Was wollte der türkische Jet?

Tage nach dem Abschuss wird bekannt: Die syrische Luftabwehr hatte auch eine zweite türkische Maschine im Visier. Gerätselt wird unter Experten, was die Mission der abgeschossenen Maschine war.

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Die syrische Luftabwehr hat nach dem Abschuss des türkischen Militärjets am vergangenen Freitag noch eine zweite türkische Maschine ins Visier genommen. Ein zu der Absturzstelle entsandtes Suchflugzeug der türkischen Armee sei vom Radar der syrischen Luftabwehr erfasst worden und habe deshalb abgedreht, hiess es heute bei europäischen Diplomaten in Ankara.

Den Angaben zufolge wurden die diplomatischen Vertreter aus Ländern der EU und der Nato von der türkischen Regierung über den bisher nicht bekannt gewordenen Vorfall informiert. Die türkischen Behörden äusserten sich zunächst nicht.

Unzimperliches Verhalten der Syrer

Die abgeschossene Maschine war nach türkischen Angaben kurzzeitig in syrischen Luftraum gelangt – aus Versehen, was angesichts der Geschwindigkeiten «Routine» sei. Zum Zeitpunkt des Abschusses habe sie sich aber in internationalem Luftraum befunden. Die syrische Seite gibt an, es handle sich um einen Unfall. Man habe den Jet nicht identifizieren können. Die Türkei hat Artikel 4 des Nato-Vertrages angerufen und damit für morgen Dienstag Konsultationen der Bündnispartner zu dem Vorfall initiiert. Experten rechnen nicht damit, dass die Nato aktiv wird.

Laut dem Aviatik-Blog «The Aviationist» hat sich Syrien mit dem Abschuss ohne Vorwarnung über geltende Übereinkünfte zum Vorgehen bei Luftraumverletzungen hinweggesetzt. Demnach sollten Eindringlinge gewarnt, abgefangen und aus dem verletzten Luftraum hinauseskortiert werden.

Was war die Mission des Jets?

«The Aviationist» stellt auch Mutmassungen über die Mission des abgeschossenen Jets an. An ein Versehen, wie es die Türkei geltend macht, glaubt der Autor (ein früherer italienischer Luftwaffenoffizier) nicht. In Anbetracht der technischen Ausrüstung und der Tatsache, dass sie neben einem Kriegsgebiet unterwegs waren, dürfe man davon ausgehen, dass die beiden Piloten sich ihrer Lage bewusst waren.

Das Manöver – hohe Geschwindigkeit, tiefe Flughöhe, Nähe zum fremden Luftraum – lasse eher darauf schliessen, dass die Türken die Schlagkraft der syrischen Luftabwehr hätten testen wollen. In dieser Einschätzung beruft sich der Blog auf einen Nato-Piloten. Dass die türkische Luftwaffe solche Grenzerfahrungen suche, sei nichts neues, meinte der Nato-Pilot. Er habe dies vor Jahren auf dem Rücksitz eines türkischen Kampfjets erfahren dürfen.

Grösste Gruppe desertiert

Eine weitere Vermutung ist, dass der Abschuss des Jets mit der Flucht eines syrischen Kampfpiloten samt Flugzeug zu tun hat. Allenfalls habe die Armee den Jet für einen weiteren derartigen Fall gehalten und verhindern wollen, dass er sich in die Türkei absetzt, so «The Aviationist». Diese Vermutung stellte auch Nato-Experte Johannes Varwick im Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet an.

Unterdessen wurde bekannt, dass die bisher grösste Einzelgruppe von syrischen Soldaten mit ihren Familien in die Türkei geflohen sind. Rund 30 Soldaten sowie ein General und zwei Oberste kamen zusammen mit ihren Familien über die Grenze, wie die Nachrichtenagentur Anadolu meldete.

Damit sind seit Ausbruch des Aufstands in Syrien bisher 13 Generäle in die Türkei geflohen. Die Gesamtzahl der syrischen Flüchtlinge in der Türkei liegt inzwischen bei rund 33'000. (ami/AFP)

Erstellt: 25.06.2012, 17:31 Uhr

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