«Sie wollen ein ‹Sunnistan› von Mosul bis an die Mittelmeerküste»

Der Menschenrechtsaktivist John Eibner ist soeben aus Syrien zurückgekehrt. Er analysiert die politische Lage und berichtet über Begegnungen mit Flüchtlingen aus Idlib.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Eine Beruhigung der Lage ist nicht in Sicht», sagt John Eibner nach seiner letzten Syrienreise. «Während der Krieg weitergeht, verlieren mehr und mehr Christen die Hoffnung, in ihrer Heimat bleiben zu können», berichtet der Nahost-Verantwortliche der Menschenrechtsorganisation Christian Solidarity International (CSI), die unter anderem auch in Zürich eine Niederlassung hat. Am Anfang des Konflikts habe er die syrischen Christen noch als optimistischer wahrgenommen als jene im Irak, sagt Eibner. Aber jetzt werde auch in Syrien die Verzweiflung immer grösser, besonders unter jüngeren Leuten. «Gleichzeitig schliessen sich mehr und mehr Christen, die ihre Zukunft in Syrien sehen, christlichen Milizen an, um gegen die Rebellen zu kämpfen», sagt Eibner, der in Syrien Flüchtlinge aus Idlib getroffen hat. Sie erzählten ihm, wie sie dem Tod entkommen waren.

Nur noch 2 von 1300 Christen in Idlib

Ein christlicher Flüchtling – hier sei er Khalil genannt – hatte folgende Geschichte zu berichten: «Wir waren etwa 1300 Christen in Idlib. Jetzt sind nur noch 2 übrig geblieben: eine alte Frau und ein alter Mann. Bevor der Krieg begann, hatten wir ein gutes Leben. Wir waren zwar eine kleine Minderheit, aber im Grossen und Ganzen respektiert. Ich führte ein Geschäft, viele Christen waren beruflich gut situiert. Die Krise begann mit Demonstrationen nach dem Freitagsgebet. Anfänglich skandierten die Demonstranten noch Parolen wie ‹Muslime und Christen gemeinsam gegen das Regime›. Aber sehr bald begannen sie, uns zu belästigen, ganz besonders die Frauen.

Der erste Christ, ein reicher Juwelier, wurde am 14. Februar 2012 von Bewaffneten getötet. Sie griffen auch Behörden und Polizisten an. Im März 2012 marschierte die Armee ein. Es gab jedoch immer wieder Kämpfe, viele Bewohner verliessen Idlib. Als die Rebellen Idlib im März 2015 einnahmen, waren wir nur noch etwa 400 Christen. Die Rebellen gingen mit Vorschlaghämmern und Maschinengewehren von Haus zu Haus und schlugen Löcher in die Wände. Sie töteten zwei meiner Verwandten, die Alkohol verkauften, und hinderten uns daran, sie zu beerdigen.

Ich wollte mit meiner Familie und anderen Christen flüchten. Doch als sie am Checkpoint herausfanden, dass wir Christen sind, nahmen sie uns fest und führten uns zu einem Emir mit einem grossen Schwert. Ich dachte, wir würden getötet. «Ihr seid Ungläubige», sagte er uns. Er beschimpfte unsere Religion und forderte uns auf, zum Islam zu konvertieren. Dank der Fürsprache eines Studenten, der in unserer Gruppe seinen Professor erkannte, wurden wir freigelassen und zurück nach Idlib gebracht. Am nächsten Tag gelang uns mit der Hilfe einiger Muslime die Flucht.»

Das Ziel der Türkei, von Saudiarabien und Katar

Idlib ist eine Stadt, die rund 50 Kilometer südwestlich von Aleppo liegt. Vor dem Bürgerkrieg hatten über 165’000 Menschen in Idlib gelebt, wo sich in den letzten drei Jahren Regierungstruppen und Rebellen bekämpften. Seit dem vergangenen März ist Idlib unter Kontrolle des Rebellen-Bündnisses Jaish al-Fath. Darin vertreten sind die Al-Nusra-Front, ein Ableger der al-Qaida, aber auch Teile der Freien Syrischen Armee.

«Inzwischen versuchen die Verbündeten der USA die verschiedenen islamistischen Rebellengruppen im Kampf gegen die syrische Regierung zu einen», sagt Eibner. «Mit Erfolg, wie Idlib zeigt.» Dabei meint er insbesondere die Türkei, Saudiarabien und Katar. Diese Staaten sind laut Eibner die sunnitischen Schirmherren der islamistischen Gruppierungen, die sich in Syrien teilweise gegenseitig bekämpft hatten. «Das strategische Ziel der Türkei, Saudiarabiens und Katars scheint ein sunnitischer Staat («Sunnistan») zu sein, der von Mosul bis an die Mittelmeerküste reicht», meint Eibner.

«Das ist nicht der Islam, wie ich ihn verstehe»

Zu den Opfern des Krieges in Syrien gehören auch unzählige Muslime, wie zum Beispiel Fatima, Mutter zweier Töchter, die Mann und Sohn verloren hat. Sie schilderte folgendes Schicksal: «Wir gehören in diesem Konflikt zu keiner Seite. Wir gehören einfach zu Syrien. Bevor der Krieg begann, war es in Idlib sehr gut. Die ersten Demonstranten kamen aus den umliegenden Dörfern und wurden fürs Demonstrieren bezahlt. Anfänglich waren die Demonstrationen friedlich, dann bekamen die Rebellen Waffen und begannen, Menschen zu töten. Die Schuld gaben sie der syrischen Armee, die damals aber noch gar nicht in der Stadt war.

Die Rebellen, die Idlib Ende März 2015 attackierten, stammten aus allen möglichen Ländern. Ich sah sogar Kinder Waffen tragen. Die Rebellen hatten eine Liste mit Namen von Personen, die getötet werden sollten. Bei den meisten war der Grund, dass sie für die Regierung waren. Einer meiner Freunde, ein Lehrer, war auf der Liste und wurde erschossen. Etwa 90 Prozent der Bewohner sind aus Idlib geflüchtet, die meisten in die Türkei.

Ich verliess Idlib mit meinem Cousin, der ein Auto hatte. Nach meiner Flucht wurde mein Haus von den Rebellen besetzt und geplündert. Dabei hatte ich geplant, mein Haus zu verkaufen, um meiner Tochter ein Medizinstudium zu ermöglichen. Jetzt ist es zu spät. Ich mache mir auch Sorgen um langjährige christliche Nachbarn. Ich bin Muslimin, aber die Religion dieser Rebellen ist nicht der Islam, wie ich ihn verstehe. Ich verabscheue die Salafisten und will nicht unter ihrer Herrschaft leben.»

Ende Mai wandte sich Abu Mohammed al-Golani, der Führer von al-Nusra, an die Öffentlichkeit. Er versprach, die Terroranschläge gegen den Westen und die Zwangsbekehrung von Christen einzustellen und die Waffen gegen den Islamischen Staat zu erheben, falls die USA im Kampf gegen das Assad-Regime mit ihm zusammenarbeiten. Nach Ansicht von Christian Solidarity International ist das ein «Erpressungsversuch» des Al-Nusra-Führers – «ganz im Sinne seiner sunnitischen Schirmherren Türkei, Saudiarabien und Katar». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.06.2015, 20:02 Uhr

Idlib

Tausende Syrer fliehen vor Kämpfen um Tal Abjad in die Türkei. (Quelle: Reuters)

Artikel zum Thema

USA werfen Syrien Unterstützung des IS vor

Die syrischen Luftangriffe auf Aleppo verschonen den IS – das behaupten zumindest die USA. Syrien wehrt sich gegen den Vorwurf. Mehr...

Westen unterstützte die Schaffung eines «salafistischen Staats»

Die Westmächte, die Türkei und die Golf-Araber haben den IS vorausgesehen. Die Entwicklung wurde begrüsst – als Massnahme gegen das Assad-Regime in Syrien. Mehr...

In Syrien fehlen die Partner

Kommentar Das syrische Regime liess den Islamischen Staat gewähren. Das rächt sich nun in Palmyra. Mehr...

Bildstrecke

Christian Solidarity International engagiert sich in Syrien

Christian Solidarity International engagiert sich in Syrien Der syrische Bürgerkrieg verursacht viel menschliches Leid und immense Sachschäden. Zudem bedroht er Religionsminderheiten.

Artikel zum Thema

Mit Sand und Todessehnsucht

Analyse Die IS-Terroristen haben im Irak und in Syrien unerwartete Erfolge erzielt. Aber nicht nur dank erbeuteter Waffen. Mehr...

Junger Jihad-Reisender in Genf verhaftet

Ein Franzose wollte nach Syrien einreisen und wurde auf seinem Weg abgefangen. Es war bereits der zweite Versuch. Mehr...

Ranghoher IS-Anführer getötet

Eine amerikanische Spezialeinheit hat nach Angaben des Pentagons einen Kommandanten des IS getötet. Dabei sollen die Soldaten weit nach Syrien eingedrungen sein. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blogs

History Reloaded Die Grande Nation der Revoluzzer

Geldblog Wie komme ich zu integren Börsennews?

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Bienenzüchter: Im spanischen Valencia protestieren Bienenzüchter für einen nachhaltigen und profitablen Sektor. Sie verlangen, dass die Etikettierung klar ist und beklagten den Preiszerfall. (11.Dezember 2018)
(Bild: Kai Foersterling/EPA) Mehr...