Todesurteil in Abwesenheit

Der irakische Vizepräsidenten Tariq al-Hashemi wurde heute zum Tode verurteilt. Über 150 Morde werden ihm angelastet – dabei geht es jedoch auch um innenpolitische Machtkämpfe zwischen Sunniten und Schiiten.

Hält sich vermutlich in der Türkei auf: Der Veruteilte Tariq al-Hashemi.

Hält sich vermutlich in der Türkei auf: Der Veruteilte Tariq al-Hashemi. Bild: AFP

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der irakische Vizepräsident Tariq al-Hashemi ist heute in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden. Hashemi sei der Anstiftung zum Mord an zwei Menschen schuldig, hiess es im Urteilsspruch des Gerichts in Bagdad.

Der sunnitische Spitzenpolitiker, einer der schärfsten Kritiker des schiitischen Ministerpräsidenten Nouri al-Maliki, war Ende 2011 aus Bagdad geflohen und hält sich überwiegend in der Türkei auf. Das Gericht verurteilte neben Hashemi auch dessen Privatsekretär und Schwiegersohn Ahmed Kahtan in Abwesenheit zum Tod durch den Strang. Gemeinsam sollen sie für den Tod eines Anwalts und des Generals Talib Belassim verantwortlich sein.

Anlastung von mehr als 150 Morden

Die Beweise seien ausreichend, heisst es in dem nach einer halbstündigen Beratung ergangenen Urteilsspruch der drei Richter. Es handelt sich um das erste Urteil in einem Mammutprozess, in dem Hashemi und seinem Umfeld die Verantwortung für mehr als 150 Morde zur Last gelegt werden.

Hashemis Anwälte wiesen die Vorwürfe als politisch motiviert zurück. Sie haben 30 Tage Zeit, um Berufung gegen das Urteil einzulegen. Hashemi war im Dezember in die autonomen Kurdengebiete im Nordirak geflohen, nachdem der Ministerpräsident einen Haftbefehl gegen ihn veranlasst hatte. Maliki wirft dem Vizepräsidenten vor, Leibwächter finanziell unterstützt zu haben, die in Anschläge verwickelt waren, bei denen eine Reihe von Richtern und hochrangigen Beamten starben, darunter der Generaldirektor des Ministeriums für Nationale Sicherheit.

Zwischenzeitlich in Katar und Saudiarabien

Wegen Verdachts auf «Führung und Finanzierung terroristischer Anschläge» wird Hashemi, der sich zwischenzeitlich auch in Katar und Saudiarabien aufhielt, per internationalem Haftbefehl gesucht. Der seit Mai laufende Prozess verschärfte den innenpolitischen Machtkampf zwischen Sunniten und Schiiten im Irak kurz nach dem Abzug der US-Truppen. Der 1942 geborene Hashemi wurde im April 2006 einer der irakischen Vizepräsidenten. 2010 wurde er wiedergewählt.

Die Türkei hatte im Mai erklärt, dass sie Hashemi nicht ausliefern werde. Der türkische Vize-Ministerpräsident Bekir Bozdag verwies damals darauf, dass der Irak von der Türkei gesuchte Kämpfer der kurdischen Arbeiterpartei PKK nicht ausgeliefert habe. Im Nordirak konnten die Kurden seit der Entmachtung von Saddam Hussein 2003 faktisch eine Art Selbstverwaltung errichten. Die Region dient der PKK als Rückzugsgebiet. (rub/mrs/AFP)

Erstellt: 09.09.2012, 13:33 Uhr

Dutzende Tote bei Anschlagserie

Im Irak sind bei einer Anschlagsserie am Sonntag bis zu 100 Menschen ums Leben gekommen. Nachdem ein Gericht den flüchtigen Vizepräsidenten Tarek al-Hashemi zum Tode verurteilte, detonierten am Abend in mehreren Bezirken der Hauptstadt Bagdad erneut Autobomben.




Der blutigste Anschlag wurde im Stadtteil Sadr City im Nordosten Bagdads verübt. Dort starben mindestens 13 Menschen, während 32 weitere verletzt wurden. Auf einem Markt des Viertels Watschatsch wurden demnach sieben Menschen getötet, 21 weitere erlitten Verletzungen. (sda)

Bildstrecke

Die letzten US-Soldaten verlassen den Irak

Die letzten US-Soldaten verlassen den Irak Der Irak-Krieg ist vorbei. Ende 2011 haben alle US-Truppen das Land verlassen.

Artikel zum Thema

Irak wird zweitgrösster Ölproduzent

Das Land hat seine Förderquote auf aktuell 3,2 Millionen Barrel täglich gesteigert. Somit überholt der Irak den Iran, die Emirate und Kuwait – und wird die Nummer zwei in der Opec. Mehr...

Anschlagsserie in zehn Städten

Im Irak sind bei mehreren Terrorakten in mindestens zehn Städten bis zu 70 Menschen getötet worden. Auslöser der Gewalt seien politische Konflikte, vor allem zwischen Kurden und Schiiten. Mehr...

Eine Anschlagserie mit Ankündigung – über 100 Tote im Irak

In gut einem Dutzend irakischer Städte sind Anschläge verübt worden. Die Bomben und Schüsse galten Polizei- und Regierungsgebäuden. Die al-Qaida hatte zuvor eine Offensive angekündigt. Mehr...

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Kommentare

Blogs

Beruf + Berufung Die Angst des Rebellen

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Trigger für Höhenangst: Ein Besucher der Aussichtsplattform des King Power Mahanakhon Gebäudes in Bankok City posiert fürs Familienalbum auf 314 Meter über Boden. (16. November 2018)
(Bild: Narong Sangnak/EPA) Mehr...