrealistisch zurückweist, rechnete das Südafrikanische Institut für Rassenbeziehungen jetzt vor, dass die dafür benötigten knapp 5 Milliarden Euro durchaus aufzubringen seien, falls die Regierung die dafür nötigen Prioritäten setze. Hochschulminister Nzimande setzte sich in den vergangenen Tagen lediglich dafür ein, die Studiengebühren statt um elf nur um sechs Prozent zu erhöhen. Sein Vorschlag wurde von den Studentenvertretern allerdings zurückgewiesen. Im Haushalt für das kommende Jahr sind keine zusätzlichen Mittel für Hochschulen vorgesehen.

Dass es den Studenten nicht nur um Studiengebühren geht, verraten Plakate wie dieses: «Unseren Eltern wurden 1994 Träume verkauft. Wir möchten heute lediglich rückvergütet werden.»

Erstellt: 23.10.2015, 15:03 Uhr

«Wir sind Studenten, keine Kunden.» Foto: Themba Hadebe (AP)

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