Hintergrund

Tod in Dubai

Vor einem Jahr liquidierte Israels Geheimdienst den Hamas-Waffenhändler Mahmoud al-Mabhouh. Heute weiss man: Eine erste Attacke mit Gift missglückte. Und der Mossad-Chef hat Dubais Polizei unterschätzt.

19. Januar, Nachmittag: Mabhouh wird zu seinem Zimmer geleitet, zwei Mossad-Leute folgen und kennen nun die Zimmernummer.

19. Januar, Nachmittag: Mabhouh wird zu seinem Zimmer geleitet, zwei Mossad-Leute folgen und kennen nun die Zimmernummer. Bild: Reuters

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Die Bilder von Flughafen- und Hotelüberwachungskameras in Dubai gingen vor einem Jahr um die Welt. Zu sehen sind Männer und Frauen teils im Freizeitlook, teils im Businessanzug; sie reisten unter Namen wie Kevin Daveron, Peter Elvinger, Gail Folliard. Es sind Israeli vom Geheimdienst Mossad, die sich im Januar 2010 mit falschen Pässen im arabischen Emirat aufhielten. Als das Mossad-Team am späten Abend des 19. Januar wieder abflog, lag im Hotel al-Bustan, Zimmer 230, ein toter Palästinenser: Mahmoud al-Mabhouh, «Chef-Waffenhändler» («Der Spiegel») der radikalislamischen Hamas. Weil die Killer Spuren hinterliessen, resultierte schliesslich ein internationaler Skandal.

Der renommierte israelische Militärexperte Ronen Bergman schreibt derzeit ein Buch darüber, wie Israel Feinde gezielt liquidiert. Als Nebenprodukt publizierte er eben in der US-Zeitschrift «GQ» eine Analyse des Falles Dubai. In dem Artikel mit vielen bisher unbekannten Details werden sowohl die Akteure und der Ablauf der Tötung von Mabhouh als auch die Konsequenzen der Tat geschildert. Nachfolgend die wichtigsten Personen und Vorgänge des Realitythrillers «made by Mossad».

Der Geheimdienstchef

Mossad-Chef Meir Dagan pflegt vor wichtigen Aktionen die Agenten in sein Büro zu rufen. Er weist auf ein Foto an der Wand: ein alter Jude wehrlos auf den Knien, neben ihm zwei SS-Offiziere. Das Bild sei 1942 in Polen aufgenommen, erklärt Dagan, es zeige seinen Grossvater Dov Ehrlich, der samt der ganzen Familie von den Nazis umgebracht wurde. «Das Foto soll uns leiten, wenn wir im Namen des israelischen Staates handeln», sagt Dagan jeweils. Seit 2002 ist der frühere Armeekommandeur im Amt, er gilt als ungeheuer effizient, skrupellos, selbstherrlich. Drastisch forcierte er die verdeckten Operationen, darunter etliche Sabotageakte gegen das Atomprogramm des Iran. Und auch viele Tötungen organisierte er: 2008 etwa liquidieren Mossad-Leute in Damaskus Hizbollah-Militärchef Imad Mughniyeh, verantwortlich für den Bombenanschlag 1983 auf die US-Botschaft in Beirut mit 63 Toten. Dass ein Sprengsatz in der Nackenstütze seines Wagens Mughniyeh enthauptet, klingt wie ein Echo auf Premierminister Ariel Sharons Lob von 2002: «Dagan ist einzigartig darin, einen Araber von seinem Kopf zu trennen.»

Das Zielobjekt

Mahmoud al-Mabhouh managt bei der Hamas Finanzierung und Planung von Selbstmordattentaten. Und den Schmuggel von Raketen und neuen Waffensystemen nach Gaza; dazu hält er engen Kontakt mit der Quds-Einheit der iranischen Revolutionsgarden. In jüngeren Jahren hat er selber Aktionen durchgeführt. 1989 entführen er und Komplize Muhammad Nasser zweimal in Israel einen Soldaten und töten ihn. Im TV-Sender al–Jazeera berichtet Mabhouh (dessen Gesicht unkenntlich gemacht ist) später stolz, wie sich das abspielte. Der eine Fall: Er und Nasser verkleiden sich als religiöse Juden. An einer Strassenkreuzung bieten sie dem Soldaten Avi Sasportas auf Hebräisch an, ihn mitzunehmen. Sasportas steigt ein. Nach kurzer Fahrt ist das Auto allein auf weiter Flur. Nasser schiesst Sasportas zweimal ins Gesicht und dann in die Brust. Er bedauere es, brüstet sich Mabhouh im TV, dass er am Steuer gesessen habe und nicht selber habe schiessen können. Die Täter fotografieren sich am Tatort: grinsende Gesichter vor der Leiche im Strassengraben, die sie mit Füssen treten.

Die Einheit

Caesarea heisst die Eliteeinheit des Mossad, die von Chef Dagan den Tötungsbefehl erhält, nachdem der Premier und der Verteidigungsminister grünes Licht gegeben haben. Der Einheit obliegen die heikelsten Einsätze: politischer Mord, Sabotage, Einbruch in Hochsicherheitseinrichtungen feindlich gesinnter Länder wie Iran und Syrien. Die Leute von Caesarea operieren nicht im Mossad-Hauptquartier in der Nähe von Tel Aviv, verkehren nur mit ihresgleichen und verwenden nie ihre richtigen Namen. Was man erst jetzt weiss: Bereits im November 2009 hat die Einheit ein erstes Mal versucht, Mabhouh in Dubai zu töten. Und zwar mit Gift, das sie (es gibt zwei Versionen) entweder in einen Drink gemixt oder im Hotelzimmer auf Lichtschalter und Armaturen aufgetragen hat. Mabhouh erkrankt, realisiert aber nicht, dass es sich um einen Anschlag handelt. Er erholt sich und reist wieder heim. Darum der zweite, schliesslich erfolgreiche Einsatz Anfang 2010.

Der Einsatz

Am Montag, 18. Januar 2010, treffen erste Caesarea-Leute in Dubai ein. Der Rest des Teams von 27 Personen folgt in den nächsten 19 Stunden, die Agenten kommen aus Städten wie Rom, Paris, Frankfurt, Zürich und tragen falsche Namen. Das Trio «Kevin Daveron», «Gail Folliard» und «Peter Elvinger» bildet die Einsatzleitung. Manche vom Team waren in den Monaten zuvor mehrmals in Dubai, um zu rekognoszieren. Jetzt wissen sie, wohl aus einem Trojaner, einer Spionagevorrichtung im Computer von Mabhouh, dass dieser nach Dubai kommt. Am 19. um 15.25 Uhr trifft Mabhouh, als «Mahmoud Abdul Ra’uf Muhammad Hassan» unterwegs, im Hotel al-Bustan ein. Die Israeli sind ihm vom Flughafen gefolgt, weitere Agenten sitzen in der Hotellobby, zwei Leute im Tennisoutfit und mit Schlägern fahren im Lift mit Mabhouh hoch. Sie finden seine Zimmernummer heraus: 230. Agent «Elvinger» bucht telefonisch Zimmer 237 gleich über den Gang.

Die Tötung

Unter den Agenten ist ein Elektronik-Ass. Er hat monatelang geübt, um alle gängigen Typen elektronischer Hoteltürschlösser manipulieren zu können. Gegen 16 Uhr verlässt Mabhouh Zimmer 230 und das Hotel. In Zimmer 237 sammeln sich sieben Israeli. Gegen 20 Uhr begibt sich der «Elektroniker» auf den Flur, macht sich an Mabhouhs Türschloss zu schaffen, öffnet es, achtet dabei darauf, dass Mabhouhs Schlüssel weiter passen wird. Ein unbeteiligter Gast, der auf der Suche nach seinem Zimmer auftaucht, wird von Agent «Daveron» abgefangen und weggelotst. Vier Killer betreten nun Zimmer 230. Um 20.24 Uhr kommt Mabhouh zurück. In den nächsten 20 Minuten wird er getötet. Unklar ist, wie es die Agenten danach schaffen, den Raum zu verlassen und die Innenkette an die Tür zu legen.

Erste ungeklärte Frage

Wie genau starb Mabhouh? Der Mossad muss den Todesfall natürlich wirken lassen; es ist die Voraussetzung für den unbehelligten Abgang der Agenten, falls die Leiche schnell entdeckt wird. Vier Stunden nach der Tötung sitzen alle Israeli im Flugzeug, die Leiche wird erst am Nachmittag des nächsten Tages durch ein Zimmermädchen gefunden, bis zur Identifizierung dauert es Tage. Dubais Gerichtsmedizin behauptet Folgendes: Die Killer haben Mabhouh mit der Lähmungsdroge Succinylcholin betäubt und mit einem Kissen erstickt. Experten zweifeln den Befund aber an, weil das Ersticken verräterische Spuren hinterlässt (geplatzte Äderchen im Auge). Möglicherweise hat die Gerichtsmedizin, die zu spät aktiv wurde, die Mordmethode nicht eruieren können. Und da sich die Behörden nicht blamieren wollen, haben sie im Nachhinein den Befund zur Eindeutigkeit frisiert.

Zweite ungeklärte Frage

Was hat Mabhouh in den vier Stunden ausserhalb der Hotelanlage gemacht? Dubais Polizei, die den Rest des Geschehens bewundernswert genau rekonstruiert, bleibt in diesem Punkt auffallend vage. Israelische Geheimdienstler sagen, Mabhouh habe sich mit einem Terrorbanker getroffen und die Lieferung zweier grosser Schiffsladungen mit iranischen Waffen für die Hamas besprochen. Diese Tatsache wäre Dubai unangenehm, weil es sich gern als saubere Geschäftsdrehscheibe darstellt.

Der Skandal

Dubais Polizeichef, Generalleutnant Dahi Chalfan Tamim, legt bei der Fahndung grosses Geschick an den Tag. Der Mossad-Chef hat die Araber unterschätzt, seine Leute haben viele Spuren hinterlassen. Dilettantisch mutet an, dass zwei Agenten mehrere Stunden in Tenniskleidern in der Hotellobby warteten; bei der Auswertung fallen sie auf Überwachungskamera-Aufnahmen sofort auf. Ausserdem verwenden mehrere Agenten die seltene Prepaid-Hotelkarte Payoneer; so können die Ermittler die Gruppe schnell als solche erkennen. Schliesslich die Sache mit den Pässen: Anders als die Agenten anderer Länder können diejenigen Israels im Ausland nicht als Israeli auftreten. Dass sie für Dubai britische, irische, französische und andere Pässe gefälscht haben, bewirkt schwere diplomatische Turbulenzen. Der Mossad wird durch die Enthüllungen geschwächt. Die Videobilder seiner Agenten in Dubai, die klandestin arbeiten wollten und nun geoutet werden, demütigen Israel ebenso wie der Ruf von Polizeichef Tamim nach internationalen Haftbefehlen für die Killer. Schliesslich tritt der Leiter der Caesarea-Einheit zurück, der als logischer Nachfolger von Mossad-Chef Dagan galt. Meir Dagan selber ist inzwischen als Geheimdienstchef abgesetzt worden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.01.2011, 21:01 Uhr

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Reiste mit einem irischen Pass:
Einsatzleiter Nr. 1 «Daveron». (Bild: Keystone )

Flog aus Zürich ein, buchte Zimmer 230: Einsatzleiter Nr. 2 «Elvinger». (Bild: Reuters )

Sie war die Frau im Führungstrio:
Einsatzleiterin Nr. 3 «Folliard». (Bild: Keystone )

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