Interview

«So einfach wie in Libyen geht es diesmal nicht»

Bashar al-Assads Ende in Syrien dürfte tatsächlich nah sein, sagt der Islamwissenschaftler Reinhard Schulze und erklärt, was dies für Russland, den Westen und die Islamisten bedeutet.

Warten auf Assads Sturz: Ein Rebell der Freien Syrischen Armee zielt auf einen Kampfjet des Regimes (Aleppo, 13. Dezember 2012).

Warten auf Assads Sturz: Ein Rebell der Freien Syrischen Armee zielt auf einen Kampfjet des Regimes (Aleppo, 13. Dezember 2012). Bild: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Schulze, die Nato sieht Bashar al-Assads Ende nahen. Wie sehen Sie das?
Nach allen Hinweisen, die wir jetzt haben, deutet sich tatsächlich an, dass das syrische Regime, vor allem die militärische Führung, nicht mehr in der Lage ist, die politische Hoheit über das Land so aufrecht zu halten, dass das Regime die nächsten Wochen überleben wird.

Analysten werten den gestrigen Einsatz von Scud-Raketen auf Oppositionelle als Zeichen, dass das Regime die letzten Mittel einsetzt.
Auf den ersten Blick scheint es tatsächlich so zu sein, dass die syrische Armee versucht, ihre letzten Arsenale zu mobilisieren und ein deutliches Zeichen zu setzen, dass sie die militärische Hoheit noch halten kann. Andererseits bin ich mir nicht sicher, ob der Waffennachschub schon so schwach ist, dass das Regime gezwungen ist, solche Waffen gegen Zivilisten einzusetzen. Man hat eher den Eindruck, dass die Armee selbst in verschiedene Kommandoeinheiten zerfällt und dass einzelne Einheiten ihre Waffenarsenale gegen die Vorstellung der Armeeführung einsetzen.

Wie steht es um Assads Nachschub an Waffen, etwa um Lieferungen aus dem Iran?
Man weiss nicht genau, wie die Waffenlieferungen tatsächlich insgesamt funktionieren. Sicherlich werden die syrischen Häfen noch eine grosse Rolle spielen, die im Schutz der russischen Marine stehen. Das bedeutet, dass über das Meer immer noch Nachschub erfolgen kann. Es gibt einen sehr komplizierten Weg vom Iran über den Sudan, den Libanon und Syrien. Der schnelle Nachschub über die Flughäfen funktioniert allerdings nicht mehr so wie vor ein paar Wochen.

Der russische Vizeaussenminister Michail Bogdanow sagte gestern laut Agenturen, Assad verliere immer mehr die Kontrolle. Heute hat das russische Aussenministerium dementiert, das gesagt zu haben. Wie werten Sie das?
Auf der einen Seite ist eine realpolitische Haltung auch in Moskau notwendig. Sie müssen sehen, dass das Regime irgendwann seinen Geist aufgibt. Gleichzeitig will die russische Führung signalisieren, dass sie noch die Deutungshoheit über den Konflikt hat und sie nicht einfach so an den Westen abtreten wird.

Sergey Lawrow, der russische Aussenminister, empfängt heute Vertreter der Opposition. Werden jetzt Deals für die Zeit nach Assad geschlossen?
Davon können wir ausgehen. Auch die russische Führung wird in ihrer Realpolitik einschätzen müssen, dass die Zukunft nicht mit Assad gestaltet werden kann, sondern dass sie die Beziehungen zu Syrien auch mit der Opposition neu gestalten muss. Die Russen werden bestimmt schon in den letzten Wochen versucht haben, sich mit der Opposition so ins Benehmen zu setzen, dass die russischen Interessen in Syrien bewahrt bleiben.

Welche Rolle dürfte Russland in einem Syrien nach Assad einnehmen?
Die russischen Interessen sind vor allem auf den Erdölsektor ausgerichtet, auf Teile der Infrastruktur des Mobilfunks, Strassenbau und bestimmte militärische Aspekte wie Waffenlieferungen. Russland wird dafür Sorge tragen, dass diese Beziehungen aufrechterhalten bleiben.

Die Opposition wurde aber vom Westen und einigen arabischen Ländern gestützt. Werden die USA oder Europa in Zukunft eine grössere Rolle spielen im Land?
Ich glaube, so einfach wie in Libyen geht es diesmal nicht. Die westlichen Mächte schützen im Grunde genommen ja eher die Grenzen und die Flüchtlinge ausserhalb Syriens. Deshalb wird sich die syrische Opposition auch nicht so sehr ins Interessengeflecht des Westens einbinden lassen, wie dies die libyschen Rebellen gemacht haben.

Bashar al-Assad ist noch der Präsident Syriens. Was für Möglichkeiten hat er? Wo kann er hin?
Das wird in Damaskus sicher zurzeit diskutiert werden. Eine Möglichkeit ist der Iran, da kann er weiterhin seinen Palast haben. Ich glaube aber nicht, dass er so einfach geht. Das ganze Alawitengebiet ist ja nicht in den Aufstand einbezogen, und ich kann mir nicht vorstellen, dass das syrische Regime einfach aus dem Land geht, ohne dafür Sorge zu tragen, dass die alawitischen Gemeinden gesichert sind.

Im Laufe des mittlerweile 20 Monate dauernden Konfliktes konnten sich radikale Islamisten in Syrien etablieren. Was bedeutet das für die Zeit nach Assad?
Erst mal wahrscheinlich irakische Verhältnisse. Die al-Nousra Front und ihre Brigaden werden sich nach einer Durchsetzung der Opposition nicht einfach entwaffnen lassen. Sie werden weiter einen militärischen Faktor bilden. Sie sind aber nicht so stark verankert wie etwa im Irak, wo der Konfessionskonflikt viel stärker ausformuliert ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es der al-Nousra Front gelingt, ihre Autonomie und ihre militärische Position in einer nachrevolutionären Zeit zu wahren.

Heute kam die Meldung, dass um Damaskus heftig gekämpft wird. Allein am Donnerstag seien 190 Menschen gestorben. Was bedeutet die Intensivierung der Kämpfe um die Hauptstadt?
Die Aufständischen haben deutlich gemacht, dass sie nun die Hauptstadt wirklich angreifen wollen. Man wird versuchen, die militärischen Zufahrtswege so abzuschneiden, dass das Regime keine Möglichkeit mehr hat, Damaskus zu verteidigen.

Es wird eng.
Es wird definitiv eng. Man hat es schon für den November erwartet, aber Totgesagte leben bekanntlich länger und in dem Falle weiss man nie, welchen Plan B Assad hat.

Erstellt: 14.12.2012, 14:36 Uhr

«Auch in Moskau ist eine realpolitische Haltung notwendig»: Reinhard Schulze, Islamwissenschaftler, Universität Bern. (Bild: Keystone )

Artikel zum Thema

Bashar al-Assad setzt Scud-Raketen ein

«Das ist eine unverhältnismässige militärische Eskalation.» Mit diesen Worten kommentiert das Weisse Haus den Einsatz von Kurzstreckenraketen des syrischen Regimes gegen das eigene Volk. Mehr...

Bericht: Zahlreiche Tote bei Angriff auf Alawitendorf

Bei gezielten Bombenanschlägen auf ein alawitisches Dorf in Syrien sind gemäss einer NGO 125 Menschen getötet oder verletzt worden. Mehr...

Assad verliert weiter an Rückhalt

Die Regimegegner in Syrien machen Terraingewinne. Währenddessen wurden in Berlin vier syrische Diplomaten ausgewiesen und in Brüssel trafen die EU-Aussenminister mit dem Oppositionsführer zusammen. Mehr...

Bildstrecke

Chronologie der Aufstände in Syrien

Chronologie der Aufstände in Syrien Die Ereignisse in Syrien seit dem Beginn der Proteste im März 2011.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...