«Trotz Waffenstillstand wird weiter gemordet»

Pfarrer Wakuma Dawi aus dem Nordosten Nigerias glaubt nicht, dass die von der Sekte Boko Haram entführten Mädchen bald freikommen.

Ein Mann in Lagos fordert im Mai die Freilassung der entführten Mädchen. Foto: Reuters

Ein Mann in Lagos fordert im Mai die Freilassung der entführten Mädchen. Foto: Reuters

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Die nigerianische Regierung hat versprochen, dass dies Woche die 219 Mädchen freikommen, die von der Terrororganisation verschleppt worden sind. Teilen Sie diese Zuversicht?
Ich glaube nicht, dass die Mädchen aus Chibok diese Woche freikommen, wie es auch die Medien angekündigt haben. Als die Regierung vergangene Woche den Waffenstillstand mit Boko Haram verkündet hat, wurden am gleichen Tag in der Nähe meines Dorfes Menschen ermordet. Die Medien sind nicht zuverlässig und behaupten jeden Tag etwas anderes. Die Morde aber sind eine Tatsache.

Was passiert mit den Mädchen in Gefangenschaft? Laut einer Videobotschaft von Boko Haram wurden sie zwangsverheiratet.
In Nigeria muss man sich immer bewusst machen, das alles, was man hört und liest, sehr wahrscheinlich nur ein Gerücht ist. Bei uns können die Medien etwas sagen, und die Regierung dementiert es gleichzeitig, und umgekehrt. Es ist schwierig, zu entscheiden, was und wem man glauben kann. Ich glaube aber, dass Boko Haram die Mädchen nicht lange unversehrt in Gefangenschaft hält. Und ich vermute, dass sie die Mädchen dazu zwingen, zum Islam überzutreten. Weil der Glaube in Nigeria für viele Menschen sehr wichtig ist, befürchte ich zudem, dass einige Mädchen die Konversion ablehnen und dann möglicherweise getötet werden.

Hat die Entführung der Chibok-Mädchen den Konflikt zwischen Muslimen und Christen in Ihrer Region angeheizt?
Nein, denn die Verschleppung hat einen Aufschrei der Entrüstung in ganz Nigeria ausgelöst, und das nicht nur bei den Christen. Die muslimischen Gemeinschaften haben viel Mitgefühl gezeigt. Allerdings hat sich umgekehrt das Verhältnis zwischen den zwei Religionen wegen der Entführung kaum verbessert.

Was halten Sie von der globalen Kampagne #bringbackourgirls, die via soziale Medien verbreitet wird?
Die Kampagne hatte bis jetzt keine direkte Auswirkung auf das Schicksal der Mädchen. Sie hat aber sicher die Regierung zum Handeln gezwungen. Manchmal braucht es einen lauten, kollektiven Aufschrei, damit etwas passiert.

Glaubt Ihre Gemeinde noch an die Rückkehr der Mädchen?
Einige glauben, dass Boko Haram mit übernatürlichen Kräften im Bunde sein muss, dass sie also eine Art Kult sind, und dass die Mädchen in diesen Kult eingeführt werden. Andere glauben, dass die Mädchen nicht mehr leben. Manche befürchten, dass sie noch leben, aber nicht mehr gefunden werden können. Und wieder andere befürchten, dass sie, auch wenn sie befreit würden, sich aufgrund ihrer Erlebnisse in unseren Gemeinden nicht mehr zurechtfinden könnten.

Wie reagieren Sie auf diese Ängste?
Ich sage den Menschen, dass das nur Vermutungen seien und dass wir die Realität nicht kennen würden. Und unsere Kirche bietet zudem professionelle psychologische Betreuung an. Man darf bei der ganzen Aufmerksamkeit für die Chibok-Mädchen nicht vergessen, dass in Nordostnigeria viele weitere Menschen verschleppt wurden und werden.

Vertrauen Sie der Regierung von Präsident Goodluck Jonathan?
Wer soll den Konflikt mit Boko Haram ­lösen, wenn nicht die Regierung!? Ich glaube, dass sich die Regierung der Krise bewusst ist und an einer Lösung arbeitet. Aber wir haben bislang kaum Ergebnisse gesehen. Es wurden zum Beispiel viele Soldaten in unsere Region geschickt. Trotzdem werden weiter Menschen ermordet. Das Militär scheint sich zwar um Sicherheit zu bemühen, gleichzeitig erreichen die Soldaten keine Siege, und wir sehen sie gar wegrennen. Auch gibt es Gerüchte, dass einige Soldaten Boko Haram unterstützen und ihnen die Pläne des Militärs verraten. Das verunsichert hier viele.

Wie beeinflusst die Gewalt Ihr tägliches Leben als Mitarbeiter einer christlichen Kirchgemeinde?
Wir haben Angst: Sogar wenn Soldaten in unseren Dörfern stationiert sind, gibt es Angriffe. Soldaten und Zivilisten werden getötet. Kirchen und Polizeistationen werden in Brand gesetzt, Schulen zerstört. Gleichzeitig versuchen wir den jeden Tag neu eintreffenden Flüchtlingen zu helfen. Wir versuchen ein Hilfsnetzwerk bis nach Kamerun aufzubauen und unterstützen lokale Kirchen, sodass auch sie Flüchtlinge aufnehmen können. Von 50 Kirchengemeinden im Nordosten Nigerias sind nur 13 nicht auf irgendeine Art von der Krise betroffen.

Erstellt: 21.10.2014, 19:47 Uhr

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Wakuma Dawi

Der Pfarrer ist Finanzchef und Programmverantwortlicher der nigerianischen Partnerkirche von Mission 21. Er besuchte die Schweiz auf Einladung des evangelischen Missionswerks.

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