Reise ins Seeleninnere

An Bord eines kongolesischen Frachtkahns lernt man nicht nur Diebe und Prostituierte kennen, sondern auch sich selber.

Wilde Haltestelle Flussufer: Die MB Nathasha Belle stoppt zum Be- und Entladen nie in Häfen, um Gebühren zu sparen. Fotos: Per-Anders Pettersson (2), Bernd Dörries (2)

Wilde Haltestelle Flussufer: Die MB Nathasha Belle stoppt zum Be- und Entladen nie in Häfen, um Gebühren zu sparen. Fotos: Per-Anders Pettersson (2), Bernd Dörries (2)

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Er stellt sich vor als so etwas wie der Maat der MB Nathasha Belle. Um ihn herum werden gerade Motorräder, Maissäcke, Hühner und rohe Fleisch­stücke an Bord gebracht. Ein Träger fällt beim Versuch, eine schwere Tasche auf die Ladefläche zu hieven, ins schlammige Wasser zwischen Boot und Ufer. Der Maat führt zu einer Kabine auf dem oberen Deck. Man habe Glück, sagt er, schon morgen in der Früh lege das Boot ab. Die Kabine ist eine Abstellkammer, in der ein wackliger Schreibtisch steht. «Das richten wir tipptopp her», sagt der Maat. Eine Woche nicht stolpern, nicht arrogant sein, sich nicht mit den Frauen anderer Passagiere einlassen, empfiehlt er. Das müsste zu schaffen sein.

Etwa 450 Kilometer von Kisangani bis nach Bumba wird man unterwegs sein, sieben Tage und sechs Nächte an Bord der MB Nathasha Belle, in einer Kammer, die etwa zwei Quadratmeter gross ist, aber zusehends schrumpft, es kommen immer mehr Maissäcke dazu und ein weiterer Passagier, schlafen geht nur mit angewinkelten Beinen. Es ist eine Reise durch den eigenen Gefühlshaushalt. Es gibt die grosse Euphorie, wenn die Sonne am Morgen den noch nebligen Fluss beleuchtet. Es gibt Momente, in denen man zweifelt, ob das alles eine gute Idee war. Rückzugsraum oder Privatsphäre gibt es nicht, alle sitzen im selben Boot.

Die MB Nathasha Belle besteht für diese Reise aus dem Schlepper und vier Frachtkähnen, von denen zwei längs vor das schiebende Motorboot gespannt sind, jeweils einer links und rechts davon. Der Schiffsverbund sieht von oben aus wie ein auf dem Wasser liegendes, schwimmendes Kreuz, rund 80 Meter lang und 30 Meter breit. Auf den Decks steht eine wilde Mischung aus Autos und Containern, dazwischen haben rund 200 Passagiere ihre Lager eingerichtet.

Garküche und Rotlichtbezirk

Jeder Bootsteil trägt den Namen eines Erdteils. «China» heisst China, weil es oben auf den Containern überbevölkert ist. In «Amerika», dem ersten Stock des Motorbootes, wären alle gerne, auf einer Veranda hinter der Brücke gibt es ein wenig Platz und Ruhe, zumindest zu Beginn der Reise. «Europa» liegt im Erdgeschoss des Schleppers, wo es die besseren Toiletten gibt, die auch Duschen sind, Stahlkabinen mit einem Loch im Boden. Schliesslich «Afrika». Das sind die Gassen, die längs und quer über das Schiff verlaufen. Zwischen Schiff und Schuten klaffen Spalten, in die jeder seinen Abfall wirft. Es gibt Marktstände und Garküchen, Coiffeure und Kosmetiker. Es gibt eine Bar mit Kühlschrank und kaltem Bier. Und es gibt einen Rotlichtbezirk, in dem einige Damen sich den Fahrpreis der Schifffahrt verdienen.

«Ich hatte grosse Angst vor dieser Reise», sagt Jean-Claude Mangila. Der Pfarrer hat sich auf Youtube einige Videos angeschaut von den überfüllten Booten auf dem Kongo. Niemals wollte er auf einem dieser Seelenverkäufer fahren, zu gefährlich. Im Hafen von Kisangani hat er die Schiffe angeschaut und Preise verglichen. Nun sitzt er doch auf einem solchen Boot. Einen Fahrplan gibt es nicht. Es wird abgelegt, wenn an Bord kein Platz mehr ist für weitere Fracht oder Menschen, was Tage dauern kann oder Wochen. Mangila hat nur ein paar Tage warten müssen auf die Abfahrt der MB Nathasha Belle, die nach ihrer Besitzerin benannt ist, einer Kongolesin, die in der Hauptstadt Kinshasa wohnt. Ihr Boot hat auf den Pfarrer einen guten Eindruck gemacht, zumindest, wenn man es damit vergleicht, was sonst zur Auswahl stand. Und er hatte Bohnen und Kohle eingekauft, für Wasser hatte es nicht mehr gereicht.

Frachter und Kähne wie die MB Nathasha Belle sind Hauptverkehrsmittel im Kongo.

Seine Reise soll Jean-Claude Mangila bis zur Endstation in Kinshasa führen. 1900 Flusskilometer und vier Wochen sind es bis dorthin. Mangila hat als Pfarrer lange im Osten des Landes missioniert. «Ich arbeite in einer sehr instabilen Region, es ist dort sehr schmerzvoll und hart», sagt er. «Ich möchte nach Kinshasa, um mich auszuruhen.» Er sitzt auf einer kleinen Matratze inmitten eines Durcheinanders aus Containern, Autos, Hühnern, Menschen, glühenden Kohlegrills und Kindern. Die Reise über den halben Kontinent führt durch nebligen Regenwald und die Spuren der Vergangenheit, die Geister und Schrecken der Eroberung Afrikas. Es ist ein Abenteuer, das nicht gefährlich sein muss, aber gefährlich werden kann. Alle paar Monate sinkt ein überladenes Schiff, und es gibt Dutzende Tote, die es aber nur selten in die Nachrichten schaffen. Wer mit einem Boot untergeht, ist auf sich gestellt, es gibt keine Wasserpolizei oder sonst jemanden, den man zu Hilfe rufen könnte. In manchen Flussabschnitten leben Krokodile, die aber, so sagen die Leute an Bord, nur diejenigen frässen, die durch ihre Sünden dafür vorbestimmt seien. So wie alles im Leben vorbestimmt sei.

Um 4.30 Uhr beginnt ein Kollege Mangilas mit dem Gebet, oben auf einem der Container, die Hände ausgebreitet in den morgenroten Himmel. Manche beten mit, andere drehen sich fluchend um auf der Matratze. Etwa 50 Dollar hat Mangila für die Fahrt bezahlt, das ist viel Geld in einem Land, in dem 70 Prozent der Einwohner mit weniger als 2 Dollar am Tag zurechtkommen müssen. Mangila ist bis jetzt zufrieden mit der Fahrt, zwei Tage ist die MB Nathasha Belle nun unterwegs, er hat einen Platz gefunden, über den seine Nachbarn und er eine Zeltplane gespannt haben gegen die Sonne. Fast schon Luxusklasse. Er kann sich am Tag an einen Container lehnen, nachts hat er so viel Platz, dass er seine Beine ausstrecken kann. «Wir sind hier sicher, es gibt keine körperlichen Angriffe, anders als dort, wo ich herkomme», sagt er.

«Das ist mein Land. Und ich bin der Präsident», sagt Kapitän Philipe Yatshi.

Was für ihn eher ein Problem sei: die «spirituelle Unsicherheit». Nachts habe er mit anhören müssen, wie Passagiere Sex gehabt hätten, womöglich, spekuliert er, vor oder neben der Ehe. In solch unsicheren Momenten wirft Pfarrer Mangila einen Blick in die Bibel oder in eine Broschüre, die er sehr oft zur Hand nimmt. Sie ist etwa 80 Seiten dick. «Darin steht alles über die Helden unserer Unabhängigkeit», sagt Pfarrer Mangila.

Von aussen betrachtet ist der Kongo-Fluss das «Herz der Finsternis». So lautet der Titel des berühmten Romans von Joseph Conrad, der einst als Kapitän den Kongo hoch- und runtergefahren ist und in seinem 1899 erschienenen Buch wieder ein Boot den Strom hinaufreisen lässt, zu den Handelsstationen der Belgier, hinein in den Horror des Kolonialismus. Mit «Herz der Finsternis» meinte der britisch-polnische Autor nicht den Kongo, sondern die moralische Verkommenheit der Kolonialisten. «Blood River» nannte ein englischer Journalist sein Buch über eine Reise durch die Rebellengebiete zum Kongo.

«Ich fühle mich hier sehr sicher, es ist immer jemand über uns, der auf uns aufpasst», sagt Mangila. Er meint damit Gott, aber auch den Kapitän und seine Offiziere auf der Brücke direkt über ihm. Es ist immer jemand da, der dort oben steht und hinunterschaut auf die Boote. Von oben betrachtet, sehen sie aus wie ein kleines Dorf. «Es ist ein kleines Land», korrigiert Kapitän Philipe Yatshi. «Es ist mein Land, und ich bin der Präsident. Und ich regiere mein Land besser als der andere Präsident da draussen. Draussen an Land herrschen Willkür und Chaos. Hier an Bord hat alles seine Ordnung.»

Alltagsfluss: Nichts tun, auf Passagiere warten und sich rasieren lassen.

Yatshi ist 48 Jahre alt und der Kapitän der MB Nathasha Belle, meist trägt er ein weiss-rotes, ärmelloses Shirt. Er steuert das Boot an den Sandbänken vorbei und hat immer ein Auge darauf, was an Bord seines Schiffes passiert. Er schlichtet Streitereien und sorgt dafür, dass sich seine Passagiere hier sicherer fühlen als an Land. Und manchmal muss er jemanden verhaften. Im Erdgeschoss des Schleppers hat Yatshi zwei kleine Zimmer und ein Bad, einen Luxus, den es sonst für niemanden gibt. Zwei seiner Söhne sind mit an Bord, so wie er früher auch mit an Bord war, als sein Vater diesen Fluss befuhr. «Mit fünf Jahren wollte ich Kapitän werden, aber mein Vater war dagegen. Er sagte, das sei zu gefährlich.» Irgendwann gab der Vater nach. Jetzt steht Philipe Yatshi schon seit 20 Jahren auf der Brücke. Vor ihm sind ein paar Instrumente eingebaut, ein Messgerät für die Temperatur des Motors und eines für die des Öls, daneben ein GPS-Gerät, das, genau wie die beiden anderen Geräte, nicht funktioniert. Über dem Kopf von Yatshi hängen verschiedene Vorrichtungen, in die Navigationsinstrumente eingeklinkt werden könnten, die aber leer sind. Das Einzige, was funktioniert, sind Ruder und Regler für die Geschwindigkeit. Mehr braucht der Kapitän nicht. Die letzten Karten des Flusses wurden während der belgischen Kolonialzeit gedruckt, sie sind nicht mehr zu gebrauchen.

Ein eigenes Land

Der Kongo ist ein gewaltiger Strom. An seiner breitesten Stelle misst er 21 Kilometer, sodass man leicht die Orientierung verliert. Er scheint auch kaum zu fliessen. Das Ufer sieht immer gleich aus, Bäume, Bäume, Bäume, ein dichter Regenwald, von dem man nur die ersten drei oder vier Baumreihen sieht. Hin und wieder tauchen Markierungen an den Ufern auf, die Yatshi sagen, dass er auf die andere Seite steuern muss, um nicht auf eine Sandbank zu laufen. Die Belgier hatten die Fahrrinne einst ausgebaut, es gab beleuchtete Bojen, Schifffahrtszeichen und Kilometermarken. Doch fast alle sind mittlerweile überwuchert, zerstört oder gestohlen.

Da aber die MB Nathasha Belle ihr eigenes Land ist und Kapitän Yatshi ihr Präsident, haben sie sich selbst geholfen. Sie haben in den Dörfern entlang des Flusses so etwas wie kleine Botschaften eingerichtet mit Mitarbeitern, die für das Boot die Wassertiefe messen und Aufträge für Waren annehmen, die geliefert oder abgeholt werden sollen. An diesem Punkt trennen sich die Interessen des Präsidenten von denen seines Volkes. Die Passagiere wollen möglichst schnell ans Ziel kommen, der Kapitän will möglichst viel Ladung aufnehmen und abladen, damit möglichst viel Geld in die Kasse kommt.

Ein paar Hütten als Haltestellen

Grob gesagt, gibt es drei Gruppen an Bord: Da sind die einen, die vor dem seit Jahrzehnten andauernden Krieg im Osten des Landes flüchten, die sich in der Hauptstadt ein neues Leben aufbauen wollen. Menschen wie Alliance (25), die in Uganda studiert hat, aber keinen Job findet. «Ich hoffe, dass es in Kinshasa für mich besser wird.» In einer Stadt mithin, die grausam sein kann zu denen, die nichts haben. Es gibt jene, die auf dem Boot arbeiten, die eine kleine Küche haben, in der sie Fisch frittieren oder auch Fledermäuse, die Dorfbewohner im Wald gefangen haben. Und dann gibt es noch die Händler, die mit ihren Waren reisen und sie bewachen.

Jimmy Alexandre etwa. Den ganzen Tag sitzt er vor seinem Toyota Land Cruiser, nachts schläft er auf den Sitzen. Das Auto lässt er nicht aus den Augen, obwohl es schwer sein dürfte, den Geländewagen vom Boot zu stehlen. Der Tacho zeigt 308'000 Kilometer. Das Auto wurde gebraucht von Japan nach Tansania geschafft, dort hat es Alexandre für 8000 Dollar gekauft und nach Kisangani gebracht, in Kinshasa will er es für 20'000 Dollar verkaufen.

Das Schiff hält an einer Ansammlung von Hütten. Drei Gestalten kommen angerannt in zerrissenen Hosen und den Überresten von Flipflops. Einer stellt sich als René vor und beginnt, zwei Geschichten gleichzeitig zu erzählen. In der einen ist er der Sohn eines Belgiers und einer Kongolesin. In der anderen stellvertretender Polizeichef des Ortes. Beide Geschichten enden mit der Forderung nach Geld.

Eine Mahlzeit am Tag

Hinter ihm plötzlich Geschrei und Durcheinander. Die Säcke mit dem Mais, die man abholen sollte, sind noch nicht am Platz. Die Fischerleute des Dorfes wollen sie auch nicht gegen grosszügige Bezahlung an Bord bringen. «Wir sind Fischer, wir machen das nicht», sagen sie, obwohl ihre Umgebung und ihre zerlumpte Kleidung nicht so wirken, als hätten sie wirklich eine Wahl. Ein Erkundungstrupp bricht ins Landesinnere auf, um dort unter den Bauern Träger zu finden. Erst gegen Abend werden die 50 Maissäcke aufs Schiff geladen. Einen ganzen Tag hat die Abholung gekostet.

«Jeder weitere Tag kostet uns Geld, jeder Tag bringt unsere Kalkulation durcheinander», sagt François, der 19 Jahre alt ist und auf dem Weg nach Kinshasa. Er sitzt mit etwa 50 Gleichaltrigen auf einem Frachtcontainer. Sie haben Matratzen dabei und Plastikplanen, die sie zu einem Sonnensegel gespannt haben. Wer es sich leisten konnte, hat sich im Hafen noch einen Plastikstuhl gekauft. So sitzen sie Tage und Wochen auf den Containern und spielen Eile mit Weile. Sie fragen den Mitreisenden, ob die Spielregeln dort, wo er herkommt, genauso sind (nein, die kongolesische Version ist anspruchsvoller) und warum er so bescheuert ist, auf diesem Boot zu fahren. Sie fragen ihn, ob er dasselbe Essen isst und dieselbe Toilette benutzt wie sie, was beides bejaht werden kann. Erst als der Gast sich dann auch noch als äusserst schlechter Eile-mit-Weile-Spieler entpuppt, der sich über jede Niederlage ärgert, weicht ihr Misstrauen.

Mehr gibt es nicht zu tun hier oben. Hin und wieder schippert das Boot an einem Dorf mit Handymast vorbei, was dazu führt, dass alle auf ihre Bildschirme starren. Danach werden erneut die Spielbretter ausgepackt. Keiner trinkt, keiner raucht, weil es zu teuer ist und weil die Zigaretten das Boot in Brand setzen könnten und man vom Alkohol immer aufs Klo muss, das eine ziemliche Klettertour vom Container herunter entfernt ist. Gegessen wird meist einmal am Tag, es gibt Reis mit Bohnen oder Maispampe mit Thomson-Fisch. Der Fisch heisst so, weil ihn einst die gleichnamige Firma aus Südafrika importierte: Makrelen, die gefroren im Kongo ankommen und doch billiger sind als der Fisch, den die Fischer im Fluss fangen.

Der Dieb muss «ins Exil»

Wenn es um sechs Uhr dunkel wird, legen sich die Jungs auf ihre Matratzen, alle parallel nebeneinander, wie Thomp­son-Sardinen in der Dose. So geht es jeden Tag, bis am vierten Tag der Reise die Festnahme eines Diebes etwas Abwechslung bringt. Ein junger Mann mit gelähmten Beinen, der nur kriechen kann, hatte einem Passagier das Handy gestohlen. Der Dieb wird zum Kapitän in die Kajüte gebracht, wo eine Art Verhandlung stattfindet. Der Verdächtige bestreitet die Tat, dann findet man das Telefon in seiner Tasche, so geht die Sache zu seinem Nachteil aus. Der Kapitän füllt eine Quittung aus, die dem Fahrgast bescheinigt, «ins Exil» geschickt worden zu sein. Durch seine Unterschrift bestätigt er, dass er vor der Verbannung gehört worden war, also alles rechtens zugegangen sei. Dann wird er mit einem kleinen Boot an Land gebracht, wo man ihn an einem Weiler ablädt. Der Kapitän sagt: «Es gibt Kriminelle, die uns infiltrieren. Wir finden und verurteilen sie. Sie haben keinen Platz auf dem Boot.» Am nächsten Tag ist der Mann wieder an Bord. Er hatte sich in der Nacht von einem Einbaum zum Schiff bringen lassen und wird sofort wieder beim Diebstahl erwischt. Die Angelegenheit wird nun brenzlig, das Volk ist aufgebracht und will ihm an den Kragen, besonders ein Armeeoffizier, der als Passagier an Bord ist, fordert mit eindeutigen Gesten den Tod des Jungen. Es gibt ein Handgemenge. Pfarrer Mangila wirft sich, so gut es geht, dazwischen, schreit, dass Gott es nicht dulde, sich an einem «Krüppel» zu vergehen. Der Kapitän sagt, er dulde keine Selbstjustiz, und gewährt dem Dieb in seiner Kabine Schutz. Am nächsten Tag soll dieser wieder von Bord gebracht werden. Was sich verzögert, weil das Boot eine Gegend passiert, in der es viele Piraten geben soll, die an Bord kommen und die Passagiere überfallen könnten. Der Kapitän entscheidet sich daher zur schnellen Weiterfahrt.

Vier Tage auf die Antonow warten Später wird die MB Nathasha Belle mit jedem Stopp voller. Es werden immer neue Waren geladen, überall stehen neue Maissäcke, werden Holzbretter verstaut, zum Schluss kann man sich kaum noch bewegen. Die Stühle werden einfach über Bord geworfen, die Pas­sagiere sitzen nun auf Maissäcken. Die Abendstunden sind die einzige Zeit, in der so etwas wie Ruhe einkehrt, wo man zusammensitzt. Estelle, die Frau, die einem eine Woche lang die Bohnen und den Reis gekocht hat, erzählt, wie sie vor ihrem Mann geflohen ist, der sie geschlagen und immer wieder vergewaltigt hat. Sie hat sich auf das Boot gerettet, für das Ticket bezahlt sie, indem sie jeden Tag für einen Teil der Mannschaft kocht. Hin und wieder kommt ein Mann abends an ihre Matratze und will Sex mit ihr haben. Bisher hat sie alle abwehren können, hat ihr immer jemand geholfen, ist es für sie hier noch immer sicherer gewesen als auf dem Land.

Drei Wochen auf dem Kongo haben sie noch vor sich, die Frauen, der Pfarrer, der Händler des Toyota Land Cruiser und der Schiffspräsident. Wer wie der Reporter nur nach Bumba wollte, erlebt hier seinen letzten Abend. Am Flughafen wartet er dann vier Tage lang auf ein Flugzeug, dessen Ankunft sich immer wieder verzögert. Bis eine alte sow­jetische Antonow landet, eine, wie sie alle paar Wochen im Kongo vom Himmel fällt. Schnell wünscht er sich wieder auf das Boot zurück, die MB Natha­sha Belle, zurück ins Herz der Finsternis, dessen Inneres so finster gar nicht ist.

Erstellt: 16.02.2019, 15:56 Uhr

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