Hintergrund

Wer will was in Syrien?

Während sich das Rad der Gewalt in Syrien stetig weiterdreht, zögert die Weltgemeinschaft. Tagesanzeiger.ch/Newsnet zeigt die wichtigsten Akteure und ihre Interessen.

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Der Bürgerkrieg in Syrien dauert bereits über zwei Jahre, schätzungsweise 70'000 Menschen kamen bisher ums Leben. Zu einer Intervention konnte sich die UNO bisher nicht durchringen. Zu unterschiedlich sind die Interessen und Befürchtungen der verschiedenen Länder.

USA

Die Amerikaner wollen sich in Syrien nicht direkt militärisch engagieren, von offizieller Seite aus werden auch Waffenlieferungen kategorisch ausgeschlossen. Dass die USA ausgewählte Rebellengruppen aber bereits seit geraumer Zeit unterstützen, gilt als gesichert. Waffenlieferungen via Saudiarabien und Katar nach Syrien sollen teilweise von den USA gesteuert sein, schrieb die «Washington Post» bereits vor einem Jahr.

Die republikanischen Gegner von Präsident Barack Obama fordern schon länger ein Eingreifen der USA in den Bürgerkrieg. Oftmals verweisen sie dabei auf die erfolgreiche Intervention in Libyen und die Zerschlagung der Ghadhafi-Diktatur. Als Hauptgründe, warum die USA im Fall Syrien zuwarten, gelten laut Experten die militärische Stärke des Landes und seine Luftabwehrsysteme aus russischer Produktion. Doch nach den erfolgreichen israelischen Luftschlägen auf Damaskus könnte es in Washington zu einem Meinungswechsel kommen.

Wenn die USA eine aktivere Rolle in dem Konflikt spielen wollten, müssten sie sich aber nicht nur mit der Schlagkraft der syrischen Armee auseinandersetzen. Eine Intervention würde auch die Fronten zum Iran verhärten. Offen wäre auch die Reaktion Russlands, das sich immer noch hinter den syrischen Präsidenten Bashar al-Assad stellt. Umfragen zeigen zudem, dass sich nach den Kriegen im Irak und in Afghanistan eine Mehrheit der Amerikaner keine neue Front im Nahen Osten wünscht. Und darin sind sich die Experten einig: Kriegsmüdigkeit und wirtschaftliche Rezession waren stets die schlechtesten Voraussetzungen für ein interventionistisches Abenteuer der USA.

Russland

Seit Beginn des syrischen Bürgerkriegs stellt sich Russland gegen die internationale Gemeinschaft und hält Bashar al-Assad politisch den Rücken frei. Die Zusammenarbeit zwischen Moskau und Damaskus geht bis in die 1950er-Jahre zurück. Damals war es ausdrückliches Ziel der Sowjetunion, Zugang zum Mittelmeer und zum Nahen Osten zu erlangen. Dies gelang mit einer dauerhaften Truppenpräsenz am Tiefseehafen von Tartus.

Mehrmals unterstützte Moskau in den vergangenen Jahrzehnten die syrische Armee mit Waffenlieferungen und Flugabwehrsystemen und schloss auch in den letzten Jahren mehrere Militärdeals ab. Neben Indien und Algerien ist Syrien der drittgrösste Absatzmarkt der russischen Rüstungsindustrie.

Die Unterstützung Assads und des iranischen Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad lässt sich vor allem aus wirtschaftlichen und geopolitischen Ansprüchen Russlands erklären. Dem wachsenden Einflussbereich der USA, welcher Israel, Jordanien, die Türkei und den Irak umfasst, will sich Moskau entgegenstellen.

Europäische Union

Die EU hat sich bis dato vor allem mit wirtschaftlichen Sanktionen gegen das Assad-Regime hervorgetan. Ende des vergangenen Jahres anerkannten zudem Frankreich und Grossbritannien die syrische Opposition als legitime Volksvertretung an.

Die EU hat ein grosses Interesse an einer Beruhigung der Lage an der Südostflanke Europas. Für den sogenannten Integrationsprozess im Mittelmeerraum sind Syrien und der Libanon wichtige Partner. Problematisch sind zudem die Spannungen an der türkisch-syrischen Grenze. Mit der Unterstützung der Türkei als Nato-Partner drohen die europäischen Nato-Staaten bei einer Eskalation ohne UNO-Mandat in den Syrienkrieg hineingezogen zu werden.

Eine Befriedung der Region hätte für die EU auch wirtschaftliche Vorteile. Schon länger versuchen die europäischen Länder, ihre Energieabhängigkeit von Russland zu verringern. Gerade Syrien wäre ein willkommenes Transitland für den Erdöltransport aus den Golfstaaten nach Europa.

Iran

Für das Mullah-Regime in Teheran ist Syrien einer der wichtigsten – und letzten – Verbündeten. Seit der Gründung der Islamischen Republik vor 34 Jahren intensivierte sich die Freundschaft zwischen den beiden Ländern. Im ersten Golfkrieg 1980 stellten sich Syrien und der Iran gemeinsam gegen den irakischen Diktator Saddam Hussein. Heute verfügen die zwei Länder über enge Handelsbeziehungen.

Teheran unterstützt Bashar al-Assad nach wie vor, weil es mit ihm nicht nur seinen einzigen Partner in der Region verlieren würde, sondern auch den Zugang zur israelischen Grenze. Ein Verteidigungsbündnis zwischen Teheran und Damaskus verpflichtet die beiden Staaten zudem, sich bei einem Angriff gegenseitig zu unterstützen.

Saudiarabien

Saudiarabien befindet sich im Hinblick auf den Syrienkonflikt in einer Zwickmühle: Einerseits will man den Erzfeind und Syrien-Verbündeten Iran um jeden Preis schwächen, andererseits schauen die diktatorischen Herrscher in Riad besorgt auf die Umstürze in der arabischen Welt.

Seit Dezember 2012 soll Saudiarabien die syrischen Rebellen im grossen Stil logistisch unterstützen. Laut der «New York Times» sollen die Saudis den Rebellen kroatische Waffen liefern. Die Unterstützung der Rebellengruppen hat auch konfessionelle Gründe. Saudiarabien ist eine Hochburg des Salafismus, einer konservativen Strömung des sunnitischen Islams. Im Gegensatz dazu ist Bashar al-Assad ein schiitischer Alawit.

Israel

Jerusalem kündigte schon im Frühstadium des Konflikts an, militärisch in Syrien eingreifen zu wollen, falls biologische oder chemische Waffen aus Syrien an Feinde Israels gelangen könnten. Dieses Wochenende hat Israel nun seinen Worten zum wiederholten Male Taten folgen lassen. Ein ranghoher israelischer Verantwortlicher hat bestätigt, dass die Luftwaffe seines Landes in Syrien Angriffe auf eine für die libanesische Schiitenmiliz Hizbollah bestimmte Waffenlieferung geflogen hat.

Die Lage zwischen beiden Ländern ist seit langem angespannt – seit der Beendigung der Friedensverhandlungen im Jahr 2000 hat es immer wieder Zwischenfälle gegeben. Damals wurden die israelisch-syrischen Friedensverhandlungen wegen des Streits um die seit 1967 von Israel besetzten Golanhöhen unterbrochen. Das militärstrategisch bedeutende Hochplateau wurde 1981 von Israel annektiert. Syrien forderte die vollständige Rückgabe. Im Oktober 2003 flog Israel einen Luftangriff auf ein Lager mutmasslicher Jihadisten in Syrien. Ziel war ein Camp einer radikalen Palästinenserbewegung, die sich zu einem Anschlag in der nordisraelischen Stadt Haifa bekannte.

Türkei

Der Konflikt in Syrien stellt die Türkei vor eine Reihe grosser Probleme. Als Nachbarland ist die Türkei unmittelbar von dem Bürgerkrieg betroffen. Mehrmals wurden türkische Grenzstädte von Granaten getroffen. Als Reaktion darauf erhielt die Türkei Anfang dieses Jahres schliesslich Unterstützung der Nato in der Form von Patriot-Raketensystemen, die an der Grenze stationiert wurden.

Die Türkei setzt sich für die Errichtung einer humanitären Schutzzone in Nordsyrien ein. Dies, weil die syrischen Rebellen derzeit vor allem den Süden der Türkei als Rückzugsort brauchen.

Für Ankara hochproblematisch ist auch ein mögliches Neuaufflammen des Kurdenkonflikts. Würde der syrische Staat zerfallen, könnten die Kurden im Norden des Landes als Gewinner daraus hervorgehen. Die Autonomiebestrebungen könnten dann auch wieder auf die Gebiete im Südosten der Türkei übergreifen.

(Artikel unter Verwendung von Agenturmaterial) (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.05.2013, 13:56 Uhr

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