«Sie haben von sehr brutalen Angriffen des IS berichtet»

1000 Menschen konnten vor wenigen Tagen aus der umkämpften nordsyrischen Kurdenstadt Kobane in den Nordirak fliehen. Ein Helfer aus der Schweiz sprach mit einigen von ihnen.

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Sie sind vor wenigen Tagen aus Arbil im Nordirak zurückgekehrt, wo Sie Flüchtlinge aus dem umkämpften syrischen Kobane angetroffen haben. Wie ging es ihnen?
200 Familien kamen am letzten Mittwoch mitten in der Nacht mit zehn Bussen total erschöpft in der nordirakischen Hauptstadt Arbil an. Einige kamen dort bei Bekannten unter, etwa 750 Personen wurden ins nahe gelegene Flüchtlingslager Kawergosk gebracht. Sie wirkten einerseits ein bisschen verstört, andererseits auch gefasst. In der ersten Nacht schliefen sie auf Matratzen in einer Schule. Denn es regnete, und man konnte die Zelte noch nicht aufstellen. In den Gesprächen danach fand ich, dass sie eine grosse Würde ausstrahlten. Sie behielten auch eine Portion Humor, was mich erstaunt, aber auch gefreut hat.

Sind die Kobane-Flüchtlinge verzweifelt oder eher stolz auf ihren Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat?
Sie haben von sehr brutalen Angriffen berichtet. Egal mit wem ich gesprochen habe: Alle waren überzeugt, dass die Türkei den IS stark unterstützt. Sie werfen der türkischen Regierung vor, IS-Kämpfer über die Grenze nach Syrien gelassen zu haben. Es gäbe sogar Fotos, die IS-Kämpfer mit ihren Gewehren und Fahnen zusammen mit türkischen Grenzsoldaten zeigten. Als die kurdischen Flüchtlinge die Grenze zur Türkei überschritten und ins Grenzstädtchen Suruç gelangten, fühlten sie sich dort nicht willkommen. Sie verliessen den Ort bald und fuhren mit Bussen zwei Tage am Stück in den Irak. Ich habe von muslimischen Flüchtlingen auch erfahren, dass es in Kobane ein vielfältiges religiöses Leben gab. So gab es auch eine armenische und eine assyrische Kirche. Die Flüchtlinge, ob Muslime oder Christen, reisten alle zusammen.

Was zeichnete die Flüchtlinge aus Kobane sonst noch aus?
Sie bewahrten sich einen Galgenhumor. Es hat mich immer wieder erstaunt, wie sie das im Angesicht des Todes schaffen. Die Flüchtlinge hielten auch in der Not zusammen. Sie luden mich in ein Zelt ein, in dem ein Ältestenrat tagte. Wir diskutierten die Bedürfnisse der Flüchtlinge. Dabei dachten sie nicht zuerst an sich, sondern sie zeigten mir die Zelte mit den Behinderten und Alten. Es hat mich sehr beeindruckt, dass sie sich auch im Lager noch selber organisieren und an die Bedürftigsten denken. Sie haben ihre Würde behalten. Das war sehr wichtig für die anderen Flüchtlinge im Camp. Die sind schon ein halbes Jahr oder ein Dreivierteljahr dort und ein bisschen frustriert. Der neue Zustrom von Kobane-Flüchtlingen tut ihnen gut.

Die Flüchtlinge, die Kobane erst letzte Woche verliessen, haben die Kämpfe noch lange miterlebt. Was erzählen sie?
In den Zelten, die ich besucht habe, gab es mindestens acht verschiedene Versionen. Die meisten Flüchtlinge hatten sich anfangs noch an den Kämpfen beteiligt. Als sie merkten, dass sie ziemlich alleingelassen werden und der IS über sehr starke Waffen verfügt, gegen die sie mit Maschinengewehren nicht ankommen, reifte der Entschluss zu gehen. In einem Zelt hiess es: «Den Ostteil der Stadt konnten wir immer halten.» Im nächsten widersprechen sie: «Nein, den Ostteil haben wir zuerst verloren.» Im dritten Zelt sagten sie, ganz Kobane sei eigentlich in den Händen des IS, und im vierten Zelt hiess es, man habe ganz Kobane wieder zurückerobert. Diese unterschiedlichen Darstellungen haben wahrscheinlich mit der Wahrnehmung, aber auch mit dem Trauma zu tun. Die Menschen konnten das Erlebte noch gar nicht richtig ordnen. Das wird wohl erst in den nächsten Wochen möglich sein. Dann werden wahrscheinlich auch die schrecklichen Bilder, die sie in sich tragen, noch stärker werden.

Welche Bilder?
Auf seinem Vormarsch in Nordsyrien hat der IS viele Dörfer erobert. Es wurden viele Menschen erschossen, egal ob alt oder jung. Auch dazu erzählen die Flüchtlinge böse Witze. Sie sagen, es interessiere die IS-Kämpfer gar nicht, ob man Sunnit oder Schiit ist. Wer sich ihnen in den Weg stellt, wird sofort erschossen. Auch fünfjährige Kinder und 80-jährige Greise.

Was denken sie von den Jihadisten?
Die meisten Flüchtlinge sind überzeugt, dass für den IS gar nicht die Religion im Vordergrund steht, sondern das Geld. Es seien frustrierte Kämpfer und Kämpferinnen. Offenbar gibt es auch in den Reihen des IS schon recht viele Frauen. Die Flüchtlinge glauben, die IS-Mitglieder wollten sich den Reichtum aneignen, den sie zuvor nicht besessen hatten. Deshalb hätten sie auch prioritär die Ölfelder erobert. Diese Anlagen zu bombardieren, wie das die Amerikaner machten, bringe nichts. Nach zwei Wochen seien sie repariert und könnten wieder Öl fördern, heisst es.

Die Kurden im Irak kämpfen ja selber gegen den IS. Ist der Kampf um Kobane dort überhaupt ein Thema?
Im Nordirak gibt es eine grosse Sympathiewelle für die Kurden in Kobane. Es gibt ja auch Freiwillige, die sich dem Kampf anschliessen wollen. Mindestens einen Teil davon hat die Türkei nun über die Grenze gelassen. Der Nordirak selber, besonders der Kanton um Arbil, ist sehr sicher. Dort haben sich die Kämpfer eingegraben, die Grenze zu den anderen irakischen Provinzen ist zum Teil vermint. Der IS dürfte hier einen schweren Stand haben.

Wie ist die Situation in den Flüchtlingslagern des Nordirak im Allgemeinen?
Die kurdischen Regionen im Irak haben 7 Millionen Einwohner. Zusätzlich leben dort nun 2 Millionen Flüchtlinge, die in Lagern untergebracht sind. Das UNHCR stellt für alle Camps einen Grundstock an Hilfe bereit. Die Stiftung des regionalen Präsidenten Massoud Barzani stellt sehr hohe Beträge bereit. Seine Frau hat eine Stiftung für Kinder. Sie machen das natürlich nicht ganz uneigennützig. Sie hoffen, dass sie dafür irgendwann belohnt werden und einen eigenen Staat Kurdistan gründen können. In meiner täglichen Arbeit dort konnte ich jedoch feststellen, dass sie hervorragende Arbeit leisten. Sie bemühen sich auch, dass in den Flüchtlingslagern von der Müllabfuhr bis zu den Kioskverkäufern alles in syrischer Hand ist. So sind die Flüchtlinge beschäftigt und können sich nützlich machen. Die Lager werden auch billiger. Wenn die Flüchtlinge etwas Geld verdienen, muss man ihnen nicht alles zur Verfügung stellen.

In den Camps dürfte es aber nicht allzu viele Jobs geben.
Die Flüchtlinge haben eine befristete Aufenthaltsbewilligung und können auch ausserhalb ihrer Lager Arbeit suchen. So arbeiten viele in Arbil auf dem Bau, beispielsweise bei der Renovation der grossen Zitadelle. Frauen helfen bei der Ernte oder in den Gärten der Wohlhabenden.

Haben die Kurden aus dem Nordirak keine Vorbehalte gegenüber den Kurden aus Nordsyrien?
Doch. In der Südosttürkei gibt es ja die PKK, die vom türkischen Staat bekämpft wird. Die kurdisch-syrische PYD gilt als Ableger der PKK. Die Kurden des Nordirak sind auf gute Beziehungen zu Ankara angewiesen und gehen deshalb auf Distanz zur PYD und zur PKK. Mir ist aber aufgefallen, dass selbst dort niemand genau weiss, zu welcher Partei jemand gehört. Es ist auch unklar, wer als Freund oder als Feind gilt. Man staunt, dass die Amerikaner mit der PYD zusammenarbeiten, die ja wie die PKK auf der UNO-Terrorliste steht. Diese Unsicherheit nimmt viel Energie weg, bei uns mit langen Diskussionen und dort, um im Kampf gegen den IS vorwärtszumachen. Man will kämpfen, und dann heisst es: «Nein, mit denen wollen wir nicht zusammenarbeiten.» Das bremst enorm. Ich werde hier in Pfungen oft gefragt, wo die verschiedenen Organisationen stehen und wer die Leute sind. Es ist wichtig zu sehen, dass selbst dort die meisten Menschen das nicht wissen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.10.2014, 19:55 Uhr

Bringt zwei- bis dreimal pro Jahr Hilfe zu Flüchtlingen: Pfarrer Andreas Goerlich im Flüchtlingslager Kawergosk bei Arbil im Nordirak. (Bild: zvg)

Syrienhilfe aus Pfungen ZH

Die reformierte Pfarrgemeinde Pfungen betreibt seit Mai 2014 eine Syrienhilfe. Kinder basteln Armbänder und Schlüsselanhänger, Erwachsene sammeln Geld. Damit geht Pfarrer Andreas Goerlich zwei- bis dreimal pro Jahr nach Arbil und nach Istanbul, wo die Pfarrgemeinde auch ein Projekt unterstützt. Es wird in erster Linie medizinische Hilfe geleistet, die die Grundversorgung des UNO-Hochkommissariats für Flüchtlinge (UNHCR) ergänzt. Pfarrer Goerlich sagt, er besorge jeweils am Abend in privaten Apotheken in Arbil beispielsweise Spezialmilch, Narkosemittel und Medikamente, die er am nächsten Tag in den Flüchtlingslagern verteilt. (rub)

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