Riad will im Hinterhof aufräumen

Saudiarabien zählt den Jemen zu seiner Einflusssphäre. Die Intervention des sunnitischen Königreichs im Nachbarland gegen die schiitische Huthi-Miliz soll seinen Einfluss sichern und den des Iran zurückdrängen.

Zerstörung in Sanaa nach dem gestrigen Luftangriff einer von Saudiarabien geführten Koalition. Foto: Anadolu Agency, AFP

Zerstörung in Sanaa nach dem gestrigen Luftangriff einer von Saudiarabien geführten Koalition. Foto: Anadolu Agency, AFP

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Es ist mehr als 200 Jahre her, dass der Stamm der Saud die ersten Schlachten mit dem Imamat der Zaiditen um die Vorherrschaft im Süden der Arabischen Halbinsel schlug. So gesehen steht die Intervention des sunnitischen Königreichs im benachbarten Jemen gegen die schiitische Huthi-Miliz in einer langen historischen Linie; die Huthis sind die Erben dieses Imamats. Im Jemen und wohl auch in Saudiarabien hegt mancher den Verdacht, die schiitischen Zaiditen wollten mit tatkräftiger Unterstützung aus dem Iran letztlich das theokratische Regime wieder errichten, das ihnen mehr als 1000 Jahre die Macht über Teile des heutigen Jemen gesichert hatte und erst 1962 in der Revolution zu Fall kam.

Saudiarabien mit seinem Anspruch als regionale Vormacht der Golfmonarchien und des sunnitischen Islam ist nicht bereit, dies hinzunehmen – auch wenn die Realität weit komplexer sein mag. Riads Politik wird durch die Wahrnehmung getrieben, dass die Islamische Republik – die selbsterklärte Schutzmacht der Schiiten und der wichtigste regionale Rivale – in Gestalt der Huthi-Miliz drauf und dran ist, nach Beirut, Damaskus und Bagdad eine vierte arabische Hauptstadt zu übernehmen.

Schlüsselfigur Saleh

Saudiarabien hat den Jemen immer als seinen Hinterhof betrachtet. In Riad gab es seit den 60er-Jahren ein beim Ende 2011 verstorbenen Verteidigungsminister Sultan bin Abdul Aziz angesiedeltes eigenes Komitee, das die Jemen-Politik steuerte. Es gibt Brüche und Richtungswechsel – die Konstante aber war immer, den Einfluss im Nachbarland zu wahren.

Das Königreich trug massgeblich dazu bei, Ali Abdullah Saleh 1978 im Nordjemen als starken Mann zu installieren. Die Saudis spielten eine Rolle bei der Vereinigung des Landes im Jahr 1990, überwarfen sich aber mit Saleh wegen dessen Unterstützung für Saddam Husseins Invasion in Kuwait. Sie intervenierten im Bürgerkrieg 1994 aufseiten der Sezessionisten im Süden. Doch blieb auch danach ihr Einfluss in Sanaa bestehen – und die Verbindung zu Saleh. 2012 waren es wiederum die Saudis, die ihn mit mächtigem Druck dazu bewegten, aus dem Amt zu scheiden. Bis heute ist der Ex-Präsident im Jemen aber eine Schlüsselfigur im Kampf um die Macht, nach wie vor gebietet er über loyale Einheiten im Militär.

Das macht die Situation kompliziert, ist aber nur ein Beispiel dafür, wie Riad in wenigen Jahren verspielt hat, was in Jahrzehnten aufgebaut worden war. Für die Saudis ging es Mitte der Nullerjahre zunehmend weniger um jemenitische Innenpolitik als um Sicherheitsfragen. 2009 verschärfte sich die Bedrohung durch das Terrornetzwerk al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel, als sich deren Filialen im Jemen und dem Königreich zusammentaten.

Jemen-Komitee 2013 aufgelöst

Ein Attentäter versuchte im gleichen Jahr, den heutigen Vize-Kronprinzen und Innenminister Mohammed bin Nayef zu ermorden. Bis heute baut Saudiarabien an einem milliardenteuren Hightech-Grenzzaun, um sich vor Unbill aus dem unruhigen Nachbarland abzuschotten. Zugleich unterstützt Riad den im Jemen unpopulären Drohnenkrieg der Vereinigten Staaten gegen al-Qaida.

Nach dem Arabischen Frühling kappten die Saudis dann viele ihrer traditionell engen Bande zur islamistischen Islah-Partei, die mit der Muslimbruderschaft eng verbandelt ist, und den mit ihr verbundenen Stämmen. Sie reduzierten ihre finanziellen Zuwendungen, mit denen sie sich zuvor ein breites Spektrum politischer Akteure im Jemen gewogen gehalten hatten, und setzten stattdessen voll auf Salehs Nachfolger Abd Rabbuh Mansur al-Hadi und dessen Unterstützer unter den Stämmen und im Militär. «In den vergangenen Jahren gab es keine Jemen-Politik in Riad, da war nur Chaos», beschreibt ein hochrangiger Diplomat aus der Region die Situation. Sinnbild dafür war, dass der verstorbene König Abdallah 2013 das Jemen-Komitee auflöste.

Diplomatische Offensive

Als sich nun die Huthis bis zum Flughafen von Aden vorgekämpft hatten, war Hadi ohne Intervention nicht mehr zu halten. Saudiarabien hatte diese nicht nur militärisch vorbereitet, was augenfällig wurde, als starke Truppenverbände an der Grenze auffuhren, sondern auch diplomatisch: Die Golfstaaten – wohl mit Ausnahme Omans – unterstützen das Eingreifen ebenso wie Ägypten, Jordanien und der Sudan. Beim Gipfeltreffen der Arabischen Liga am Wochenende in Sharm al-Sheikh dürfte die Zustimmung einhellig ausfallen. Die Amerikaner sind in einer «gemeinsamen Planungszelle» und mit «logistischer Unterstützung» beteiligt – gemessen an ihrer einstigen Rolle in der Region bleiben sie aber draussen vor der Tür.

Saudiarabien füllt zunehmend selbstbewusst und aggressiv seine regionale Führungsrolle aus. Washington hat zwar lange gefordert, dass die Golfstaaten sich stärker um ihre Sicherheit kümmern, dies mit seiner Annäherung an den Iran aber auch herausgefordert – und viel Einfluss verspielt. Den sich anbahnenden Atomdeal mit Teheran sehen die Herrscher in Riad ebenso kritisch wie der israelische Premierminister Benjamin Netanyahu. Misstrauisch verfolgen Israel wie auch Saudiarabien die stillschweigende Kooperation zwischen den einstigen Erzfeinden im Kampf gegen den Islamischen Staat im Irak. Das gilt auch für die Äusserungen von US-Aussenminister John Kerry, dass man letztlich mit Syriens Diktator Bashar al-Assad reden müsse. Saudiarabien wird nicht tatenlos zusehen, wie sich das Kräfteverhältnis in der Region neu tariert. Riad räumt erst mal den Hinterhof auf, aber das wird nur der Anfang sein.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.03.2015, 23:09 Uhr

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