Wenn die Bombe ans Dach klopft

Die USA testen erstmals eine israelische Luftangriffsvariante im Kampf gegen den IS. Sie feuern einen Warnschuss aufs Dach – und geben so Zivilisten Zeit zur Flucht. Eine äusserst umstrittene Taktik.

Moment des Aufpralls: Die richtige Rakete zerstört das anvisierte Haus.

Moment des Aufpralls: Die richtige Rakete zerstört das anvisierte Haus. Bild: Screenshot / Watania Media Agency

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie beobachteten ihn ganz genau, den «Finanz-Emir». Beobachteten, wie er in seinem Haus in Mosul im Irak ein und aus ging. Beobachteten seine Vorräte und Lieferungen und die Sicherheitsmassnahmen, die damit verbunden waren. Er und das Finanzzentrum sind Luftschlagziele des Pentagons.

«Er war einer der Hauptverteiler der Geldmittel, die an Daesh-Kämpfer» gehen, erklärt Divisionär Peter E. Gersten, ein Vizekommandant der Anti-IS-Operation Inherent Resolve. Daesh ist ein alternativer Name für den IS.

Doch sie beobachteten noch etwas. Eine Frau und Kinder. Man will sie mit dem Luftschlag nicht töten, zivile Opfer sind zu vermeiden. Was tun? Man entwickelte einen Plan. Keinen völlig neuartigen Plan, nein, man kopierte eine Strategie der israelischen Streitkräfte. «Roof-knocking», ans Dach klopfen, nennt man die Taktik. Dabei schickt die Armee eine Rakete als Warnschuss so, dass sie das anvisierte Gebäude nicht zerstört, sondern eben nur «ans Dach klopft».

Wie einige militärische Begriffe – «surgical strike» zum Beispiel, der insinuiert, extrem genau zu sein – soll auch das «roof-knocking» den tatsächlichen Vorgang etwas herunterspielen. Dieses Klopfen sieht nämlich so aus:

(Ein Video zeigt die Prozedur des «roof-knockings». Quelle: Watania Media Agency / Youtube

Nach dem Warnschuss haben die Personen im Gebäude rund eine Minute Zeit, zu flüchten. Dann folgt die nächste Bombe. Dann aber richtig. Im manchen Fällen klingelt zu Hause auch das Telefon, das einen darüber informiert, man sei jetzt bald Ziel eines Luftschlages. Mit diesen Warnungen wolle man so viele zivile Opfer wie möglich vermeiden, heisst es. Klingt nach einer gar nicht so schlechten Idee?

Blödsinn, findet Philip Luther von Amnesty International: «Eine Rakete auf ein ziviles Haus zu feuern, kann auf keinen Fall eine ‹effektive Warnung› sein». Amnesty bekommt Recht durch den Bericht einer UNHCR-Fact-Finding-Mission. Darin steht explizit, «roof knocking» sei nicht als Warnung sondern als Angriff auf die im Haus lebenden Zivilisten zu verstehen. Damit wäre diese Technik gar Kandidat für ein Kriegsverbrechen gemäss dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag.

Amnesty schreibt weiter, trotz Warnungen käme es immer wieder zu Toten – zum Beispiel, wenn Kinder auf Dächern spielen. In einem Kommentar in der «Huffington Post» nennt der palästinensische Journalist Amjad Iraqi die Vorgehensweise einen «humanitären Mythos». Die israelische Armee findet das Vorgehen legitim.

Poesie als Ausdruck der Angst

Aber das ist nicht das einzige Problem, denn die Vorwarnungen schlagen auf die Psyche. Palästinenserin Lena Khalaf Tuffaha beschreibt in ihrem Gedicht «Running Orders» ihr Erlebnis mit den «Warnungen». Das Gedicht ging um die Welt.

«Sie rufen uns nun an. / Bevor die Bomben fallen. / Das Telefon klingelt / (…) / Sie rufen uns nun an, um zu sagen / Rennt. / Ihr habt 58 Sekunden ab Ende dieser Nachricht.»

Und weiter: «Sie denken, das sei eine Art Zuvorkommenheit in Kriegszeiten. (…) / Es spielt keine Rolle, / dass 58 Sekunden nicht genug Zeit sind / dein Hochzeitsalbum zu finden / oder die Lieblingsdecke deines Sohnes / oder die schon fast fertige Uni-Bewerbung deiner Tochter.»

Auch Hamdi Shakura vom Palästinensischen Zentrum für Menschenrechte beschreibt solche Vorwarnmethoden als psychologische Kriegsführung. Von Hunderten Häusern, die «vorgewarnt wurden», wurden am Ende zwar nur 37 zerstört, sagt Shakura dem «Guardian». Dennoch könne man den Menschen nicht sagen, sie sollten die Warnungen nicht ernst nehmen.

«Warnungen» sendet übrigens auch die Hamas. Zehntausende könnten es theoretisch sein, behauptet die Organisation. Tatsächliche Berichte gibt es aber wenige. Die Hamas warnen aber nicht, sondern drohen: «Die Botschaften besagen, die Raketen werden euch erreichen, wo auch immer ihr seid und eure Regierung wird nicht in der Lage sein, euch zu beschützen», beschreibt ein Sprecher dem «Guardian» ihre Wortwahl.

Video des Hamas-TV-Senders al-Aqsa, in dem die «menschlichen Schilde» glorifiziert werden.

Nicht zuletzt existiert auch der Vorwurf, die Hamas würde Zivilisten dazu zwingen, auf ihre Dächer zu stehen, um so als «menschliche Schilde» zu agieren. Obwohl sogar ein Hamas-Sprecher in einem Interview mit dem Hamas-TV-Sender al-Aqsa die «menschlichen Schilde» glorifiziert, will die Hamas nichts davon wissen. Mehrere grosse Medienhäuser und Amnesty berichten, sie hätten keine Beweise für die Vorwürfe.

Methode fehlgeschlagen

Und wie ging die Geschichte des «Finanz-Emirs» und Frau und Kindern aus? Divisionär Gersten von den US-Luftstreitkräften berichtet, man habe insgesamt bis zu 800 Millionen Dollar an Mitteln zerstört. Darunter schätzungsweise 150 Millionen in einem Haus in Mosul.

Ob das dasselbe Haus ist, in dem der «Finanz-Emir» schaltete und waltete, ist nicht überliefert. Klar ist allerdings, dass die Frau, die man mit dem «Dachklopfer» aus dem Haus holen wollte, nicht mehr lebt.

«Die Männer im Gebäude haben die Frau niedergetrampelt beim Versuch zu flüchten. Trotzdem hat sie es aus dem Haus geschafft», schildert Gersten. «Aber dann rannte sie wieder zurück.» Innerhalb der letzten Sekunden vor dem tatsächlichen Angriff. «Es war schwierig für uns, dabei zuzusehen.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.04.2016, 12:26 Uhr

Die palästinensisch-amerikanische Dichterin Lena Khalaf Tuffaha. (Bild: Twitter / @LKTuffaha)

Airforce-Divisionär Peter E. Gersten (Bild: US-Airforce)

Artikel zum Thema

Reisen in ein zerrissenes Land

Der israelische Schriftsteller Nir Baram bereiste 2014 und 2015 die von Israel besetzten Gebiete im Westjordanland. Seine Berichte in Buchform sind bewegend und ernüchternd. Mehr...

Bombenanschlag auf Bus in Jerusalem

Mindestens 21 Menschen sind bei der Explosion in der Innenstadt verletzt worden – zwei von ihnen schwer. Mehr...

Ägypten muss Hamas von der Terrorliste streichen

Ägypten darf die radikalislamische Palästinenserorganisation im Gazastreifen nicht länger als Terrororganisation betrachten. Damit wurde ein im Februar erlassenes Urteil umgestossen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Welttheater Splitter

Paid Post

«Erotik und nichts anderes»

Aus Umfragen ergibt sich einstimmig: Immer mehr Frauen wollen eine spontane, erotische Erfahrung mit einem Fremden erleben.