Interview

«Verrückte, die etwas Verrücktes sagen, nehmen wir ernst»

Iran, die Palästina-Frage, der Syrienkonflikt: Israel müsse dafür sorgen, dass es nicht in den Strudel gezogen wird, sagt die unabhängige Knesset-Abgeordnete Einat Wilf. Bedrohungen habe man im Griff.

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Frau Wilf, beim Nachbarn Syrien herrscht Bürgerkrieg, beim Nachbarn Ägypten sind radikale Islamisten im Sinai aktiv, im Gaza erhält die Hamas hohen Besuch vom Emir von Katar und feuert 79 Raketen nach Israel. Mittendrin, wie fühlen Sie sich?
Wie ich mich fühle? Nun, wir müssen unbedingt dafür sorgen, dass wir aus all dem draussen bleiben und es uns nicht in den Strudel hineinzieht. Lassen Sie mich ein anderes Bild benutzen, da ich mit einem Schweizer Medium spreche: In Anbetracht dessen, was um uns herum passiert, müssen wir uns wie die Schweiz benehmen, wie ein neutraler Bunker. Wir sollten uns aus den ganzen religiösen und ethnischen Spannungen in der Region heraushalten und gar nicht erst versuchen, für eine Seite Partei zu ergreifen. Und wir sollten uns auch militärisch schützen, um sicherzugehen, dass keiner dieser Konflikte zu uns rüberschwappt.

Zurzeit führt die israelische Armee mit US-Truppen die grösste gemeinsame Truppenübung seit dem Beginn gemeinsamer Kriegsspiele durch. In der Austere Challenge 2012 werden verschiedene Bedrohungsszenarien für Israel simuliert. Wovor fürchten Sie sich am meisten?
In unserer Region haben vor allem die arabischen Länder mit Problemen zu kämpfen. Wir müssen sicherstellen, dass diese Probleme nicht in unser Land exportiert werden. Es gibt zurzeit nicht eine bestimmte Bedrohung. Kein bestimmtes Land, das heraussticht. Es geht wirklich vielmehr darum, die Unruhen von uns fernzuhalten.

Premierminister Benjamin Netanyahu nutzt aber jede sich bietende Gelegenheit, um das Gespenst eines nuklear aufgerüsteten Irans zu malen, ein Szenario, das sogar US-Nachrichtendienste nicht für wahrscheinlich halten. Was sagen Sie dazu?
Erstens haben wir in unserer jüdischen und israelischen Geschichte gelernt, dass wenn verrückte Leute etwas Verrücktes sagen, wir sie ernst nehmen. Ja, ich weiss, es gibt viele, die sagen, wir würden die iranischen Äusserungen falsch verstehen und es sei nicht so gemeint, aber wir können kein Risiko eingehen. Better safe than sorry, lieber auf der sicheren Seite. Wir sind in den Augen der iranischen Machthaber der Hauptfeind. Was, wenn sie dann auch die Mittel haben, um das auszuführen, was sie sagen? Selbst wenn die Wahrscheinlichkeit dafür nur ein Prozent betragen sollte, dürfen wir keinesfalls ein Risiko eingehen. Kommt hinzu, dass der Iran schon Terrorismus gesponsert hat und regionale Hegemonie sucht. Es gibt leider keinerlei Hinweise, dass sich das Land in einer sehr volatilen Region verantwortlich benehmen könnte.

Bei allem Verständnis für Ihre Sicherheitsbedenken, ist es für Netanyahu nicht einfach eine Strategie, um vom eigentlichen Problem, dem Konflikt mit den Palästinensern abzulenken? Anders als ein atomar aufgerüsteter Iran ist die Palästinenserfrage real.
Nun, das Ausmass der Bedrohung kann man nicht vergleichen. Raketen aus Gaza sind nicht gut und die Leute leiden darunter. Aber sie werden nicht unsere Zukunft bedrohen. Wir haben eine starke Armee, es ist ein Konflikt, den wir im Griff haben. Nichts, was Israel existenziell bedroht. Eine nukleare Waffe in den Händen von denen, die verrückte Dinge sagen, dagegen schon. Der Premierminister tut gut daran, auf die grössere Bedrohung zu fokussieren.

Die ungelöste Palästinenserfrage gibt aber vor allem Islamisten Auftrieb. Man wird den Eindruck nicht los, dass Netanyahu zu keinem Zugeständnis bereit ist. Statt die Siedlungstätigkeit für Gespräche auszusetzen, treibt er sie sogar voran. Eine Zweistaatenlösung wird immer illusorischer.
Die arabische Welt, ob islamisch oder nicht, hat Israel stets als Entschuldigung benutzt, um ihre eigenen Probleme nicht zu lösen. Analphabetismus, Armut, Diktatur, Fundamentalismus, religiöse Spannungen, all das hat nichts mit Israel zu tun. Was stimmt, ist, dass ein Frieden in weiter Ferne liegt. Die Palästinenserfrage war stets ein Derivat des grösseren Konflikts in der arabischen Welt. Die arabische Welt geht nicht in eine Richtung, die uns Hoffnungen auf Frieden macht. In 20, 30 Jahren, wenn eine Demokratisierung stattgefunden hat, sieht es vielleicht besser aus.

Und was passiert inzwischen mit Israel und Palästina?
Zurzeit geht es darum, dass beide Seite möglichst sicher leben können und möglichst würdevoll. Dass beide Seiten eine stabile Wirtschaft haben können. Das ist zurzeit das Maximum, was erreicht werden kann.

Mit dem Besuch des Emirs von Katar am Mittwoch erhält nun ausgerechnet die Hamas Unterstützung von einem Land, dessen Beziehungen zu Israel intakt sind. Wie werten Sie das?
Es zeigt, dass der, sagen wir mal, Kleinstaat Gaza für alle möglichen Zwecke herhalten muss. Katar scheint einen Transformationsprozess auslösen zu wollen, indem es Gaza finanziell unterstützt. Ich hoffe, sie fokussieren nun auch eher darauf, ihre Wirtschaft zu stärken, statt Israel mit Raketen zu beschiessen. Es zeigt auch, dass Gaza in die arabische Welt integriert wird, natürlich als Teil der regionalen Geschichte. Da sind der Iran, die Türkei, Katar und bis zu einem bestimmten Grad auch Ägypten, die regionale Hegemoniespiele spielen. Gaza ist ein Teil davon. Mit uns hat das nichts zu tun.

Doch sobald Israel sich bedroht fühlt, hat es dann plötzlich doch etwas mit Israel zu tun.
Ja, aber wie gesagt, das ist etwas, was wir im Griff haben. Es bedroht uns nicht existenziell. Am Ende des Tages müssen die Araber in Gaza ihre Zukunft gestalten, und ich hoffe, der Emir von Katar hilft ihnen dabei.

Der Besuch des Emirs von Katar wird als Zeichen des wachsenden Einflusses der Muslimbrüder gesehen. Der arabische Frühling hat vor allem Islamisten an die Macht gebracht, unter anderem beim wichtigen Verbündeten Ägypten. Trotz dieser Entwicklung, plötzlich malt kaum einer noch das Schreckgespenst Islamismus an die Wand. Können Sie sich diesen Gesinnungswandel erklären?
Ich denke nicht, dass wir jemals gesagt haben, die Islamisten seien ein Schreckgespenst. Wir sagten lediglich: Dass ein liberaler, westlicher Hoffnungsträger an die Macht kommt, wird nicht passieren. Die Islamisten sind die stärkste Kraft, sie werden gewinnen, das war das, was unser Premierminister sagte. Die Hoffnung, dass die Facebook-Revolutionäre an die Macht kommen könnten, hat sich, wie nicht anders erwartet, als kindliche Illusion herausgestellt. Natürlich finde ich es als Frau nicht gut, dass die Islamisten an der Macht sind. Unter ihnen gibt es keinen Fortschritt. Aber Islamisten sind auch berechnend, und es liegt nicht in ihrem Interesse, sich mit Israel anzulegen. Sie haben mit riesigen heimischen Problemen zu kämpfen, der Tourismus krankt, die Wirtschaft liegt am Boden.

Im Inland hat Israel auch Probleme. Tausende haben gegen zu hohe Lebenskosten demonstriert.
Ja, natürlich hat Israel das Problem hoher Lebenskosten bei tiefen Löhnen und einige Sektoren der Wirtschaft, die nicht so gut laufen. Die Diskussion, wie wir unsere Wirtschaft restrukturieren können, laufen. Wie überall auf der Welt. Die Proteste in Israel waren die grössten weltweit, ich denke, nirgends könnten bis zu einer halben Million Menschen derart friedlich für ihr Anliegen kämpfen.

Die Knesset, das israelische Parlament, hat sich kürzlich selber aufgelöst, am 22. Januar 2013 sind Neuwahlen. Was erwarten Sie?
Auf der Agenda stehen etliche Inlandfragen: Infrastruktur, die Verteilung von Wohlstand, die Wirtschaft. Trotz aller Aufregung in der Region, Israel war in den letzten Jahren ruhig und stabil. Darum fokussieren wir auf Inlandfragen. Natürlich wird Sicherheit auch ein Thema sein, und die Leute werden Anführer wollen, die ihnen die Sicherheit geben.

Benjamin Netanyahu dürfte laut Prognosen als Sieger aus den Wahlen hervorgehen.
Es sieht so aus, aber Wahlen sind nicht vorbei, bevor sie vorbei sind.

Erstellt: 25.10.2012, 16:31 Uhr

«Wir haben eine starke Armee, es ist ein Konflikt, den wir im Griff haben»: Einat Wilf.

Die Politikerin

Einat Wilf, 41, ist Knesset-Abgeordnete für die Unabhängigen, die Partei des Verteidigungsministers Ehud Barak. Wilf ist Mitglied des Komitees Auswärtige Angelegenheiten und Verteidigung.

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