Analyse

Und wieder stürzt das Heilige

In Timbuktu zerstören Islam-Eiferer herrliche alte Grabmäler. Barbarei – wie es sie einst auch bei uns gab.

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2001 sprengten die Taliban in Afghanistan die uralten, bis zu 55 Meter hohen Buddha-Felsstatuen von Bamiyan. Die Welt war entsetzt, konnte aber nichts tun. Jetzt registriert sie mit gleicher Ohnmacht, was in Timbuktu im Sahelstaat Mali passiert: Islam-Eiferer haben am Wochenende damit begonnen, eine Reihe gut 500-jähriger Heiligen-Mausoleen zu zerstören. Islamisches Kulturgut von globalem Wert.

Die Männer der Miliz Ansar Dine fahren in Pick-ups vor, ein Maschinengewehr auf der Ladefläche. Sie riegeln den Friedhof ab, dringen ins Grabmal ein. Mit Hämmern, Äxten, Spitzhacken, Schaufeln demolieren sie den Gebetsraum des Heiligtums. Dann kommt die Aussenhülle an die Reihe. Von grosser Lehmarchitektur bleibt jeweils ein Trümmerhaufen.

Reich durch den Handel mit Salz und Sklaven

Die Zerstörer, sozusagen afrikanische Taliban, wollen die Scharia einführen und einen Gottesstaat errichten. Die Zentralregierung in Malis Hauptstadt Bamako war nach einem Militärputsch im März zusammengebrochen. Die Rebellenkräfte erstarkten darob und erkämpften sich den Norden. Unter anderem das abgelegene Oasennest Timbuktu.

Dieses ist eine Legende. Timbuktu war das Zentrum des Trans-Sahara-Karawanenverkehrs, es wurde reich durch den Handel mit Salz und Sklaven. Völker und Stämme kreuzten sich hier: Berber, Mauren, Songhai, Mandinka, Bambara. Gelehrte kamen und blieben; vor einem halben Jahrtausend blühte das islamische Geistesleben. Grosse Lehrer lebten, schrieben, dozierten in Timbuktu.

Koran, Amulett, Fetisch

Das Problem: Solche Hoch-Zeiten der Zivilisation basieren meist auf einer Mixtur von Einflüssen. In Timbuktu mischte sich der strenge Islam der nahöstlichen Wüste mit afrikanischen Einflüssen. Muftis, Theologen, Mystiker, Magier, Eremiten, Derwischtänzer, heilige Männer lebten mit- oder doch nebeneinander; Koran, Amulett und Fetisch waren gleichwertige Kraftquellen. Der arabische Reiseschriftsteller Ibn Battuta berichtete 1352 von unverschleierten Frauen in Timbuktu.

Ein wenig vom frühen Freigeist ist der Stadt geblieben, die heute 55'000 Einwohner zählt. Die Islamisten unter den Rebellen wollen ihn austreiben; sie setzen bei den Monumenten an, die die alte Libertinage verkörpern. Dass die Unesco gerade eben Timbuktu auf die Liste gefährdeter Welterbe-Stätten setzte, befeuerte die Wüter des Glaubens zusätzlich. Für sie bedeutet das islamische Bekenntnis «Es gibt keinen Gott ausser Gott» dies: Nicht der geringste Heiligenkult darf von der Hinwendung zu Gott ablenken!

Daher die Grabschändungen der letzten Tage; das einfache Volk holte sich bei den verehrten Toten gern den Segen. Zu befürchten ist, dass bald auch kostbare Manuskripte früherer Epochen verbrannt werden: alles eben, was nicht rechtgläubig wirkt.

Bern und die Prager Pietà

So attackieren Fanatiker, was sie stört: In Bamiyan 2001 waren es buddhistische Reste, jetzt in Mali ist es «Un-Islamisches» im Islam. Für die Raserei gibt es das Wort «Bildersturm». Wer meint, dieser sei typisch Islam, sei daran erinnert, dass es den Bildersturm auch hierzulande gab. 1986 sanierte man in Bern die Plattform neben dem Münster. Man fand in der Erde grossartige spätgotische Plastiken, so eine 600-jährige Prager Pietà. Berns Volk hatte 1528 in der Reformation das Münster gestürmt, die katholische Kunst geschändet, Kostbares wie die Pietà der Schutthalde der Plattform überantwortet.

Der Mensch kann einen Feind töten. Oder er tötet dessen liebste Symbole – und auch das ist grausam.

Erstellt: 03.07.2012, 09:50 Uhr

Islamisten zerstören weitere Heiligtümer

Islamistische Rebellen haben am Montag in Timbuktu ihren Zerstörungsfeldzug fortgesetzt. Nach Angaben von Augenzeugen schlugen sie den Eingang der zum Weltkulturerbe gehörenden Sidi-Yahya-Moschee in der Stadt im Norden von Mali ein. Die Angreifer hätten die «heilige Tür» des Gebäudes zerstört, die normalerweise nie geöffnet werde, berichtete ein Bewohner der Stadt der Nachrichtenagentur AFP. «Sie sind mit Spitzhacken in den Händen gekommen, haben ‹Allah› gerufen und die Tür zerstört», sagte ein weiterer Bewohner, ein früherer Touristenführer.

Erst am vergangenen Donnerstag hatte die UNO-Kulturorganisation Unesco die Sidi-Yahya-Moschee aus dem 15. Jahrhundert zusammen mit 16 islamischen Heiligengräbern zum Weltkulturerbe erklärt. Dies nahmen die Mitglieder der islamistischen Rebellengruppe Ansar Dine offenbar zum Anlass, die Mausoleen einzureissen. Bis Montag zerstörten sie insgesamt sieben. Aus Sicht der Islamisten verstösst die Verehrung der Heiligen und ihrer Gräber gegen den Islam, der den Gläubigen gebietet, allein Allah zu verehren. In der Wüstenstadt Timbuktu ist der Heiligenkult jedoch weit verbreitet, und die Heiligen gelten als Beschützer der Stadt. (SDA)

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