Was von Mosul übrig ist

Die einst schönste irakische Stadt liegt nach 1000 Tagen IS-Herrschaft in Trümmern. Wird sie je wieder ein Zuhause für die Bewohner sein?

Überall können Scharfschützen lauern: Irakische Polizisten patrouillieren in Mosul. (23. März 2017)

Überall können Scharfschützen lauern: Irakische Polizisten patrouillieren in Mosul. (23. März 2017) Bild: Youssef Boudlal/Reuters

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Frühling in Mosul. In dem kleinen Garten spriessen Klee, Gras und ein paar weisse Blumen. Am Himmel ballen sich dunkle Regenwolken. Ein Kampfheli­kopter donnert über die Köpfe der Menschen hinweg, schiesst vier Raketen ab, Rauchspuren ziehen in Richtung Front, inzwischen knapp zwei Kilometer von hier entfernt. Die Männer in den Trainingsanzügen lassen sich davon nicht stören. Sie stehen in dem kleinen Garten, dem einzigen grünen Fleck weit und breit, und schaufeln eine Grube, einen Meter lang, einen halben Meter breit und so tief, dass sie jetzt bis zur Hüfte darin stehen. Gleich ist das Grab fertig, für Nour, ein Mädchen, das keine zwei Jahre alt geworden ist. Auf der Strasse steht der verrostete Handkarren, darauf das Bündel mit dem Leichnam, eingewickelt in ein blaues Tuch.

Samir Younis war Nours Onkel, ein sanfter, gefasster Mann Anfang 50. Zur Beerdigung trägt er eine Hose mit Bügelfalte, schwarze Schuhe, Hemd und Pulli und eine schwarze Windjacke. Sein Schwager habe versucht, mit seiner Familie vor dem Islamischen Staat (IS) zu fliehen, erzählt er. «Es war gegen 10.30 Uhr am Samstag, dem 25. Februar.» Damals beherrschte noch die ­Terrormiliz das Viertel, aber die irakischen Truppen kamen näher. Alle hätten Angst gehabt, was mit ihnen geschehe, wenn die Kämpfe das Viertel ­erreichten. Deshalb flohen sie – so wie mehr als 220'000 Menschen auch, seit die Offensive auf Mosul am 19. Februar begonnen hatte.

Die Regierung hatte die Bewohner mit Flugblättern aufgefordert, in ihren Häusern zu bleiben. Aber der Schwager stieg ins Auto, er wollte nicht ins Kreuzfeuer geraten. Mit seiner Frau, der Schwester von Samir Younis, und den beiden Kindern rasten sie zusammen mit einer zweiten Familie den irakischen Truppen entgegen. Doch eine Mörsergranate des IS traf ihr Fahrzeug. Vier Wochen hat es gedauert, bis Younis an die Stelle gelangte, einen Kilometer von hier. So lange hatten Scharfschützen der Jihadisten die Strasse noch im Visier. Die Überreste von drei Menschen haben sie aus dem völlig verkohlten Metallhaufen gezogen: Nour, ihren zwei Monate alten Bruder und die Mutter. «Wir konnten sie nur identifizieren, weil das Nummernschild noch lesbar war», sagt Younis. Von den Männern fehlt jede Spur. Er hofft, sie im Jumhurija-Krankenhaus zu finden, wenn es befreit ist, wie er sagt. Denn als Befreiung sehen die Bewohner die Rückeroberung ihres Viertels trotz alledem.

Müll und Patronenhülsen

Samir Younis sagt, dass die Terrormilizionäre jeden getötet haben, wenn ihnen danach war. «Sie nahmen unsere Leute als menschliche Schutzschilde und unsere Häuser als Verstecke.» Immer wieder blickt er durch seine Brille auf den Boden, bevor er weiterreden kann. «Aber wir hatten auch Angst vor den Luftangriffen. Wir wussten nicht, vor wem wir uns mehr fürchten sollten.» Dann endlich, am 7. März, hat eine Antiterroreinheit der irakischen Regierung ihr Viertel Wadi al-Hajar im Südwesten von Mosul befreit.

In Wadi al-Hajar tragen viele der beigen und grauen zweistöckigen Häuser die Spuren des Kampfes. Einschusslöcher und die kreisförmigen Spritzer von Granateinschlägen sind zu sehen, von Bulldozern aufgeschobene Erdwälle blockieren die grösseren Strassen. Zwischendrin Häuser, zusammengestürzt, die Deckenplatten durchschlagen. Bombentreffer. Die Menschen sind zu Fuss unterwegs oder mit dem Fahrrad, stehen mit Plastikkanistern an einem Tankwagen für Wasser an. Auf den Strassen liegen Müll und Patronenhülsen.

Noch schlimmer ist die Zerstörung an der vierspurigen Strasse am Gasturbinenkraftwerk und am Bahndepot. Ein Gewirr aus verbogenem Stahl ragt hinter der Mauer hervor, das Gelände ist übersät mit Sprengfallen, die der IS gelegt hat. Die Strasse entlang der Ruinenlandschaft mit vielen ausgebrannten, russgeschwärzten Gebäuden führt nach Mosul al-Jadidah, Neu-Mosul. An diesem Tag ist kein Durchkommen zu der Stelle, gut einen Kilometer nördlich, an der ein ganzer Häuserblock eingestürzt ist. Zu gefährlich, sagt der Vizekommandant der Spezialeinheit, die für den ­Sektor zuständig ist. Vielleicht will er aber auch nicht, dass noch mehr Journalisten dorthin gelangen. Fotografen und ein Team der «New York Times» haben es am vergangenen Sonntag unter Einsatz ihres Lebens geschafft. Sie fanden nur noch graue Trümmer vor, umgestürzte Wände und auf dem Dach liegende Autowracks, die von der Wucht der Explosion durch die Luft geschleudert worden waren.

Vor knapp zwei Wochen muss sich hier eine Tragödie abgespielt haben, bei der mindestens 62 Menschen getötet wurden, wie das irakische Militär mitgeteilt hat. Ihre Körper haben überlebende Angehörige, Nachbarn und Retter in roten Overalls aus dem Trümmerhaufen ziehen können. Eine Woche lang war es zu gefährlich, mit der Bergung zu beginnen: Zu heftig waren die Kämpfe. Dann endlich konnte ein Radlader den Schutt beiseiteschieben. Dutzende Leichen­säcke aus blauem Plastik trugen die Helfer in eine angrenzende Garage. Immer wieder müssen die Rettungsarbeiten unterbrochen werden, weil die Gegend noch nicht sicher ist. Auch in Mosul al-Jadidah müssen die Toten provisorisch in den Gärten der Häuser verscharrt werden. Es sind nur 600 Meter zum Gebiet, das der IS noch kontrolliert.

Insgesamt könnten weit mehr als 200 Zivilisten ihr Leben verloren haben, sagen Verwandte der Opfer. Es ist bis heute nicht klar, was genau geschehen ist, aber es deutet vieles darauf hin, dass es der verlustreichste Angriff der US-Luftwaffe im Irak seit der Invasion 2003 gewesen sein könnte. Die USA unterstützten die irakischen Truppen bei ihrem Vormarsch gegen den IS.

Überreste einer einst vielfältigen Stadt

Von der Kanzel der Nuri-Moschee in der Altstadt von Mosul hat sich Abu Bakr al-Bagdadi im Juni 2014 zum Emir des Kalifats ausgerufen. Noch hängt das schwarze Banner am schiefen Minarett; man kann es aus den obersten Stockwerken eines verlassenen Hotels sehen. Wenn Mosul, die zweitgrösste und einst schönste und vielfältigste Stadt des Landes, befreit ist, dann ist das Kalifat Geschichte, zumindest im Irak. Doch es ist zu befürchten, dass danach die Moschee und die historische Altstadt mit ihren verwinkelten Gassen zerstört sein könnten. Mit verheerenden Folgen für die immer noch Hunderttausenden Bewohner.

Video – Die Rückeroberung der Stadt Mosul.

Das Pentagon dementiert, dass von Präsident Barack Obama festgelegte restriktive Einsatzregeln unter Donald Trump geändert worden seien. Unter Obama waren Luftangriffe verboten, wenn anzunehmen war, dass dabei Zivilisten sterben würden. Das US-Verteidigungsministerium hat bestätigt, dass amerikanische Kampfjets am fraglichen Tag Mosul al-Jadidah bombardiert haben, dazu wurde inzwischen eine Untersuchung eingeleitet.

«Sie ermutigten Kinder, Steine auf die Hängenden zu werfen»

Für Iyad Suleiman ist klar, was passiert ist. Er steht zusammen mit anderen Männern an einer Kreuzung im Stadtteil al-Jawsaq. Auf der anderen Strassenseite sitzen Frauen auf einer umgestürzten Betonbarriere. Sie warten auf Hilfe – ein Lastwagen soll Lebensmittel bringen. «Ich habe 40 Angehörige in al-Jadidah, von denen wir seitdem nichts mehr gehört haben», sagt Iyad Suleiman. «Viele liegen noch unter den Trümmern», vermutet er. Der IS habe die Menschen gezwungen, ihre Häuser zu verlassen. Auf der Suche nach Schutz seien sie zum Häuserblock gegangen.

Von einer Lastwagenbombe des IS spricht ein Major der Spezialeinheit, die in dem Gebiet kämpfte. Als Vizekommandant eines Regiments koordiniert er das Vorrücken der Soldaten. Sie müssen sich Strasse um Strasse vorkämpfen, Haus um Haus, zu Fuss und ohne den Schutz gepanzerter Fahrzeuge. «Es ist schwierig», sagt der Kommandant, der schon in Tikrit, Falluja und Ramadi harte Schlachten gegen den IS erlebt hat. Aus einem der Funkgeräte auf dem Tisch vor ihm sind Zahlenfolgen zu hören, GPS-Koordinaten, die auch durchgegeben werden, wenn Kampfjets zur Unterstützung gerufen werden. Er habe nichts davon mitbekommen, dass auf die Position des Häuserblocks ein Luftangriff angefordert worden sei, sagt er. General Maan al-Saadi, der Chef der Spezialeinheit, hat der «New York Times» hingegen bestätigt, dass seine Männer um Luftunterstützung gegen drei Scharfschützen gebeten hätten – auch wenn das irakische Militär offiziell bestritten hat, dass ein Angriff die Ursache der ­Katastrophe war.

Die toten Verwandten

Für Iyad Suleiman spielt das momentan alles keine Rolle. Er muss befürchten, dass seine Verwandten tot sind. Und er muss sehen, dass er seine Familie am Leben erhält und Essen besorgt. Von der Ladefläche eines Lastwagens aus verteilen Helfer Tüten mit Obst, Gemüse, Mehl, Zucker und Öl, dazu gibt es einen 5-Kilo-Sack Reis und Wasser. Iyad Suleiman klemmt sich einen Sack Reis unter den Arm, dann muss er zurück zu seiner Familie. Acht Tage dauerte in diesem Viertel der Kampf gegen den IS. Ein drei Meter tiefer Krater an einem Kreisverkehr zeugt von den heftigen Explosionen einer Bombe, verbogene Metallrohre und weisse Zäune ragen aus dem Schlamm, von den umliegenden Gebäuden ist nicht viel mehr übrig geblieben als ein paar Betongerippe.

Muhammed Majid wohnt hier, und er erzählt, dass er mit seiner Familie drei Monate lang jede Nacht im Keller geschlafen habe: er, seine Frau, seine drei Söhne und seine Tochter. Oft seien sie wach gelegen, hörten Schüsse, Granateinschläge, Bomben. Lebensmittel und Wasser haben sie gehortet, wie die Regierung es auf den Flugblättern geraten hatte. «Unsere wirtschaftliche Situation hat es uns erlaubt vorzusorgen», sagt Majid, der auch unter dem IS einen kleinen Laden betreiben konnte, während seine Frau weiter im Krankenhaus arbeitete. Als sie sich wieder hervortrauten aus ihrem Keller, mussten sich ihre Augen erst wieder ans Licht gewöhnen. Sie bekamen heftige Ausschläge und Atemprobleme – durch den Pulverdampf der Waffen, glauben sie. Aber ihr Haus blieb unbeschädigt, sieht man von den Scheiben ab, die durch die Druckwellen zu Bruch gingen.

Das Grollen der Kampfjets ist immer wieder zu hören. Aber hier zuckt ­niemand mehr.

Jetzt sitzen sie wieder in ihrem Wohnzimmer in schweren grünen Sesseln. Der älteste Sohn stellt erst süssen Kaffee mit Milch auf die Tischchen mit den ­goldenen Deckchen und serviert dann noch Tee. Das Licht flackert, der Strom kommt aus einem Generator, dann fällt er ganz aus, der Sohn zündet eine Petroleumlampe an. Aus der Nachbarschaft schiessen die Soldaten den Abend und die Nacht über weiter Granaten und ­Raketen in die Dunkelheit in Richtung Front, 1500 Meter weiter im Norden. Auch das Grollen der Kampfjets ist immer wieder zu hören. Aber niemand zuckt hier mehr, wenn es draussen dumpf oder scheppernd kracht.

Tausend Tage Angst und Folter

Muhammed Majid hatte noch schwarze Haare und einen schwarzen Bart, als der IS die Stadt überrannte, heute ist er grau. «Es waren mehr als tausend Tage psychologische Folter und Angst», sagt er. Der IS hängte an einem Tag mehr als 70 Menschen an den Pfählen der Bogenlampen auf. Auf Zetteln, die an ihren Bäuchen befestigt waren, konnte jeder lesen, was der IS ihnen vorwarf. «Sie ermutigten Kinder, Steine auf die Hängenden zu werfen», sagt Majid. Manche von ihnen lebten da noch. Die Kinder bekamen für jeden Treffer Bonbons. Die Regeln, erzählt Majid, waren strikt unter dem Regime der Terrormiliz, Handys und Fernseher waren verboten, zumindest für jene, die nicht bereit waren, den Treueeid auf den Kalifen zu schwören. Wer nicht sterben wollte, musste sich fügen. Die Hosen von Muhammed Majid hatte seine Frau oberhalb der Knöchel umgenäht, wie es verlangt wurde. Sie selbst musste einen schwarzen Umhang tragen, sich komplett verschleiern, wenn sie aus dem Haus ging.

«Afghanische Kleidung», nennen sie das. Wäre sie nicht in der Klinik erschienen, hätte das Haft oder den Tod bedeuten können. Jetzt sitzt sie in blauer Hose, grau-silbern gestreiftem Oberteil und mit gemustertem Kopftuch neben ihrem Mann. «Um ehrlich zu sein», sagt sie, «die Kleidervorschriften waren noch das kleinste Problem.»

Verlorenes historisches Erbe

Muhammed Majid erzählt vom Terror des IS und davon, wie systematisch die Miliz dabei vorging. «Sie haben alle unsere Brücken zerstört, unsere Schulen, unsere Bücher verbrannt, die Universität, die Kirchen gesprengt, sogar viele Moscheen.» Ausserdem seien Menschen gezielt getötet worden: «Sie haben viele qualifizierte Leute umgebracht, gebildete Leute, Akademiker, Regierungsangestellte.» Der IS habe die Bevölkerung von Mosul gehasst, sagt Majid. Die meisten Milizionäre seien vom Land gekommen. Sie hätten Rache nehmen wollen an der Stadtbevölkerung, welche die Dorfbewohner als Hinterwäldler betrachte. «Sie brüllten uns an: ‹Ihr seid hadarin!›», also: zivilisierte Leute. Worauf die Bewohner von Mosul stolz waren, wurde unter dem IS eine Beschimpfung. «Wir können die Häuser wieder aufbauen und die Brücken», sagt Majid. «Aber nicht unser historisches Erbe und vielleicht auch nicht unsere Zivilisation.»

Muhammed Majid und seine Frau überlegen jetzt, ob sie nicht doch besser ins Ausland gehen sollen. Jetzt, nachdem sie mehr als 1000 Tage Herrschaft des IS überstanden haben, die Kämpfe, die Bomben. Sie müssen ja nur vor die Haustür gehen und sich umschauen: Kann das, was von Mosul übrig ist, je wieder ihr Zuhause sein?

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.03.2017, 08:50 Uhr

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