Tod eines Botschafters

Beim Überfall auf das US-Konsulat in Libyen starben 2012 vier Amerikaner. Was nachts in Benghazi geschah, als Dutzende Angreifer gegen eine Handvoll Verteidiger anstürmten – diesen Thriller rekonstruiert jetzt ein Buch.

Militärflugplatz Andrews in Maryland am 14. September 2012: Die Särge der in Benghazi getöteten Amerikaner treffen in der Heimat ein.  Foto: Molly Riley-Pool (Getty Images)

Militärflugplatz Andrews in Maryland am 14. September 2012: Die Särge der in Benghazi getöteten Amerikaner treffen in der Heimat ein. Foto: Molly Riley-Pool (Getty Images)

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Dienstag, 11. September 2012. Amerikas Botschafter in Libyen weilt in Benghazi, eine Fünftagesvisite, Kontaktpflege in der zweitwichtigsten Stadt des Landes. Sein Tag verläuft ruhig. Gegen 20 Uhr verabschiedet er den letzten Besucher und zieht sich auf dem Konsulatsgelände in seine Villa zurück. Er möchte den «New Yorker» lesen. «Es ist schön, wieder einmal in Benghazi zu sein», notiert er gegen 21 Uhr in sein Tagebuch.

Am nächsten Morgen ist J. Christopher Stevens, 52-jährig, tot. Im Giftrauch erstickt. Angreifer sind am Abend gegen 22 Uhr ins Konsulat eingedrungen und haben Feuer gelegt. Sein Sarg wird in ein Frachtflugzeug verladen. Die Maschine steuert Tripolis an, die Hauptstadt Libyens. Von dort fliegt die Leiche mit drei weiteren toten Amerikanern nach Hause.

Was ist falsch gelaufen? Wie war es möglich, dass am 11. Jahrestag von 9/11 bewaffnete Horden das US-Konsulat zu Benghazi überrannten und die ein paar hundert Meter entfernte CIA-Nieder­lassung attackierten? Hat die Regierung Obama im Vorfeld versagt, indem sie Warnzeichen ignorierte; und wollte sie im Nachhinein ihr Versagen vertuschen?

Die übergeordneten Fragen sind auch heute nicht alle beantwortet. In Mitchell Zuckoffs eben erschienenem Sachbuch «13 Hours» stehen sie nicht im Zentrum. Vielmehr entwirrt der angesehene US-Publizist, was damals in Benghazi genau geschah. Quelle seines faktenreichen Buches sind jene Sicherheitsleute, die den Angriff erlebten und überlebten.

«Operators» nennt man sie, Operatoren. Der Berufsstand besteht aus ehemaligen Elitesoldaten. Erprobt im Irak und in Afghanistan, sind sie in der Regel um die 40 und haben Frau und Kind. Auf Vertragsbasis arbeiten sie für eine US-Regierungsagentur und schützen überall auf der Welt CIA-Leute. Verlässt ein CIA-Offizier in Benghazi sein Büro, um einen Informanten zu treffen, ist ein Operator dabei. Gut 150'000 Dollar pro Jahr verdient er.

Das ominöse Polizeiauto

Eines der Probleme am 11. September 2012 ist, dass keine Operatoren im Konsulat stationiert sind (übrigens ist es streng genommen kein Konsulat, sondern nur ein Aussenposten der Botschaft in Tripolis). Die Operatoren halten sich im Annex auf, der nahen CIA-Niederlassung. Das Konsulat schützen Sicherheitsleute des amerikanischen Aussenministeriums, DS-Männer («Diplomatic Security»). Sie besitzen wenig oder keine Kampferfahrung, haben bloss Sturmgewehre und Pistolen, sind somit eher leicht bewaffnet. Und wie sie verschiedentlich nach Washington melden, ist ihr Team unterdotiert.

Am Tag des Angriffs sind bloss sieben Amerikaner im Konsulat: fünf DS-Männer, ein Kommunikationsspezialist, der Botschafter. Dabei gibt es – vage – Warnungen der eigenen Geheimdienste. Seit Monaten nehmen die Spannungen in Libyen zu. Im Vorjahr ist Diktator Gha­dhafi durch Rebellen massakriert worden. Milizen gehen seither um, die mit al-Qaida verbandelt scheinen. Auch in Benghazi kommt es zu Übergriffen auf westliche Diplomaten und Anlagen.

Das US-Konsulat ist eine Art ummauerte Oase mit drei Toren. Rasen, ein Teich, Palmen und Guavenbäumen, dazwischen Häuser. Soldaten einer ört­lichen Miliz, die den Amerikanern zuneigt, stehen an den Toren Wache. Kann man sich auf sie verlassen? Am 11. September 2012 fährt kurz vor sieben Uhr morgens ein Polizeiauto vor. Ein Mann in Polizeiuniform filmt vom Rohbau gegenüber mit seinem Handy das Konsulat. Die Milizionäre, die Wache stehen, sprechen kurz mit ihm. Er wimmelt sie ab und zieht ungehindert von dannen.

Der Angriff am Abend beginnt wieder mit einem Polizeiauto. Um 21 Uhr stoppt es vor dem Konsulat, bleibt gut 40 Minuten. Als es abfährt, stürmen mehrere Dutzend Mann los. Allahu-Akbar-Rufe, Kalaschnikow-Salven, eine Detonation. Die Milizionäre an den Toren fliehen, ohne die Amerikaner zu alarmieren. Schnell ist das Konsulat überrannt. Die DS-Männer leisten dosiert Widerstand. Botschafter Stevens verkriecht sich mit einem DS-Leibwächter und dem Kommunikationsmann des Konsulats im speziell gesicherten Teil seiner Villa.

Die Eindringlinge gehen auf die Villa los. Holztüren splittern, eine Granate. Der Botschafter und seine Begleiter wähnen sich in Sicherheit; ihre Räume sind mit Beton und Stahl geschützt. Sie haben Wasser, Notproviant, Medikamente. Gasmasken aber fehlen. Die Angreifer holen sich draussen Kanister mit Diesel. Sie zünden das Mobiliar der Villa an, Plüschpolster und Perserteppiche brennen. Es wird brutal heiss. Schwarz, dick, giftig quillt der Rauch. Man sieht fast nichts mehr. DS-Leibwächter Wickland weiss: Der Rauch ist tödlich. Er ­öffnet einen Notriegel, steigt aus dem Fenster, winkt seine zwei Landsleute nach. Als er sich umdreht, sind sie nicht hinter ihm. Wickland sucht sie verzweifelt. Dann klettert er endgültig ins Freie. Auf dem Dach bricht er zusammen. Die nächsten Stunden bleibt der Botschafter verschwunden, während der Kommunikationsmann bald gefunden wird. Er ist tot. ­Erstickt am toxischen Rauch.

Schiesserei vor dem Konsulat

Im Annex sind die sechs Operatoren bereit für die Rettungsaktion. Jede Minute zählt. Doch sie dürfen nicht losfahren. Der CIA-Stationsleiter, ein gewisser Bob, verweigert das Okay. Es sei besser, die verbündeten Milizen zu alarmieren, sagt er und telefoniert unablässig. Wertvolle Zeit vergeht. Am Ende brechen die Operatoren doch auf. Vor dem Konsulat geraten sie in eine Schiesserei. Verbündete Milizionäre, die sie treffen, sind nur beschränkt von Nutzen.

Die Operatoren bergen DS-Mann Wickland. Lebend. Er sieht aus wie ein Kaminfeger, das Gesicht ist schwarz vom Russ. Der Botschafter ist nicht aufzufinden. Die Hitze in der Villa hält keiner länger als 30 Sekunden aus. Schliesslich wird evakuiert. Die DS-Sicherheitsleute steigen mit den Operatoren in zwei Autos, auch der tote Kommunikationsmann wird eingeladen. Unterwegs ziehen die Autos Feuer auf sich. Kurz vor Mitternacht treffen sie beim Annex ein.

Dort halten sich nun rund 30 Amerikaner auf. Viele sind Zivilisten, die nicht schiessen können. Was folgt, wirkt wie ein Western: einerseits das belagerte Fort mit wenigen Verteidigern und anderseits, zahlenmässig um ein Vielfaches überlegen, die «Indianer» rundum. An einigen Orten stehen im Annex Stahlplattformen, «Türme» genannt, von denen aus man über die Mauer schiessen kann. Die Amerikaner bemannen die Türme mit Operatoren. Diese haben ­Gewehre, Granatwerfer, MGs.

Angriff aus dem Zombieland

Der Annex grenzt auf der einen Seite an offenes Gelände. Die Operatoren taufen es «Zombieland». Hunderte Schafe weiden dort. Auch mit Nachtsichtgeräten ist nicht auszumachen, ob zwischen den Schafen Angreifer heranrobben. Über die nächsten Stunden gibt es mehrere Angriffe. Tausende Schüsse werden abgefeuert. Man schätzt, dass die Operatoren gut hundert Angreifer töten. Unter ihnen selber gibt es Verletzte. Die Hand des einen Operators, Mark «Oz» Geist, baumelt kraftlos. Im Unterarm klafft ein Fünfzentimeterloch.

In der letzten Welle wechseln die Angreifer Taktik und Waffe. Das US-Aussenministerium hat zu Beginn des Geschehens gesagt, in Benghazi tobe der Volkszorn; die arabische Welt schäumt gerade wegen eines hetzerischen Anti-Islam-Films. Doch die Männer im Dunkeln vor dem Annex handeln recht professionell. Sie setzen jetzt einen Mörser ein; Granaten gehen im Bogenflug auf das Annex-Gelände nieder. Zwei Operatoren sterben. Der eine gehört zum Benghazi-Team, der andere zu einem Miniteam aus Tripolis, das in Eile mit einem Charterjet angereist ist, um zu helfen.

Wer ist der Tote?

Als die Sonne über Benghazi aufgeht, sind vier Amerikaner tot. Unter ihnen der Botschafter. Kurios, wie man ihn in der Nacht gefunden hat: Plünderer durchstreifen das US-Konsulat. Und Neugierige. In der ausgebrannten Villa entdecken sie einen leblosen Mann. Sie schaffen ihn in ein Spital. Ärzte versuchen, ihn zu reanimieren. Nach 45 Minuten geben sie auf. Ein libyscher Vertrauensmann der Amerikaner identifiziert den Toten: J. Christopher Stevens.

Gegen halb sieben morgens verlassen die Amerikaner Benghazi. Libysche Milizionäre haben sie samt den Toten zum Flugplatz eskortiert. Über viele Monate reihen sich hernach Untersuchungen; bis heute häufen Komitees Akten. Vier Leute des Aussenministeriums sind zeitweise beurlaubt, weil man ihnen die ­Sicherheitsmängel anlastet. Dass CIA-Mann Bob die Rettungsaktion willentlich behindert hat, ist nicht zu beweisen. Die Operatoren werden in geheimen Zeremonien geehrt. Ein Libyer von einer radikalen Gruppe in Benghazi ist als mutmasslicher Drahtzieher mittlerweile ein Gefangener Amerikas. Und dieses hat seit dem 12. September 2012 einen Vorposten weniger in der arabischen Welt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.10.2014, 18:49 Uhr

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Mitchell Zuckoff: 13 Hours: The Inside Account of What Really Happened in Benghazi.
Hachette Book Group, Neuerscheinung.
352 S., ca. 17 Dollar.

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