«Sie würden mir gern eine Kugel in den Kopf jagen»

Der US-Geheimdienst betreibe Wirtschaftsspionage, sagt Edward Snowden in seinem weltweit ersten Fernsehinterview. Zudem sieht sich der Enthüller mit dem Tode bedroht.

«Dann nehmen sie sich diese Informationen trotzdem»: Interview mit Edward Snowden. (Video ARD/NDR/Youtube)


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Der frühere US-Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden sieht sich mit dem Tode bedroht. «Regierungsvertreter wollen mich töten», sagte Snowden in einem am Sonntag veröffentlichten Interview mit dem Norddeutschen Rundfunk (NDR). Als Beleg führte Snowden einen Artikel auf der Internet-Plattform «buzzfeed» an.

Mitglieder des Pentagon und des US-Geheimdienstes NSA hätten dem Reporter erzählt, dass sie Snowden umbringen wollten. «Diese Leute, und das sind Regierungsbeamte, haben gesagt, sie würden mir nur zu gerne eine Kugel in den Kopf jagen oder mich vergiften, wenn ich aus dem Supermarkt komme, und dann zusehen, wie ich unter der Dusche sterbe.»

Vorwurf Wirtschaftsspionage

In seinem weltweit ersten Fernsehinterview, von dem erste Auszüge bereits am Samstag veröffentlicht worden waren, hatte Snowden auch die Überzeugung geäussert, dass der US-Geheimdienst NSA Wirtschaftsspionage betreibt. Diese sei ein offenes Geheimnis – nun nannte der Whistleblower Snowden ein konkretes Beispiel für Deutschland. «Wenn es etwa bei Siemens Informationen gibt, die dem nationalen Interesse der Vereinigten Staaten nutzen – aber nichts mit der nationalen Sicherheit zu tun haben – dann nehmen sie sich diese Informationen trotzdem», sagte Snowden.

Der ehemalige Geheimdienstmitarbeiter hat mit seinen Enthüllungen erstmals öffentlich gemacht, wie die NSA weltweit Telefonate abhört, E-Mails mitliest und Regierungschefs ausspäht, wie unter anderem auch das Handy der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Rückkehr in die USA unmöglich

Russland gewährte Snowden vorläufiges Asyl. Eine Rückkehr des 30-Jährigen in die USA, die ein Festnahmeersuchen gestellt haben, scheint vorerst ausgeschlossen. Im Gespräch mit dem NDR-Journalisten Hubert Seipel berichtete der frühere US-Geheimdienstmitarbeiter, er besitze das brisante Material nicht mehr. Er habe es ausgewählten Journalisten und somit der Öffentlichkeit übergeben, sagte der Informant laut NDR. Einfluss auf mögliche Veröffentlichungen nehme er nicht.

Die USA werfen Snowden Geheimnisverrat vor. Deshalb droht dem Informanten im Fall einer Rückkehr in seine Heimat eine strafrechtliche Verfolgung. US-Justizminister Eric Holder sagte der «Washington Post», dass ein Gnadenerlass für den in Russland gestrandeten Computerspezialisten nicht infrage komme. Ohne Amnestie fürchtet Snowden jedoch ein unfaires Gerichtsverfahren und hält eine Heimkehr deshalb für unmöglich, stellte er in einer Online-Fragerunde klar.

Holder stellte vergangene Woche in einem Interview mit dem Sender MSNBC klar, für Lösungen in der Causa Snowden offen zu sein. «Wenn Herr Snowden in die Vereinigten Staaten kommen und ein Schuldbekenntnis abgeben wollte, würden wir uns mit seinen Anwälten auseinandersetzen», sagte Holder.

Zukunft Snowdens ungewiss

Nach Snowdens Enthüllungen wurde mehrfach diskutiert, ob die USA ihn mit einem Immunitäts-Versprechen locken könnten, um dann bei Befragungen mehr über ihn und die von ihm tausenden gestohlenen Dokumente zu erfahren.

Snowden sieht im amerikanischen Anti-Spionage-Gesetz von 1917, unter dem er angeklagt ist, ein entscheidendes rechtliches Hindernis. Unter den derzeitigen Gesetzen zum Schutz von Whistleblowern könne er nicht geltend machen, bei seinen spektakulären Enthüllungen rund um den US-Geheimdienst NSA im öffentlichen Interesse gehandelt zu haben. «Ich bin mir dessen bewusst, dass mein Leben direkt bedroht ist, aber ich werde mich davon nicht einschüchtern lassen», schrieb Snowden auf der Unterstützer-Website freesnowden.is.

Snowdens Zukunft ist damit weiterhin völlig ungewiss. Sein Asyl-Jahr in Russland läuft im August aus. Nach einem CNN-Bericht könnte Moskau sein Asyl verlängern. Diese Entscheidung liegt letztlich bei Kremlchef Wladimir Putin. Russland hatte die Bitten der USA, Snowden zu überstellen, mehrfach abgelehnt. (wid/rub/AFP/sda)

Erstellt: 26.01.2014, 17:49 Uhr

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Edward Snowden in Moskau

Edward Snowden in Moskau Edward Snowden darf weitere drei Jahre in Russland bleiben. Er lernt Russisch und arbeitet als IT-Spezialist.

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