Was es für «Papa Hollande» zu verteidigen gilt

Nebst der Stabilisierung der politischen Lage in Nordafrika geht es bei der französischen Intervention in Mali auch um handfeste wirtschaftliche Interessen. Eine Übersicht zeigt, wie abhängig das Land von Uran ist.

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François Hollande war als Politiker bei vielen grossen und bewegenden Ereignissen dabei. Doch der französische Staatschef ist sich nach seinem Besuch in Mali sicher: «Ich habe gerade den wichtigsten Tag meines politischen Lebens erlebt.» Vor drei Wochen hatte der Präsident zur Überraschung vieler entschieden, die frühere Kolonialmacht Frankreich auf Bitten Malis in den Kampf gegen die islamistischen Aufständischen ziehen zu lassen. Die Extremisten zogen sich daraufhin in das Grenzgebiet zu Algerien zurück und Hollande wurde in Mali als «Retter» gefeiert.

Die Malier feierten ihren «Papa Hollande». «Er ist der Vater aller Malier. Der Vater aller Bewohner der Sahelzone. Der Vater ganz Afrikas», sagte Übergangspräsident Dioncounda Traoré in einer Rede vor rund tausend begeisterten Zuhörern auf dem Unabhängigkeitsplatz in Bamako. Noch drastischer drückte es eine Frau in der Stadt Timbuktu aus, die zehn Monate lang unter der Herrschaft der Islamisten gelebt hat. «Danke François Hollande, du hast uns aus der Hölle geholt», sagte sie dem Radiosender France Info.

Frankreich verteidigt «Krieg gegen Terrorismus»

Für grosse Teile der malischen Bevölkerung ist die französische Intervention mit einer Befreiung gleichzusetzen. Dennoch wird Frankreich wegen seines Militäreinsatzes in Mali häufig vorgehalten, es gehe dabei im Grunde um handfeste wirtschaftliche Interessen. Paris bestreitet dies, verteidigt seinen «Krieg gegen den Terrorismus» aber mit dem Hinweis, dass die Islamisten in Mali eine Gefahr für die Stabilität der gesamten Region seien. Vor allem das Nachbarland Niger ist für Frankreich wegen seiner Uranvorkommen von strategischer Bedeutung. Aber auch in Algerien oder Libyen, wo es regelmässig Attacken von Islamisten gibt, stehen westliche Wirtschaftsinteressen auf dem Spiel.

Mali: In dem Land, in dem mehr als die Hälfte der Bevölkerung unter der Armutsgrenze lebt, werden Bodenschätze vor allem im Norden vermutet. Abgebaut wird bisher nur Gold, weltweit belegt das Land hier den 18. Rang. Doch in der Region zwischen den bisherigen Islamistenhochburgen Kidal und Gao gibt es auch Uran. «Es handelt sich um eine ähnliche geologische Formation wie die, die im benachbarten Niger die Uranminen des französischen Atomkonzerns Areva beherbergt», sagte die Afrikaexpertin Gaelle Aerson vor einiger Zeit dem Deutschlandfunk. Erdöl- und Erdgas-Projekte wurden laut Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) inzwischen wieder eingestellt.

Niger: Das Land stand 2011 bei der Uranproduktion weltweit an vierter Stelle, wie aus der «Energiestudie 2012» der Deutschen Rohstoffagentur hervorgeht. Frankreich, der grösste Atomstromproduzent Europas, ist von dem Rohstoff abhängig. Und auch für die französischen Atomwaffen ist Uran unerlässlich. Nach Kasachstan ist Niger für Frankreich das zweitwichtigste Land, um seinen Uranbedarf zu decken. Deutschland und die Schweiz wiederum decken einen guten Teil ihres Uranbedarfs aus Frankreich.

In Niger baut der staatliche französische Atomkonzern Areva, 2011 der zweitgrösste Uranproduzent weltweit, seit 40 Jahren Uran ab. Ende 2014 will Areva dort eine dritte Mine eröffnen, die nach Unternehmensangaben zur zweitgrössten weltweit werden soll. Derzeit sind vier Franzosen, die bei der Uranmine Arlit im Norden des Landes im September 2010 entführt wurden, nach wie vor Geiseln von al-Qaida in Nordafrika (Aqmi). Neuerdings sichern auch Spezialkräfte der französischen Armee diese Areva-Anlagen. Mit den Minen machte Areva 2011 einen Umsatz von 1,3 Milliarden Euro.

Darüber hinaus gibt es in Niger auch Erdöl, das von einer chinesischen Firma gefördert wird. China ist dort auch im Uranabbau aktiv.

Algerien: Das nördliche Nachbarland Malis, in dem im Januar ein islamistisches Kommando Hunderte Menschen in einer Gasanlage als Geiseln nahm, gehört für die deutsche Wirtschaft zu den zehn wichtigsten Ländern Afrikas für Raffinerieproduktion. Zwar liegen bei der Erdölproduktion weltweit andere Länder wie Saudiarabien weit vor Algerien. Doch für das nordafrikanische Land macht der Export von Erdöl, Erdgas und Raffinerieprodukten laut Auswärtigem Amt rund 98 Prozent seiner Deviseneinnahmen aus. Zudem verläuft von dort aus eine wichtige Pipeline zur Versorgung Südeuropas mit Erdgas.

Der Angriff der Islamisten auf das Gasfeld von In Amenas in Südalgerien wurde denn auch als Attacke auf die vitalen Interessen und als Versuch einer Destabilisierung Algeriens angesehen.

Libyen: Ähnlich ist die Lage in Libyen. Auch dort machen Energieexporte fast den gesamten Erlös im Aussenhandel aus. Nach dem Umsturz im Jahr 2011 hat sich laut einem Bericht der deutschen Gesellschaft für Aussenwirtschaft die Erdölproduktion Anfang 2012 wieder weitgehend normalisiert. Die Produktion von Erdöl und Erdgas soll künftig deutlich ausgeweitet werden. Rund 40 Prozent der Landesfläche gelten demnach noch als unerforscht, es werden noch grosse Vorkommen in Libyen vermutet. Viele Grossprojekte stehen wegen der politischen Unsicherheit aber still.

Derzeit vergeht in Libyen kaum ein Tag ohne einen Anschlag oder Angriff von Islamisten, die oft mit Gruppen in Algerien, Mali oder Niger zusammenarbeiten.

(mrs/dapd, sda, afp)

Erstellt: 03.02.2013, 23:57 Uhr

Islamistenführer festgenommen

Im Norden Malis ist nach Angaben von Regierungsseite ein hochrangiger Islamistenführer festgenommen worden. Bei dem Festgenommenen handle es sich um die «Nummer drei» der Islamistengruppierung Ansar Dine, teilte ein Vertreter der malischen Sicherheitskräfte mit.

Der Festgenommene heisse Mohammed Mussa Ag Muhamed und sei «der, der das Abschneiden von Händen angeordnet» habe.

Französische Bombardements

Die französische Luftwaffe hat derweil nach eigenen Angaben mehrere Stellungen islamistischer Kämpfer im Norden von Mali bombardiert. Ziel der Angriffe in der Nacht zum Sonntag seien «logistische Lager und Ausbildungszentren» der bewaffneten Gruppen nördlich von Kidal und in der Region von Tessalit gewesen. (sda)

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