Syrische Rebellen sollen Giftgas eingesetzt haben

«Wir haben Hinweise darauf, dass die syrische Opposition Chemiewaffen benutzte», sagt Carla Del Ponte. Bis jetzt stand vor allem Staatschef Bashar al-Assad unter dem Verdacht, mit Massenvernichtungswaffen zu kämpfen.

«Wir haben Zeugenaussagen von Ärzten, Flüchtlingen und Spitalmitarbeitern»: Sonderkommissionsmitglied Carla Del Ponte. (Archivbild)

«Wir haben Zeugenaussagen von Ärzten, Flüchtlingen und Spitalmitarbeitern»: Sonderkommissionsmitglied Carla Del Ponte. (Archivbild) Bild: Reuters

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Die UNO hat Hinweise, dass die syrischen Rebellen Giftgas eingesetzt haben. «Nach den Aussagen, die wir gesammelt haben, haben die Rebellen Chemiewaffen eingesetzt und auf das Gas Sarin zurückgegriffen», sagte Carla del Ponte, Mitglied der UNO-Kommission zur Untersuchung von Kriegsverbrechen in Syrien.

«Wir haben Zeugenaussagen von Ärzten, Flüchtlingen in benachbarten Ländern und Spitalmitarbeitern, dass chemische Waffen verwendet wurden – nicht von der Regierung, aber von der Opposition», sagte die frühere Schweizer Bundesanwältin und Chefanklägerin der UNO-Kriegsverbrechertribunale, am Sonntagabend im Tessiner Fernsehen RSI. Die Art und Weise der medizinischen Behandlung der Opfer lege den dringenden Verdacht nahe, dass Sarin eingesetzt worden sei.

Unumstössliche Beweise gebe es hingegen noch nicht. Del Ponte betonte gleichzeitig, dass die Untersuchungen der Syrien-Sonderkommission des UNO-Menschenrechtsrates noch lange nicht abgeschlossen seien. Diese müssten in einer weiteren Phase mit zusätzlichen Zeugenaussagen vertieft, verifiziert und bestätigt werden. «Doch soweit wir das feststellen konnten, haben bisher nur die Widersacher des Regimes das Gas Sarin eingesetzt.» Ob auch das Regime zu Giftgas greife, müssten weitere Ermittlungen ergeben.

Massenvernichtungswaffe

Das Nervengas Sarin zählt zu den giftigsten Kampfstoffen, die je hergestellt wurden. Die Phosphorverbindung wird durch Einatmen und über die Haut aufgenommen. Schon ein Milligramm Sarin kann in Minuten zu Atemlähmung und Herzstillstand führen. Das Gas wurde Ende der 1930er Jahre von deutschen Chemikern als Insektenvernichtungsmittel entwickelt und im Zweiten Weltkrieg als Kampfstoff produziert, aber nicht eingesetzt.

Heute verfügen die Streitkräfte vieler Länder über Sarin. Das Institut für Strategische Studien in London geht davon aus, dass Syrien seit den 1970er Jahren grosse Mengen Chemiewaffen produziert hat, darunter auch Sarin. Sein Arsenal gilt als das grösste der Region und das viertgrösste weltweit. Sicherheitsexperten befürchten, dass das Giftgas von dort in die Hände von Terroristen gelangen könnte.

Bereits 1995 war Sarin bei einem Anschlag eingesetzt worden. Die Aum-Sekte tötete damals mit dem Gas in Tokios U-Bahn zwölf Menschen, Tausende wurden verletzt. Sarin wurde 1991 von der UNO zur Massenvernichtungswaffe erklärt. Ihr Einsatz ist weltweit verboten.

Gegenseitige Vorwürfe

Rebellen und syrische Regierung werfen sich seit einigen Wochen gegenseitig den Einsatz von Giftgas vor. US-Präsident Barack Obama hatte den Einsatz chemischer Waffen durch die syrischen Streitkräfte als «rote Linie» bezeichnet, bei deren Überschreitung eine Intervention möglich sei. Ein Sprecher der Freien Syrischen Armee (FSA) versicherte, die FSA habe damit nichts zu tun. Luai al-Mekdad sagte: «Wir besitzen kein Sarin-Gas, und wir streben auch nicht danach, es in unseren Besitz zu bringen.»

Die Freie Syrische Armee ist ein von Deserteuren gegründeter loser Verband bewaffneter Revolutionsbrigaden unter General Salim Idriss. Die in Syrien operierenden verschiedenen islamistischen Rebellenbrigaden, von denen einige ein «Kalifat» in Syrien gründen wollen, gehören der FSA nicht an.

Die Türkei bereitet sich auf die Behandlung von Opfern atomarer, biologischer oder chemischer Kampfstoffe aus dem benachbarten Syrien vor. Es gelte, auf alle möglichen Bedrohungen vorbereitet zu sein, sagte der zuständige Regierungsbeamte Veysel Dalmaz der türkischen Zeitung «Zaman» (Montagsausgabe). Demnach werden in Flüchtlingslagern der türkischen Grenzprovinzen Sanliurfa und Gaziantep spezielle Dekontaminierungszelte eingerichtet.

Rotes Kreuz: Kämpfe immer grausamer

Die Konfliktgegner in Syrien gehen nach Angaben des Internationalen Komitees von Roten Kreuz (IKRK) immer grausamer vor und kümmern sich kaum noch um Verletzte und Tote. Für humanitäre Helfer werde es zugleich immer gefährlicher, Opfer medizinisch zu versorgen oder Leichen zu bergen, beklagte das IKRK am Montag in einem in Genf veröffentlichten Bericht. (chk/rub/sda)

Erstellt: 06.05.2013, 04:01 Uhr

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