Porträt

Von der Coiffeuse zur Diktatorin

Leila Trabelsi, die Frau des gestürzten tunesischen Staatschefs Zine al-Abidine Ben Ali, hat sich ihre Männer stets mit Bedacht ausgewählt. Von ihrem Streben nach Macht profitierte ihr ganzer Clan.

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Die gestürzte First Lady Tunesiens gab sich gerne als Wohltäterin, dabei kannte ihr Machthunger und ihre Geldgier kaum Grenzen. Leila Ben Ali, geborene Trabelsi, ist die meistgehasste Frau Tunesiens. «Sie hat das Land zum Profit ihrer Familie geplündert», schreibt die französische Liberation.fr. «Dass der Name Trabelsi so heftig ausgebuht wurde, liegt daran, dass Tunesien lange die kleine und sehr fruchtbare Unternehmung des Clans von Leila Trabelsi war», schreibt Lefigaro.fr.

Wer ist Leila Trabelsi? «Das leichte Mädchen, sprich die ehemalige Prostituierte, wie es die tunesische Bourgeoisie kolportiert?», fragt die tunesische Blogsite Nawaat.org, «oder ist sie die junge, unabhängige und ehrgeizige Frau, deren amouröse Episoden einen fulminanten sozialen Aufstieg ermöglichten?» Leila Trabelsi kam 1957 in ärmlichen Verhältnissen in Tunis zur Welt. Sie wuchs bei ihren Eltern und ihren zehn Brüdern auf, wurde irgendwann Coiffeuse, führte den Salon Donna, in dem die Frauen der Oberschicht von Tunis sich für Hochzeiten und sonstige Feiern frisieren liessen. Es scheint ihren Machthunger geweckt zu haben.

Ben Ali liess seinen Rivalen verhaften

Sie heiratete früh, liess sich drei Jahre später scheiden und verführte General Ben Ali, der damals verheiratet und Sicherheitschef der Regierung von Habib Bourguiba war. Gleichzeitig soll Leila Trabelsi eine amouröse Liaison mit dem damaligen Staatssekretär unterhalten haben. Nachdem er 1987 Bourguiba wegen Senilität entmachtet hatte und zum Präsidenten gewählt worden war, bat Ben Ali seinen Rivalen, die Beziehung mit Trabelsi zu beenden. Weil der sich nicht von Leila trennen wollte, liess Ben Ali 1990 die beiden verhaften und wegen «Spionagetätigkeit für Israel» verurteilen. Der Rivale wanderte zwei Jahre ins Gefängnis.

Ben Ali liess sich scheiden und ehelichte 1992 Leila Trabelsi. Kaum war sie offiziell First Lady, begann sie die Clans, welche ihren Mann umgaben, zu bekämpfen und den Weg für ihren eigenen Clan zu ebnen. Die Trabelsi rissen in den folgenden Jahren die Filetstücke der tunesischen Wirtschaft an sich. Wer sich ihnen in den Weg stellte, wurde diffamiert, verlor seinen Posten und riskierte festgenommen zu werden.

Eine schrecklich nette Familie

«Die erweiterte Familie von Ben Ali wird oft als Zentrum der tunesischen Korruption erwähnt», steht in einer Depesche der US-Botschaft in Tunis vom Juni 2008. Im Papier wird von einer «Quasi-Mafia» gesprochen. Es genüge, «die Familie» zu erwähnen, dann wisse jeder Tunesier, wer damit gemeint sei. «Offenbar ist die Hälfte der tunesischen Wirtschaftselite mit Ben Ali verwandt.»

Leila Trabelsis Clan wecke bei den Tunesiern den grössten Zorn. Der Clan sei korrupt, ungebildet, ungehobelt und masslos. Das berüchtigtste Clan-Mitglied sei Leilas Bruder Belhassen Trabelsi. Korruption, Bestechung, Enteignung, all dies werde Belhassen Trabelsi vorgeworfen. «Belhassen Trabelsi besitzt Anteile an einer Airline, etlichen Hotels, einer privaten Radiostation, Immobilien und etliches mehr», steht in der von Wikileaks veröffentlichten Depesche.

Neffe klaute Yacht eines guten Freundes von Sarkozy

Wichtige Akteure seien auch Leilas Bruder Moncef und ihre Neffen Imed und Moaz Trabelsi. 2006 hatten Imed und Moaz Trabelsi die Luxusyacht des französischen Geschäftsmannes Bruno Roger, einem Freund von Nicolas Sarkozy, gestohlen. Die Drahtzieher flogen auf, als die Yacht frisch gestrichen im Hafen Sidi Bou Said auftauchte. Die bilateralen Beziehungen zwischen Frankreich und Tunesien entspannten sich erst wieder, als die Yacht ihrem Besitzer zurückgegeben wurde. Imed, der Lieblingsneffe der First Lady, wurde am 15. Januar 2011 von einem seiner Leibwächter erstochen.

Leila Trabelsi soll nach Angaben von Lemonde.fr bei ihrer Flucht 1,5 Tonnen Gold im Wert von 45 Millionen Euro ausser Landes geschafft haben. Entgegen ersten Angaben habe Trabelsi das Gold nicht am 14. Januar, sondern schon im Dezember 2010 ausgeflogen, zitiert Dna-algerie.com einen französischen Geheimdienstler. Das Gold, spekuliert die Quelle, würde sich heute in der Schweiz befinden.

Erstellt: 19.01.2011, 06:03 Uhr

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