Wie Afrika sein Bevölkerungsproblem lösen kann

Zu hohe Kinderzahlen stellen viele Staaten vor grosse Probleme. Ein einstiges Hungerland ist mittlerweile zum Vorbild geworden.

Von heute 20 Millionen Bewohner bis 40 Millionen in knapp 30 Jahren: Die nigerianische Metropole Lagos.

Von heute 20 Millionen Bewohner bis 40 Millionen in knapp 30 Jahren: Die nigerianische Metropole Lagos. Bild: Reuters

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Afrika wächst und wächst und wächst. Bis 2050 dürften 2,5 Milliarden Menschen auf dem afrikanischen Kontinent leben – das sind fast doppelt so viele wie heute. Das rasch wachsende Mehr an Menschen muss nicht nur mit Nahrungsmitteln, Gesundheits- und Bildungsdienstleistungen versorgt werden, sondern auch die Möglichkeit haben, einen Arbeitsplatz zu finden und ein auskömmliches Einkommen zu erzielen. Das sind Aufgaben, die viele Staaten Afrikas schon heute massiv überfordern.

Das muss nicht sein, wie das renommierte Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung in seiner heute veröffentlichten Studie «Afrikas demografische Vorreiter» darlegt. Einige regionale Vorreiterstaaten Afrikas zeigen, wie eine umsichtige Demografiepolitik zu sinkenden Kinderzahlen beitragen kann und welche Faktoren dabei entscheidend sind.

Gesundheitsversorgung, Bildung und Jobs

Grund für das hohe Bevölkerungswachstum sind vor allem die anhaltend hohen Kinderzahlen, die zudem einen Wandel der Altersstruktur verhindern, aus der sich ein Entwicklungsschub ergeben könnte, wie ihn etwa asiatische Staaten erlebt haben. In Thailand zum Beispiel haben sich drei Instrumente bewährt, die auch in Afrika funktionieren: Gesundheitsversorgung, Bildung und Jobs. Wo dieses Konzept zum Einsatz kommt, entscheiden sich die Menschen aus freien Stücken für kleinere Familien.

Die meisten afrikanischen Staaten stecken noch in einem Problemkreislauf aus hohem Bevölkerungswachstum und anhaltender Armut. Um ihm zu entkommen, müssten zunächst die Kinderzahlen sinken. Gemäss der Studie gibt es aber Anlass zu Hoffnung. Die Erfahrungen aus Tunesien, Marokko, Botswana, Ghana, Kenia, Äthiopien und Senegal zeigen: «Kinderzahlen gehen zurück, wenn es Staaten gelingt, ein wirkungsvolles Gesamtkonzept zu entwickeln, das zu Fortschritten in den Bereichen Bildung, Gesundheit und bei der Schaffung von Arbeitsplätzen führt», heisst es in der Studie. «Auch ein besserer Zugang zu Familienplanungsmethoden und mehr Gleichberechtigung von Frauen und Männern gehören zu diesem Gesamtpaket.»

Äthiopien als Vorzeigestaat

Warum das einstige Hungerland Äthiopien mittlerweile ein Vorbild für andere Staaten Afrikas ist, erklärt Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, in einem «Spiegel»-Interview. «Der Staat hat in Äthiopien systematisch drei Dinge geleistet.»

Erstens habe Äthiopien in Gesundheitsdienste investiert, damit die Kindersterblichkeit sinke. «Denn erst wenn die Menschen sicher sein können, dass mehr Kinder überleben, planen sie auch für kleinere Familien.» Zweitens habe Äthiopien sein Bildungssystem ausgebaut, damit die Menschen neue Perspektiven bekommen könnten. «Wir wissen, dass in armen Ländern Frauen mit besserer Bildung weniger Kinder bekommen.» Und drittens habe man in Äthiopien dafür gesorgt, dass neue Arbeitsplätze geschaffen werden, in der Landwirtschaft, aber auch in der neu entstehenden Industrie.

Gemäss der Studie haben die afrikanischen Staaten mit einer erfolgreichen Demografiepolitik ganz unterschiedliche geschichtliche und kulturelle Hintergründe. Jene Länder, die in ihrer demografischen Entwicklung weniger weit fortgeschritten sind, haben nun gute Vorbilder. Dabei können sie auf das verfügbare Wissen über die wesentlichen Einflussfaktoren für sinkende Kinderzahlen zurückgreifen und daraus bevölkerungspolitische Massnahmen ableiten.

Afrika-Hilfe muss Bevölkerungswachstum thematisieren

Die Verantwortung dafür, dass die Weichen für einen sozioökonomischen Aufstieg gestellt werden, liegt vor allem in den Händen der afrikanischen Regierungen und Gesellschaften. Sie können die demografische Zukunft ihrer Länder teilweise steuern.

Basierend auf der Studie ergeben sich auch Empfehlungen für die Afrika- respektive Entwicklungshilfe der westlichen Länder. Die internationale Staatengemeinschaft sollte die afrikanischen Nationen gezielter dabei unterstützen, Massnahmen in den Kernentwicklungsbereichen – Gesundheit, Bildung und Arbeitsplätze – voranzubringen. Das befördert die Wirtschaft und lässt die Kinderzahlen sinken.

Ausserdem soll Afrikas Bevölkerungswachstum stärker in aussen- und entwicklungspolitischen Debatten thematisiert werden. «Wie viele Kinder sich die Menschen wünschen und bekommen, ist ein sensibles und sehr privates Thema», sagt Demograf Klingholz. «Aber es wird zu einem gesamtgesellschaftlichen und politischen Thema, wenn dadurch die Entwicklung ganzer Staaten beeinflusst wird.»

Erstellt: 12.06.2019, 20:11 Uhr

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