Von der Landkarte verschwunden

Die Islamistengruppe Boko Haram habe im Nordosten Nigerias schwere Verbrechen begangen, schreiben Menschenrechtsorganisationen. Sie stützen sich auf Satellitenbilder.

Fast alle Gebäude Doron Bagas sind zerstört. Die rote Farbe markiert die übrig gebliebene Vegetation. Foto: Keystone

Fast alle Gebäude Doron Bagas sind zerstört. Die rote Farbe markiert die übrig gebliebene Vegetation. Foto: Keystone

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Satellitenaufnahmen haben bereits vor Tagen geäusserte Befürchtungen bestätigt, wonach Mitglieder der militanten islamistischen Boko-Haram-Sekte die nordostnigerianische Stadt Baga praktisch dem Erdboden gleichmachten. Während einer mehrtägigen Angriffswelle Anfang Monat haben die Terroristen vermutlich Hunderte Menschen getötet. Zu diesem Schluss kamen die Menschenrechtsorganisationen Am­nesty ­International (AI) und Human Rights Watch (HRW), nachdem sie Satellitenaufnahmen ausgewertet hatten. Die Bilder zeigten «Zerstörungen von katastrophalem Ausmass» in den beiden Nachbarstädten Baga und Doron Baga, wobei Letztere «praktisch von der Landkarte ausradiert» worden sei, so der nigerianische AI-Sprecher Daniel Eyre.

Die Organisationen widersprechen damit dem nigerianischen Militär, wonach zwischen dem 3. und dem 7. Januar «höchstens 150 Menschen» – einschliesslich der getöteten Boko-Haram-Kämpfer – ums Leben gekommen seien. Dies sei eine «grobe Untertreibung», erwiderte AI-Direktor Adotei Akwei am Donnerstag: Die «unmissverständlichen» und «schockierenden» Satellitenaufnahmen sprächen eine andere Sprache.

Beim Vergleich der Bilder von vor und nach den Angriffen ist nach AI-Angaben festzustellen, dass beim Überfall auf die Garnisonsstadt Doron Baga mehr als 3100 Gebäude, 57 Prozent der vier Quadratkilometer grossen Stadt, vor allem durch Feuer zerstört worden seien. Wohingegen in der nur wenige Kilometer entfernten Stadt Baga offenbar 620 Häuser und Hütten, rund 11 Prozent der Stadt, vernichtet wurden. Damit handle es sich beim Überfall um den «grössten und verheerendsten Angriff» der Sekte seit deren sechsjährigem Kampf, urteilt AI. Auch Schulen und Spitäler seien betroffen.

Weitere Mädchen verschleppt

Schwieriger ist, die Zahl der Todesopfer zu ermitteln. Diese sind auf den Satellitenbildern nicht erkennbar. Da die Region weiterhin von der Sekte beherrscht wird und selbst telefonisch von der Aussenwelt abgeschnitten ist, sind die unabhängigen Organisationen auf die Aus­sagen von Flüchtlingen angewiesen, die übereinstimmend von «Hunderten von Toten» sprachen, allerdings keine genaueren Angaben machen konnten. «Sie haben sehr viele Menschen umgebracht», zitiert Amnesty International einen 50-jährigen Flüchtling: «Ich habe in Baga mindestens hundert Tote gesehen. Und als ich in den Busch rannte, ging das Morden weiter. Ich stolperte über zahlreiche Leichen.» Die Sektenmitglieder hätten auch Frauen und Kinder umgebracht, fügte ein anderer Zeuge hinzu. Er habe sogar eine gebärende Frau gesehen, die während der Geburt von Boko-Haram-Kämpfern erschossen worden sei.

Angeblich nahmen die Extremisten auch Gefangene. Mindestens 300 ältere Frauen, Mütter und Kinder seien über vier Tage lang in einer Schule in Baga festgehalten worden, berichtete eine Überlebende. Während ältere Frauen und Kleinkinder schliesslich freigelassen worden seien, hätten die Sektenmitglieder die jungen Mädchen behalten. Tausende Einwohner Bagas sind offenbar auch über den Tschad-See in Richtung Tschad geflohen, wobei mehrere der überfüllten Boote auf der Flucht gekentert sein sollen. Heute ist Baga mit seinen einst über 10'000 Bewohnern so gut wie menschenleer. Die dort verschanzten Boko-Haram-Kämpfer bereiten sich auf einen Gegenangriff der nigerianischen Armee vor.

Ortskundige erklären sich das brutale Vorgehen der Sektenmitglieder gegen die Zivilbevölkerung mit der Bildung ­lokaler Selbstverteidigungs-Milizen, der sogenannten Civilian Joint Taskforce (CJTF), die sich angesichts der Hilflosigkeit des Militärs inzwischen in zahlreichen Städten und Gemeinden der Unruheregion formiert haben. Nur schlecht ausgerüstet, versuchen sie, die Bevölkerung vor den Angriffen der schwer bewaffneten Extremisten zu schützen, und werden dabei oft selbst zur Zielscheibe. Um der Spirale der Gewalt entgegenzuwirken, rief der ehemalige UNO-Generalsekretär Kofi Annan Nigerias Regierung am Donnerstag zu Gesprächen mit der Sekte auf. Die Politiker sollten sich schleunigst um eine Kontaktaufnahme mit Boko Haram bemühen.

Erstellt: 15.01.2015, 20:45 Uhr

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