Wenn der Staatschef spurlos verschwindet

Nigerias Präsident Buhari ist seit Wochen krankheitshalber ausser Landes. In den vergangenen Jahren starben zehn afrikanische Staatschefs im Amt.

Muhammadu Buhari weilt seit dem 19. Januar in London. Foto: Sunday Alamba (Keystone)

Muhammadu Buhari weilt seit dem 19. Januar in London. Foto: Sunday Alamba (Keystone)

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Die Einwohner des bevölkerungsreichsten afrikanischen Staates, Nigeria, sehen sich einem Déjà-vu-Erlebnis ausgesetzt, nachdem ihr Präsident seit fast einem Monat nicht mehr nach Hause gekommen ist. Muhammadu Buhari begab sich am 19. Januar zur medizinischen Behandlung nach London, von wo er am 5. Februar zurückerwartet wurde. Doch fast 14 Tage später fehlt von dem 74-jährigen Staatschef noch immer jede Spur.

Jetzt machen sich die 180 Millionen Nigerianer Sorgen, dass ihren Präsidenten dasselbe Schicksal wie seinen Vorvorgänger Umaru Yar’Adua ereilen könnte. Der war im November 2009 mit einem Herzleiden in ein saudiarabisches Krankenhaus geflogen worden und kehrte erst sechs Monate später wieder zurück. Allerdings nur, um drei Tage nach seiner Heimkehr in der Hauptstadt Abuja zu sterben. Buhari sei putzmunter und zu Spässen aufgelegt, liess sein Präsidentenamt wissen. Doch die Nigerianer haben ihr Vertrauen in offizielle Verlautbarungen längst verloren. Auch über die genaue Erkrankung ihres Staatschefs haben sie bislang keine Angaben erhalten.

Das Ableben verheimlicht

Sowohl das spurlose Verschwinden von Präsidenten wie ihr plötzlicher Tod im Amt haben in Afrika Tradition – zuletzt machte eine Auszeit des malawischen Präsidenten Peter Mutharika Furore. Der war nach der Vollversammlung der UNO im September vergangenen Jahres ebenfalls einen Monat lang in den USA verschollen. Als der 76-Jährige schliesslich zurückkehrte, hing sein rechter Arm schlaff am Körper herab: Seinem zur Begrüssung auf den Flughafen gekommenen Minister musste er die linke Hand reichen. Alle Gerüchte über eine Erkrankung seien frei erfunden, gab der Staatschef indessen bekannt – und überhaupt habe er «neun Leben».

Auch die Malawier hatten mit dem Tod eines Präsidenten zuvor schon einschlägige Erfahrungen gemacht. Mutharikas Bruder, Bingu wa Mutharika, war im April 2012 an Herzversagen im Amt verstorben. Um Zeit für die Regelung seiner Nachfolge zu finden, war das Ab­leben des 78-Jährigen zunächst jedoch verheimlicht worden: Sein Leichnam wurde zu diesem Zweck in ein Flugzeug nach Johannesburg und wieder zurück verfrachtet. In den vergangenen neun Jahren starben nicht weniger als zehn afrikanische Staatschefs im Amt, was vor allem auf das fortgeschrittene Alter der Präsidenten und ihre lange Amtszeit zurückgeführt wird.

In den vergangenen neun Jahren starben zehn afrikanische Staatschefs im Amt, was vor allem auf das fortgeschrittene Alter der Präsidenten zurückgeführt wird.

Obwohl der Kontinent mit einem Durchschnittsalter von 19,5 Jahren die jüngste Bevölkerung der Welt aufweist, sind seine «Big Men» älter als anderswo. Die fünf ältesten Staatschefs des Kontinents haben zusammengenommen fast 400 Jahre auf dem Buckel – angeführt vom zimbabwischen Methusalem Robert Mugabe, der in vier Tagen 93 Jahre alt wird.

Die Nigerianer trifft die endlose Krankheitspause ihres Präsidenten besonders hart, weil sich ihr Land derzeit in einer beispiellosen Wirtschaftskrise befindet. Zum ersten Mal seit einem Vierteljahrhundert rutschte der Erdölstaat im vergangenen Jahr in die Rezession: Die Währung, der Naira verlor mehr als die Hälfte ihres Werts, dafür schoss der Benzinpreis um 67 Prozent in die Höhe. Für die Krise wird zwar in ­erster Linie der niedrige Ölpreis verantwortlich gemacht. Doch der unentschlossene Kurs Buharis, der vor knapp zwei Jahren mit grossen Erwartungen ins Amt gewählt worden war, enttäuschte weite Teile der Bevölkerung. Neue Unruhen im erdölreichen Niger-Delta sorgten ausserdem dafür, dass dem Staat im vergangenen Jahr Erdöl-einnahmen in Höhe von 100 Milliarden US-Dollar verloren gingen.

Trump verspricht Waffen

Besonders trostlos sieht es im Nord­osten Nigerias aus, wo die islamistische Bo­ko-Haram-Sekte in den vergangenen Jahren ihr Unwesen trieb. Bei den Unruhen ­kamen 100'000 Menschen ums Leben, mehr als 2,1 Millionen mussten aus ihrer Heimat fliehen. Nach Angaben des ­UNO-Welternährungsprogramms sind fast 2 Millionen Nigerianer auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen. Von der einen Milliarde US-Dollar, die zur Unterstützung der Hungernden nötig sei, soll bislang erst gut die Hälfte eingetroffen sein.

Obwohl Präsident Muhammadu Buhari wiederholt die Zerschlagung der Boko-Haram-Miliz bekannt gab, halten die Übergriffe der mit äusserster Brutalität vorgehenden Islamisten an. Nur durch einen Zufall konnte kürzlich ein Selbstmordanschlag zweier Mädchen in der Provinzhauptstadt Maiduguri im letzten Augenblick vereitelt werden. Von seinem Londoner Krankenbett aus soll Buhari Anfang dieser Woche ein Telefongespräch mit Donald Trump geführt haben. Dieser habe ihm amerikanische Waffen, vor allem Flugzeuge, versprochen, hiess es. Unter Präsident Barack Obama lieferte die US-Regierung keine Waffen nach Nigeria, weil dessen Militär unzählige Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen werden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.02.2017, 18:40 Uhr

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