Väter mussten alleine nach ihren entführten Töchtern fahnden

Die islamistische Sekte Boko Haram terrorisiert Nigeria wie nie zuvor. Nach einem Überfall auf eine Schule fehlte von den Sicherheitskräften jede Spur. Das Land droht unter der Gewalt auseinanderzubrechen.

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Popu Yaga sitzt im Gras und weint. Die Tochter des 50-jährigen Nigerianers wurde vergangene Woche gemeinsam mit mehr als 230 Schülerinnen eines ländlichen Internats im äussersten Nordosten Nigerias von Mitgliedern der islamistischen Boko-Haram-Sekte entführt. «Alles, was wir von der Regierung wollen», schluchzt der verzweifelte Vater, «sie soll uns helfen, unsere Kinder zurückzubekommen.»

Schon das ist wohl zu viel verlangt. Die Regierung in Abuja hat es nicht einmal vermocht, die Schülerinnen vor der allseits bekannten Gefahr zu bewahren: Zwei Soldaten, die zum Schutz der von den Extremisten verhassten Bildungseinrichtung abgestellt waren, wurden von den Milizionären kurzerhand überwältigt. Auch nach dem Überfall war von der Staatsmacht keine Spur wahrzunehmen: Frustrierte Väter der Entführten machten sich mit Motorrädern in die nahe gelegene Waldregion auf, um – ergebnislos – nach ihren Töchtern zu fahnden. Von den Sicherheitskräften war nur zu vernehmen, dass sie mehrere Dutzend Schülerinnen befreit hätten: Die Meldung stellte sich jedoch alsbald als falsche Propaganda heraus.

Mit militärischen Mitteln nicht zu besiegen

Vielleicht kann Popu Yaga froh sein, dass die Militärs nicht eingegriffen haben: Sie hätten womöglich ein Blutbad angerichtet. Wenn sie aktiv werden, pflegen die Sicherheitskräfte bei ihrer Jagd auf die Sektenmitglieder mit äusserster Brutalität vorzugehen: Sie bombardieren ganze Regionen aus der Luft, zünden Dörfer an oder lassen Festgenommene für immer verschwinden. Auf diese Weise treiben sie den Extremisten immer mehr Jugendliche in die Arme, die vom Verhalten der Staatsmacht angewidert sind.

Anfang dieses Jahres hatte Nigerias Präsident Goodluck Jonathan noch vollmundig behauptet, Boko Haram sei ein «temporäres Phänomen», das bald aus der Welt geschafft werde: Doch vier Monate später wüten die Extremisten verheerend wie nie zuvor. Vor dem Überfall auf das Internat wurden im Bundesstaat Borno mehrere Dörfer und Schulen angegriffen – in der Hauptstadt Abuja gingen am selben Tag zwei von Boko Haram lancierte Bomben hoch. Mehr als 70 Menschen starben, weit über hundert wurden verletzt: Allein in diesem Jahr fielen 1500 Nigerianer dem Morden der Islamisten zum Opfer.

Selbst der ehemalige Armeechef, General Martin Luther Agwai, weiss: Mit militärischen Mitteln ist das Phänomen Boko Haram nicht zu beseitigen. Die Sekte ist dermassen tief in den Missständen des nigerianischen Nordens verwurzelt, dass sie nur gemeinsam mit diesen aus der Welt geschafft werden kann, pflichtet die Internationale Krisengruppe in Brüssel bei: Jahrzehnte von Armut, Marginalisierung und korrupter Regierungsführung liessen sich nicht mit Gewalt und Gewehren begegnen.

Boko Haram: «Westliche Erziehung ist Sünde»

Sektengründer Muhammed Jusuf wurde Ende der 1990er-Jahre mit seinen Strafpredigten gegen die zynische Gier der Herrschenden, die Vernachlässigung der Bevölkerung und den Verfall der Sitten populär. Ein Oppositionspolitiker spannte den zornigen Prediger vor seinen Wagen und versprach ihm Ministerposten und die Einführung einer strikten Form der Scharia, falls er ihm bei der Eroberung des Gouverneursitzes im Bundesstaat Borno helfen werde. Als Ali Modu Sheriff tatsächlich gewählt wurde, vergass er allerdings sein Versprechen.

Jusufs Sektenmitglieder, die sich eigentlich «Anhänger der wahren Lehre des Propheten und des Heiligen Kriegs» nennen, vom Volksmund wegen ihrer Kritik säkularer Schulbildung jedoch Boko Haram («westliche Erziehung ist Sünde») getauft wurden, sahen sich missbraucht: Bei den anschliessenden Unruhen in der Provinzhauptstadt Maiduguri wurden zahlreiche «Anhänger der wahren Lehre des Propheten» umgebracht und Jusuf gemeinsam mit zwei weiteren führenden Sektenmitgliedern verhaftet. Alle drei wurden von den Sicherheitskräften kurzerhand hingerichtet. Die Bestrafung der dafür verantwortlichen Offiziere ist noch heute eine Hauptforderung von Boko Haram, wenn es um Verhandlungen über einen Waffenstillstand geht. Doch davon redet derzeit keiner.

Kontakte zu al-Qaida und Al-Shabaab-Miliz

Nach der Exekution ihrer Führer verschwand die Sekte erst einmal im Untergrund – nur um wenige Jahre später wesentlich gewalttätiger wieder in Erscheinung zu treten. Die Führung hatte inzwischen Abubakar Shekau übernommen – ein kaltblütiger Heiliger Krieger mit Kontakten zu al-Qaida. Boko Haram soll inzwischen auch Verbindungen zur somalischen Al-Shabaab-Miliz und Terrorgruppen in der Sahara unterhalten. Doch nach wie vor ist das Ziel der Sekte ein nationales: Die Etablierung eines strikten Gottesstaats in Nordnigeria.

Die grosse Mehrheit der dort beheimateten Muslime ist mit den Methoden der Heiligen Krieger nicht einverstanden – doch deren Unzufriedenheit mit dem Status quo teilen sie. Während der erdölreiche Süden Nigerias boomt und die Wirtschaftsmetropole Lagos immer neue Investoren anzieht, fällt der Norden mehr und mehr zurück: Dort sind die Menschen inzwischen ärmer als bei der Unabhängigkeit vor über einem halben Jahrhundert. Zur zusätzlichen Verbitterung der Nordnigerianer wird das Land auch noch von einem Südlicht regiert: Goodluck Jonathan setzte sich über eine ungeschriebene Vereinbarung hinweg, wonach die Präsidentschaft alle acht Jahre zwischen einem Nord- und Südnigerianer wechseln sollte.

Biafra-Krieg-Szenario ist durchaus möglich

Zumindest theoretisch scheint der christliche Staatschef den Frust des muslimischen Nordens zu verstehen. Bei einer Revision seiner Sicherheitspolitik im März kündigte sein Berater einen neuen, «weicheren» Umgang mit den Gotteskriegern an – und Jonathan selbst Hilfsprogramme für die Entwicklung des Nordens. Dass er es damit ernst meint, nimmt ihm allerdings kaum jemand ab: Vor allem, weil im kommenden Jahr Wahlen stattfinden, die Jonathan wieder gewinnen will. Da er ohnehin fast ausschliesslich mit Stimmen aus dem Süden rechnen kann, kann ihm der Norden egal sein – im Gegenteil, die dortige Krise, die womöglich sogar eine Abstimmung ausschliesst, kommt ihm sogar eher gelegen.

Falls der Südländer tatsächlich so kalkuliert, setzt er damit allerdings das Schicksal des bevölkerungsreichsten afrikanischen Staats aufs Spiel: Nigeria brach schon einmal – im Biafra-Krieg – unter Strömen von Blut um ein Haar auseinander. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.04.2014, 18:50 Uhr

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