Und plötzlich wollen alle mit Putin reden

Als Russland 2015 in Syrien eingriff, spielte sein Präsident in der Region eine Nebenrolle. Heute spielt er mehrere Hauptrollen – eine Übersicht.

Er kann es zurzeit mit allen: Russlands Präsident Wladimir Putin steht im Fokus. Foto: Keystone

Er kann es zurzeit mit allen: Russlands Präsident Wladimir Putin steht im Fokus. Foto: Keystone

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Stütze des syrischen Regimes:
Mit dem Kriegseintritt vor vier Jahren hat Russland dem syrischen Machthaber Bashar al-Assad faktisch die Haut gerettet. Russlands erklärtes Ziel war es, die territoriale Integrität Syriens wiederherzustellen. Derzeit sind Putin und Assad diesem Ziel so nahe wie nie: Die Kurden, die grosse Teile des syrischen Territoriums kontrollierten, haben sich unter russischer Vermittlung mit Assad zusammengetan gegen den türkischen Vormarsch im Norden. Damit anerkennen sie Assad faktisch als Kriegsgewinner. Damaskus geht nun gestärkt in die Friedensverhandlungen, die Ende Monat unter russischer Ägide stattfinden sollen.

Enger Freund der Türkei:
Die Präsidenten Erdogan und Putin sind beste Freunde und haben sich dieses Jahr bereits mehrmals getroffen. Auch das türkische Vorrücken in Nordsyrien haben die beiden vorher diskutiert. Die Militäraktion kann Russland grundsätzlich nicht recht sein: Syrien soll wieder voll und ganz unter die Kontrolle Assads kommen. Doch Putin erklärte umgehend, man verstehe das türkische Bedürfnis, entlang der Grenze zu Syrien für Sicherheit zu sorgen. Beobachter gehen davon aus, dass die Intervention der Türkei kein Problem darstellt, solange sie regional und zeitlich begrenzt bleibt. Eine direkte Konfrontation mit der Türkei sei ein Szenario, an das man nicht mal denken wolle, hiess es in einem Statement des Kreml. Doch Russland hat die Lufthoheit über Syrien und die militärischen Mittel, ein unbeschränktes Vorrücken der Türkei zu blockieren. Und Syrien ist nicht das einzige Thema, bei dem sich Putin und Erdogan nicht einig sind: Ankara sieht sich als Schutzmacht der Krimtataren und hatte die Annexion der ukrainischen Halbinsel scharf kritisiert.

«Retter» der Kurden:
Russland hat gerade ein Abkommen zwischen Assad und den Kurden vermittelt und damit auch für ein mögliches Friedensabkommen vorgearbeitet. Allerdings ist noch unklar, wie weit das Regime den Kurden, die sich wenigstens eine Autonomie wünschen, entgegenkommen wird. Bisher hatte Russland die Kurden nicht mit an den Verhandlungstisch geholt, schliesslich waren sie mit den USA alliiert, und die Türkei bezeichnet sie als Terroristen. Das ist eine Lesart, welche der Kreml zumindest zeitweise übernommen hat. Einen grossen Alliierten haben die Kurden damit an den Russen nicht, nach dem Bruch mit den USA bleibt ihnen allerdings keine Alternative. Russische Experten sagen, die Kurden könnten bestenfalls auf die Neutralität des Kreml hoffen.

Alliierter des Iran:
Der Iran kämpft mit Russland an der Seite Assads. Russland unterhält als einer von wenigen Staaten gute Beziehungen mit Teheran, was dem Kreml zwar oft Kritik einbringt im Westen, ihn aber auch als Vermittler praktisch unentbehrlich macht, sei es beim Atomabkommen oder bei den steigenden Spannungen am Golf. Der Iran arbeitet mit Russland auch bei den Friedensverhandlungen über die Zukunft Syriens zusammen. Teheran dürfte versuchen, möglichst grossen Einfluss auf das Land zu behalten, Russland dürfte dasselbe für sich reklamieren.

Neuer Partner Saudiarabiens:
Eben hat Putin in Riad seinen ersten Besuch seit 10 Jahren absolviert, es wurden Dutzende Abkommen in den Bereichen Luftfahrt, Kultur, Gesundheit und Hightech unterzeichnet. Es geht um Geschäfte in der Höhe von mehreren Milliarden Dollar. Auch ist Riad in Verhandlungen über ein Raketenabwehrsystem, das Moskau bereits dem Iran und dem Nato-Land Türkei verkauft hat. Der Schulterschluss verärgert die USA, den traditionellen Alliierten und Waffenlieferanten der Saudis. Doch der Streit über die Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi vor einem Jahr scheint einen Keil zwischen die beiden Länder getrieben zu haben. Kronprinz Muhammad bin Salman gibt öffentlich den guten Kumpel von Putin, dieser erklärt, er habe eine «sehr freundliche persönliche Beziehung» mit dem Prinzen. Dennoch ist die neue Vertrautheit erstaunlich: Saudiarabien unterstützt in Syrien die Rebellen gegen Präsident Assad. Und den Iran betrachtet Riad als seinen grössten Feind, der auch für den jüngsten Angriff auf saudische Öleinrichtungen verantwortlich sein dürfte.

Zusammenarbeit mit Israel:
Die meisten von Russlands Alliierten betrachten das Land als Todfeind, allen voran der Iran. Israel bombardiert immer wieder iranische Stellungen in Syrien. Zudem ist Jerusalem ein enger Alliierter der USA, die unlängst die israelische Okkupation der Golanhöhen anerkannt haben. Dennoch ist das Land auch um gute Beziehungen zu Moskau bemüht, Premierminister Netanyahu ist ein guter Freund Putins. Als im Zuge eines israelischen Luftangriffs auf Syrien ein russisches Flugzeug abgeschossen wurde, drohte Moskau mit Konsequenzen. Doch Netanyahu schickte sogleich eine hochrangige israelische Delegation nach Moskau, um die Wogen zu glätten. Mit Erfolg.

Erstellt: 15.10.2019, 19:51 Uhr

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