Wahlen wie in den alten Zeiten

Der ehemalige Armeechef Abdel Fattah al-Sisi steht schon lange als Sieger der ägyptischen Präsidentenwahl fest. Deshalb blieben viele Ägypter den Urnen fern. Damit machen sie sich verdächtig.

Wie in den alten Zeiten: Wahllokal in Kairo. Foto: Nariman El-Mofty (Reuters)

Wie in den alten Zeiten: Wahllokal in Kairo. Foto: Nariman El-Mofty (Reuters)

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Für Wahlen wie diese gilt eine Regel, die Menschen ohne Diktaturerfahrung, also etwa protestwählende, parteienmüde, demokratieübersättigte Europäer, nur schwer verstehen. Es ist das Gesetz der falschen Seite. Bei einer Wahl wie jener in Ägypten nämlich – der siebten in drei Jahren –, gibt es eine richtige Seite und eine falsche. Die Richtige, das ist jene von Ex-Armeechef Abdel Fattah al-Sisi, der seit dem Sturz des Islamisten-Präsidenten Mursi im vergangenen Sommer faktisch regiert und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Ägyptens nächster Präsident wird.

Zur falschen gehören eigentlich alle anderen, die Wähler seines chancenlosen Rivalen Hamdin Sabbahi, die Nichtwähler, die Boykottierer, die sich ihrer vaterländischen Pflicht verweigern. Wer auf der richtigen Seite steht – oder wenigstens so tut –, muss erst mal nichts befürchten. Die anderen aber sind verdächtig. Vielleicht führen sie etwas im Schilde, vielleicht paktieren sie mit den Feinden Ägyptens. Es ist eine Provokation, auf der falschen Seite zu sein.

Sisi ist omnipräsent

Einige glückliche Monate lang, nach dem Sturz von Präsident Hosni Mubarak vor drei Jahren, war dieses Gesetz ausser Kraft. Die Menschen wählten, wen sie wollten, und sagten, was sie dachten. Mit der aktuellen Präsidentschaftswahl aber hat Ägypten in den Modus der gelenkten Meinungsbildung zurückgefunden. Und das sieht so aus: Imbaba, das zentrumsnahe Armenviertel, ist voll wie immer. Kinder mit Greisengesichtern waschen Autos. In den Koschari-Lokalen kriechen handtellergrosse Kakerlaken die Leitung der Klimaanlage entlang. Auch hier, wo sonst fast täglich Proteste gegen Sisi und die Regierung und für die gestürzten Muslimbrüder ablaufen, wurden Sisi-Plakate gehisst. Aus Lautsprechern plärren armeefreundliche Schlager oder Sisi-Huldigungen. Händler verkaufen Plastikhüte in den Nationalfarben. Müllberge, ungepflasterte Strassen, sehr grosse Hitze.

In zwei Schulen geben ihre Stimme ab: Ahmed Abdin, ein Buchhalter in einer Bank, und Fatma Mohammed, die in einem Computerladen arbeitet. Sisi ist die beste Wahl, sagt Ahmed, er wird das Land nach vorn bringen, vor allem wirtschaftlich. Wie? Wo er nicht mal ein präzises Wahlprogramm vorgelegt hat? «Er kommt aus dem Militär. Er kennt Ägypten», schwört Ahmed. Und dass drei Jahre nach dem Ende der 60-jährigen Militärherrschaft wieder ein Ex-Soldat regiert? «Wir haben Mubarak ja nicht gestürzt, weil er aus dem Militär kam, sondern weil er schlecht regierte», sagt Ahmed. Und Fatma, in der Schule nebenan, bekräftigt: «Wir haben nichts gegen das Militär. Die Armee, das sind unsere Brüder, unsere Familie. Und Sisi ist einer von uns.»

Die Angst ist zurück

Eine Rundfrage im Kaffeehaus: Alle befürworten Sisi. Diejenigen, die ihn noch nicht gewählt haben, wollen dies auf jeden Fall noch tun. Ein Alter verkauft Glühbirnen, er hat sich an einer Laufhilfe ins Wahllokal geschleppt. Ein junger Mann mit Bart, eigentlich klassische Islamisten-Klientel, gesteht überwältigt, er habe nicht wählen wollen, sei dann aber von der Strasse weg magisch ins Wahllokal gezogen worden. Um dort Sisi zu wählen. Aber natürlich habe auch er Sisi gewählt, sagt ein Markthändler. So wie alle. Wäre es möglich, etwas anderes zu sagen? «Nicht heute. Die Menschen haben Angst.»

Der Widerstand kocht in einer Seitenstrasse in der kleinen Backstube von Aiman Amin, bärtiger Philosophiestudent mit Mehl auf dem rosa Hemd, vor sich Bleche duftender Brote. «Sisi ist ein Mörder, er hat so viele Menschen auf dem Gewissen», wettert er. «Seine Gegner sind vielleicht in der Minderheit, aber sie haben die Legitimität auf ihrer Seite, weil Präsident Mursi weggeputscht wurde.» Da mischen sich die Kunden des Kaffees gegenüber ein: «Hör bloss auf!», brüllen sie herüber, «als Mursi an die Macht kam, hast du deine Brote umsonst verteilt, und als wir ihn abgesetzt haben, waren sie plötzlich doppelt so teuer!» In Pakistan sei der Bäcker gewesen, ­verkünden sie, eigentlich ist er also ein Terrorist, anders als die Kaffeehauskunden, die, natürlich, alle Sisi gewählt ­haben. Es ist ein routinierter, gut gelaunter Schlagabtausch, aber er zeigt die Fronten: hier hysterischer Zwangs­optimismus, dort opferfreudige Realitätsverweigerung.

Dabei bleiben ja nicht nur die Islamisten fern: Er sehe gar nicht ein, warum er mit seiner Stimme den Anschein von ­Demokratie erwecken solle, stichelt ­Aiman Abdul hinter den bunten Wänden seines T-Shirt-Standes, und sein Vater sei überhaupt noch nie zur Wahl gegangen und müsse sich deshalb auch nicht um­gewöhnen.

Was geschieht, wenn er doch scheitert?

Am Montag gingen vor allem viele Frauen wählen, von Sisi sanftzüngig umgarnt. Allzu viele kamen wohl trotzdem nicht, vor allem die Jugend fehlte, sodass die Regierung am darauffolgenden Dienstag einen freien Tag für alle Beamten verkündete. U-Bahn-Passagiere durften umsonst fahren, Hauptsache, sie gingen wählen, hiess es auf Twitter. Militärlautsprecher, Fernsehen, Moscheen, Würdenträger und Politiker drängten die Menschen zu den Urnen, die am zweiten Wahltag extra eine Stunde länger zugänglich waren, bis Dienstagabend um zehn. Vorbeugend erklärte die Regierung am Mittag, die grosse Hitze und das Fasten vor dem Ramadan habe die Ägypter von den Urnen ferngehalten.

An Sisis Sieg wird dies nichts ändern, und am heutigen Mittwoch könnten erste Zahlen bekannt werden. Wie genau er das Land aus der Krise zaubern will, wissen seine Anhänger auch nicht. Vor allem will sich niemand ausmalen, was geschieht, wenn er scheitert.

Erstellt: 28.05.2014, 07:09 Uhr

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