Scheidung auf Persisch

Iranische Frauen werden selbstbewusst: Sie trennen sich von ihren Männern und feiern das ganz offen.

Das Selbstverständnis der Iranerinnen hat sich in den vergangenen Jahren verändert: Frauen in der Hosseyniyeh Ershad Moschee in Teheran. (Archivbild)

Das Selbstverständnis der Iranerinnen hat sich in den vergangenen Jahren verändert: Frauen in der Hosseyniyeh Ershad Moschee in Teheran. (Archivbild) Bild: Keystone

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Iraner haben einen Hang zur sorgsam gepflegten Melancholie. Aber sie feiern auch gern, die unfrommen Partys der Besserverdienenden von Teheran sind so legendär, wie sie bei den Sittenwächtern der Islamischen Republik verrufen sind. Nun müssen die obersten Geistlichen sich noch mehr grämen: Iranische Frauen trennen sich immer häufiger von ihren Ehemännern und schmeissen zur Feier des ersten Tages ohne Gatten auch noch ausgelassene «Scheidungspartys». «Satanisch» war das Einzige, was einem der Islamgelehrten zu der Tatsache einfiel, dass die Frauen im schiitischen ­Gottesstaat auch im Eheleben eigene Wege gehen und diese nicht den Vorstellungen der Männer entsprechen.

Die Scheidungsrate ist auf 20 Prozent gestiegen in einem Staat, in dem die Ehe die einzige rechtmässige Form von Partnerschaft ist, die Lebensgemeinschaft häufig von den Eltern arrangiert wird und die Regierung eine hohe Kinderzahl «im Interesse der starken Nation» ein­fordert. Scheidung auf Wunsch der Frau ist da nicht gern gesehen.

Dass dennoch immer mehr Frauen aus der Ehe flüchten und den Abschied auch noch feiern, zeigt: Das Selbstverständnis der Iranerinnen hat sich in den vergangenen Jahren verändert. An den Unis sind 60 Prozent der Studenten Frauen, im Arbeits- und Geschäftsleben spielen sie eine andere Rolle als in betont konservativen Gesellschaften wie Saudiarabien, Kuwait oder Jordanien: Viele Iranerinnen sind finanziell nicht mehr so abhängig von ihren Ehemännern. «Früher heiratete die Frau und fügte sich», zitiert die Agentur Reuters einen Soziologen. «Heute geht sie, wenn sie unglücklich ist.»

Liberaler als die religiöse Lehre

Der Iran mag eine Islamistenrepublik sein, aber das Land ist der Moderne gegenüber weit aufgeschlossener als die arabische Welt, und seine Rechtsprechung ist in Teilen liberaler als die islamische Lehre. Das zeigt sich im Scheidungsgesetz. Wie in allen islamischen Gesellschaften stärkt es eigentlich den Ehemann, der sich leicht lossagen kann. Aber immer häufiger trennen die Partner sich in Übereinstimmung, und die Richter stimmen zu. Wenn der Ehemann sich stur stellt, kann die Frau ihn zur Auszahlung der Mitgift zwingen, was ihn wegen deren Höhe in den Ruin treiben kann.

Der Hang zur Auflösung der Ehe, ob in Übereinstimmung oder auf Wunsch der Frau, ist zudem kein Phänomen, das sich auf eine westlich orientierte Oberklasse beschränkt, die Zweitwohnungen in London hat und deren Kinder in den USA studieren. Der Wandel geht tiefer. Und er hat Konsequenzen für das Regime. Der Iran hatte lange eine von der UNO gelobte Bevölkerungspolitik betrieben. Verhütungsmittel waren billig verfügbar, Männer konnten sich leicht sterilisieren lassen. Die Geburtenrate sank so auf 1,8 Prozent. Inzwischen will das Regime die Kehrtwende: die Bevölkerung verdoppeln. Der frühere Atomunterhändler Saeed Jalili sagt: «Jeder Bevölkerungsrückgang kommt dem Sinken militärischer Macht gleich.» Ayatollah Mohamed Hossein Ghazwini liess wissen: «Weniger als fünf Kinder akzeptieren wir nicht.» Wie das zur steigenden Scheidungsrate passt, sagte der Geistliche nicht.

Erstellt: 24.10.2014, 21:03 Uhr

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