Interview

«Sie werden untertauchen und später wieder zuschlagen»

Frankreich führt in Mali einen Krieg gegen die Islamisten. Laut Strategie-Experte Albert A. Stahel ist ein solcher Gegner in der Sahara kaum zu besiegen.

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Warum ist Mali so wichtig für Frankreich, dass es militärisch interveniert hat?
Mali gehört nach wie vor zur afrikanischen Interessensphäre von Frankreich. Sollten die Islamisten die Herrschaft über das gesamte Territorium von Mali übernehmen, dann könnten auch die Nachbarstaaten von Mali gefährdet sein.

Macht die Intervention der Franzosen zum jetzigen Zeitpunkt Sinn?
Einerseits ist die Intervention schon lange überfällig, weil die Islamisten bereits das halbe Land überrannt haben. Andererseits will der französische Präsident François Hollande durch das Markieren von Stärke ein innenpolitisches Zeichen setzen.

Wie beurteilen Sie die Strategie der Franzosen?
Zur Vermeidung von Verlusten drängt sich der Einsatz von Kampfflugzeugen auf, so wie es die Franzosen jetzt auch tun. Besser wären allerdings US-Drohnen der Typen Predator und Reaper. Die Intervention ist zu Beginn relativ einfach, weil offene Ziele, etwa Basen der Islamisten, aus der Luft angegriffen werden können. In der nächsten Phase, wenn es darum geht, den Norden von Mali unter Kontrolle zu bringen, wird es deutlich schwieriger. Dann müssen auch Bodentruppen zum Einsatz kommen. Dies wird vor allem Sache der malischen Streitkräfte und ihrer afrikanischen Verbündeten sein. Die Franzosen werden sich Gedanken über den Einsatz von Spezialtruppen machen müssen, wenn es zu einem Guerillakrieg kommt, was auch zu erwarten ist.

Wie stark sind denn die islamistischen Truppen?
Aufgrund der Verstärkung aus Algerien und anderen Nachbarstaaten Malis ist von zirka 3000 Mann auszugehen. Die Islamisten sind vermutlich nur mit Infanteriewaffen ausgerüstet, also mit Kalaschnikows AK-47, schweren Maschinengewehren und Panzerabwehrwaffen RPG-7. Diese Waffen dürften aus dem Arsenal von Libyen stammen.

Welcher Konfliktverlauf ist in Mali zu erwarten? Welches ist das wahrscheinlichste Szenario?
Nachdem sie erste, schwere Verluste erlitten haben, werden sich die Islamisten zurückziehen und in den Bergen der Sahara untertauchen. Das Szenario entspricht dem Verhalten der Taliban in Afghanistan Mitte Dezember 2001 gegenüber den Amerikanern. Die Islamisten werden ausweichen, untertauchen und später wieder zuschlagen. Einen solchen Gegner in dieser Topografie kann man nicht besiegen.

Laut französischem Verteidigungsministerium ist der Einsatz eine Sache von ein paar Wochen. Sie haben eine andere Meinung.
Aus der Sicht der Franzosen mag dies stimmen. Aber wie die Kriegsgeschichte zeigt, ist dies ein Wunsch. Die Kämpfe werden abflauen, aber noch lange nicht zu Ende gehen.

Wie gross ist die Gefahr, dass sich der Konflikt ausweitet?
Durch den Zuzug von Islamisten aus den Nachbarstaaten hat die Ausweitung schon stattgefunden. Nicht zuletzt erhöht sich die Gefahr von Terroranschlägen in Frankreich.

Könnte es sein, dass auch die Amerikaner und die Briten in die kriegerischen Auseinandersetzungen in Mali hineingezogen werden?
Die USA und Grossbritannien leisten zwar bereits logistische Hilfe, etwa bei der Aufklärung oder bei den Transportkapazitäten. Ein Militärbündnis wie im Libyen-Krieg steht allerdings nicht zur Diskussion.

Welche mittelfristigen Gefahren gehen vom Konflikt in Mali aus?
Aufgrund der ethnischen Konflikte zwischen Tuaregs und Arabern sowie der Zunahme der Islamisten drohen weitere ähnliche Konflikte in Nordafrika. Konflikte könnte es insbesondere in Libyen, Tunesien, Marokko und Algerien geben.

Erstellt: 14.01.2013, 15:02 Uhr

«Ähnliche Konflikte könnte es in Libyen, Tunesien, Marokko und Algerien geben»: Albert A. Stahel, Sicherheits- und Strategie-Experte. (Bild: Keystone )

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Zwischen Frankreich und seiner ehemaligen Kolonie gibt es enge Verbindungen. In Mali leben etwa 5000 französische Bürger. Und in Frankreich bilden rund 150'000 Malier eine der grössten schwarzafrikanischen Gemeinschaften des Landes. (vin)

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Frankreich fliegt seit Freitag zur Unterstützung der malischen Streitkräfte im Kampf gegen islamistische Kämpfer Angriffe im Norden Malis. (vin/afp)

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