Schiessen als Emanzipation

Die Kurdin Rojda Felat hat mit ihren Truppen den IS aus Raqqa vertrieben. Was der Frauensieg gegen die Jihadistenmiliz bedeutet.

Sie führte die kurdischen Truppen an: Rojda Felat. Bild: ZVG

Sie führte die kurdischen Truppen an: Rojda Felat. Bild: ZVG

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Für die IS-Kämpfer mit ihrem frauenfeindlichen Weltbild bedeutet es eine besondere Demütigung: Der Islamische Staat hat mit Raqqa nicht nur seine inoffizielle Hauptstadt verloren. Die Jihadisten wurden von einer Frau besiegt.

Rojda Felat, eine syrische Kurdin, hat die Truppen angeführt, welche die Jihadisten aus Raqqa vertrieben. Auf vielen Bildern, welche die Befreiung Raqqas zeigen, sieht man Felat eine gelbe Fahne schwenken. Sie trägt Uniform, Gewehr, offenes Haar und ein breites Lachen im Gesicht.

Trotz der zerbombten Häuser dahinter transportiert das Bild eine klare Botschaft: Gewonnen haben die Freiheit und die Frauen. Beides gehört für Felat zusammen. Ihr Ziel, sagte sie in einem ihrer seltenen Interviews, liege darin, «die syrischen und kurdischen Frauen von den Fesseln der Tradition zu befreien sowie den Terrorismus und die Tyrannei zu beseitigen.»

Dass kurdische Frauen zum Gewehr greifen, hat Tradition

2013 trat sie der YPI bei, der Frauenabteilung der Demokratischen Syrischen Streitkräfte, dort stieg sie rasch zu einer der wichtigsten Kommandantinnen auf. Sie leitete mehrere Offensiven gegen den IS, ihre wichtigste war der Sturm auf Raqqa. Kämpfende Frauen haben für Felat eine emanzipatorische Wirkung. «Das Vorurteil heisst: Frauen sind schwach. Wir beweisen, dass auch Frauen problemlos mit Maschinengewehren und Kanonen umgehen können.»

Dass kurdische Frauen zum Gewehr greifen, hat Tradition. In der Türkei kämpfen sie seit den 70er-Jahren in den Milizen der Arbeiterpartei PKK, die aufgrund ihrer sozialistischen Ideologie absolute Geschlechtergleichheit fordert. Als sich nach dem Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs im Jahr 2011 auch die syrischen Kurden bewaffneten, formten sich dort ebenfalls weibliche Kampfeinheiten. Sie sollen heute mehr als 20'000 Kämpferinnen umfassen und damit ein Drittel der kurdischen Truppen stellen.

Wer von einer Frau getötet wird, schafft es nicht ins Paradies

Über ihr Leben vor der Armee gibt Felat kaum etwas bekannt. Einst soll sie Literatur studiert haben. Ihr Alter wird auf 37 geschätzt, andere behaupten, sie sei knapp 50-jährig. Obwohl sich Felat als radikale Feministin bezeichnet, nennt sie auch drei Männer als Vorbilder: Napoleon, Bismarck und Saladin. Sie alle gelten als bedeutende Militärstrategen. Auch Arin Mirkan zählt sie zu ihren Idolen, eine kurdische Volksheldin, die sich 2014 in der umkämpften Stadt Kobane lieber selbst in die Luft jagte, als sich den IS-Kämpfern zu ergeben.

Das war einmal. Heute verlieren die Jihadisten Schlacht um Schlacht. «Es ist wichtig, dass eine Frau den IS besiegt», sagte Felat. Neben der Symbolik eines Frauensieges dürfte sie ein weiteres Detail erfreuen: Obwohl sich viele Jihadisten nach dem Märtyrertod sehnen, ziehen sie nur widerwillig gegen die Kurdinnen in den Kampf. Denn wer von einer Frau getötet wird, schafft es gemäss IS-Ideologie nicht ins Paradies. Dort haben sie laut Felat auch nichts zu suchen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.10.2017, 19:43 Uhr

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