Interview

«Weder das Militär noch die Nato könnten Boko Haram besiegen»

In Nigeria droht nach den Anschlägen der Sekte Boko Haram auf Christen und heftigen Protesten gegen die Regierung ein Bürgerkrieg. Die Situation ist höchst besorgniserregend, sagt Afrika-Experte Dirk Kohnert.

Die Büchse der Pandora geöffnet: Demonstranten errichten eine Feuerbarrikade in Gwagwalada, Abuja. (9. Januar 2012)

Die Büchse der Pandora geöffnet: Demonstranten errichten eine Feuerbarrikade in Gwagwalada, Abuja. (9. Januar 2012) Bild: AFP

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In ganz Nigeria wurden die Sicherheitsvorkehrungen wegen einem Generalstreik verschärft, allein in der Hauptstadt Abuja waren 15'000 Polizisten im Einsatz. Rund tausend Menschen zogen am Morgen durch die Strassen der Wirtschaftsmetropole Lagos. Jugendliche setzten Strassensperren aus aufeinandergestapelten Autoreifen in Brand und bewarfen Autos mit Steinen. Die Lage in Nigeria ist derzeit äusserst angespannt; bei mehreren Angriffen der radikalislamischen Sekte Boko Haram auf Christen wurden seit den Weihnachtstagen Dutzende Menschen getötet.

Herr Kohnert, was ist der Grund der heftigen Ausschreitungen in Nigeria?
Es geht um die Streichung der Subventionierung von Kraftstoff. Diese Subventionen haben eine lange Tradition in Nigeria. Sie sollten ursprünglich vor allem der ärmeren Bevölkerung dienen, die angesichts der maroden Infrastruktur auf Billigtaxis und Mopeds zum Transport angewiesen ist. Die Subventionen verschlingen aber mittlerweile einen Viertel der Staatsausgaben, mehr als für Bildung, Gesundheit und Landwirtschaft zusammen ausgegeben wird.

Weshalb sollen die Subventionen abgeschafft werden?
Ökonomisch macht es durchaus Sinn, diese Subventionen abzuschaffen. Die Kraftstoffsubventionen kamen nämlich in Nigeria vor allem wegen Korruption bei der Mittel- und Oberschicht an sowie bei Schmugglern, die das billige Benzin im Ausland verkauften. Die acht Milliarden Dollar, welche die Subventionen kosten, könnten viel besser in Bildung und Infrastruktur angelegt werden. Ob es aber politisch zurzeit in die Landschaft passt, ist eine andere Frage. Auch wegen des Drucks der internationalen Gebergemeinschaft wurde immer wieder versucht, diese Subventionen abzuschaffen. Weil gewaltsam protestiert wurde, gelang das aber nie. Zuletzt musste der vorherige Staatschef General Olusegun Obasanjo wegen eines Generalstreiks 2003 die Streichungen zurücknehmen.

Nigerias Präsident Goodluck Jonathan hätte die Subventionen also nicht streichen sollen?
Nicht in diesem Ausmass. Es wäre zu diesem Zeitpunkt besser gewesen, graduell an die Kürzungen heranzugehen. Der Norden steht sowieso schon in Flammen. Die terroristischen Gewaltanschläge der islamischen Boko Haram Sekte beginnen sich bereits auf die Hauptstädte Lagos und Abuja sowie auf den Südosten auszuweiten. Mit der radikalen Streichung der Subventionen öffnete Jonathan die Büchse der Pandora in Nigeria und womöglich in ganz Westafrika.

Steht Nigeria vor einem Bürgerkrieg?
Nein, noch nicht, man kann das aber nicht ausschliessen.

Wie wird sich die Situation entwickeln?
Der Generalstreik wird sich noch ausdehnen, wenn der Staatschef die Streichung der Benzinsubventionen nicht zumindest teilweise zurücknimmt. Die grösste Brisanz sehe ich darin, dass ein solcher Streik Wasser auf die Mühlen der islamistischen Sekte Boko Haram ist.

Die Demonstranten sehen sich in der Tradition des arabischen Frühlings. Kann man das vergleichen? Der Vergleich hinkt. Die grundlegenden Unterschiede zwischen dem Mahgreb und den Ländern südlich der Sahara sind das soziokulturelle und ökonomische Entwicklungsniveau sowie die völlig gegensätzlichen bisherigen Demokratisierungsbemühungen. Doch mit solchen Vergleichen können interessierte Parteien natürlich den Bekanntheitsgrad der arabischen Revolution für ihre Zwecke ausnutzen.

Sie haben schon mehrmals Boko Haram erwähnt. Wie gefährlich ist die Sekte?
Boko Haram ist entsprungen aus einer salafistischen Bewegung, die sich ab den 50er und 60er Jahren gegen Staatsautorität und Korruption wendete. Zunächst war sie friedlich, doch es gab schon in den 70er und 80er Jahren gewaltsame Kreuzzüge der islamischen Maitasine-Bewegung gegen Ungläubige. Vom etablierten Islam wurde diese Gruppierung immer schon strikt abgelehnt. 2001 formierte der in der armen Bevölkerung Nordnigerias geachtete islamische Wanderprediger Mohammed Yusuf die Gruppierung neu. 2009, als sich Boko Haram militärisch aufrüstete, gab es eine staatliche Unterdrückungskampagne gegen die Sekte, wobei circa 700 Anhänger umkamen, auch ihr Anführer. Das hat die Bewegung radikalisiert.

Wie steht die Bewegung heute da?
Heute hat Boko Haram wahrscheinlich auch Verbindungen zu al-Qaida im Mahgreb. Im Gegensatz zu den kriminellen Gruppierungen, welche durch Entführungen im Sahel auf sich aufmerksam machten, ist Boko Haram überwiegend ideologisch motiviert und würde sich durch Geldgeschenke nicht beeinflussen lassen. Den Anschlägen nach zu messen geht ihre Anhängerschaft in die Tausende. Das Ganze gärt auf dem Feuer der jahrzehntelangen Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Christen in Nigeria, wobei die Christen hier keine Unschuldslämmer sind. Die Pfingstkirchen haben in der Vergangenheit auch gegen Heiden und Nichtchristen gepredigt und auch aktiv zur Gewalt aufgerufen. Zudem gab es im vergangenen Jahrzehnt Pogrome von Christen an Muslimen als Vergeltungsaktionen.

Warum wurde Boko Haram so stark?
Das liegt daran, dass der Unterschied zwischen arm und reich immer grösser wird. Die Jugend hat keine Perspektiven und fällt deshalb auf solche Rattenfänger herein. Dass Boko Haram nun sogar südlich des Nigers Anschläge macht, ist höchst besorgniserregend.

Weshalb gibt es diesen riesigen Unterschied zwischen Ober- und Unterschicht?
Nigeria ist reich an natürlichen Ressourcen. Doch das Land ist durch und durch korrupt, in erster Linie verdienen die Militärs und die politische Elite an den Bodenschätzen.

Wer ist Schuld an der enormen Korruption?
Es gibt verschiedene Faktoren. Zum einen haben Jahrzehnte der Militärherrschaft das Land abgewirtschaftet. Schlechte Regierungsführung ist das Grundübel Nigerias. Das öffnet der Korruption Tür und Tor. Stichwort Ressourcenfluch. Auch europäische Firmen haben ihre Finger im Spiel, allen voran Baukonzerne und Multis, die mit millionenschweren Bestechungsgeldern überteuerte Aufträge an Land zogen. Aber auch europäische Banken, insbesondere in England und in der Schweiz, welche Kundengelder von korrupten nigerianischen Staatsoberhäuptern lagern.

Jonathan Goodluck sprach davon, dass es innerhalb der Regierung Sympathisanten von Boko Haram gibt.
Mir sind diesbezüglich keine harten Beweise bekannt, doch die Anschuldigung ist durchaus ernst zu nehmen. Es gibt nigerianische Politiker, die solche Gruppierungen mit Waffen ausrüsten, und sie so zu ihren Schutztruppen machen, um sie für ihre eigenen Interessen auszunutzen.

Was könnte einen Konflikt noch abwenden?
Jonathan kommt um eine Abkehr von der Subventionsstreichung nicht herum. Sonst kommt es zum Knall, das kann sich das Land nicht leisten. Was Boko Haram angeht, sehe ich weder im lokalen Militär noch in einem internationalen Bündnis wie der Nato eine Kraft, die der Sekte erfolgreich entgegentreten kann. Boko Haram ist schon viel zu verankert in der Bevölkerung, die schwimmen im islamischen Nord-Nigeria wie die Fische im Wasser. Die Erneuerung Nigerias muss von innen heraus kommen durch gute Regierungsführung, Rechtsstaatlichkeit und Bekämpfung der Armut. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.01.2012, 21:39 Uhr

Tote bei Angriff von Islamisten

Mitglieder der radikalislamischen Sekte Boko Haram haben bei einem Angriff auf ein Lokal im Nordosten Nigerias laut Polizeiangaben acht Menschen getötet, darunter vier Polizisten.

Die Angreifer eröffneten am späten Dienstagabend das Feuer in der Gaststätte im Staat Yobe, wie die Polizei mitteilte. Unter den Toten war ein sieben Jahre altes Kind. Die Polizei machte Boko Haram für die Bluttat verantwortlich. Festgenommen wurde zunächst niemand. Die Sekte wurde laut einer Zählung der Nachrichtenagentur AP für den Tod von mindestens 54 Menschen in den vergangenen Tagen verantwortlich gemacht. Boko Haram hatte angekündigt, gezielt Christen anzugreifen. (dapd)

Dr. Dirk Kohnert (*1946) studierte VWL an der Universität Kiel und promovierte an der School of Oriental and African Studies in London, University of Ibadan (Nigeria) und der Universität Kiel. Von 1991 bis 2011 war er stellvertretender Direktor des Instituts für Afrika-Studien am German Institute for Global and Area Studies in Hamburg. Seit 2011 ist er dort Associate Research Fellow.

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Präsident beharrt auf Entscheidung

Die Regierung rief heute die Bevölkerung vergeblich dazu auf, die Arbeit wieder aufzunehmen und die Proteste zu beenden. Verhandlungen mit den Gewerkschaften des Landes blieben bisher erfolglos, da Präsident Goodluck Jonathan weiter auf seiner Entscheidung zur Abschaffung der Benzinsubventionen beharrt.
(SDA)

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