Wie Boko Haram die Wahlen in Nigeria sabotiert

Zerreissprobe für Afrikas bevölkerungsreichsten Staat: Im Februar wählt Nigeria eine neue Regierung. Die Terrorgruppe Boko Haram überzieht den Nordosten des Landes im Vorfeld der Wahlen mit beispielloser Gewalt.

Wahlkampagne angelaufen: Eine Frau sitzt in der nigerianischen Stadt Lagos vor einem Wahlplakat mit dem Konterfei von Präsident Goodluck Jonathan. (8. Januar 2015)

Wahlkampagne angelaufen: Eine Frau sitzt in der nigerianischen Stadt Lagos vor einem Wahlplakat mit dem Konterfei von Präsident Goodluck Jonathan. (8. Januar 2015) Bild: Reuters

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Vergangenen Donnerstag ist die Wahlkampagne des nigerianischen Präsidenten Goodluck Jonathan offiziell angelaufen. Wenn im bevölkerungsreichsten Staat Afrikas am 14. Februar Parlaments- und Präsidentschaftsposten neu besetzt werden, strebt der 57-Jährige eine zweite Amtszeit an. Seit 1999 – als Nigeria den Übergang von einer Militärherrschaft zur Demokratie vollzog – ist seine People’s Democratic Party (PDP) bereits an der Macht. Zum ersten Mal gibt es nun ernst zu nehmende Konkurrenz um die Macht im Land: 2013 formierte sich aus mehreren Oppositionsparteien der sozialdemokratische All Progressives Congress (APC) – eine Partei, die nun Jonathans Herrschaft bedrohen könnte.

Die Islamisten von Boko Haram überziehen den Nordosten des Landes im Vorfeld der Wahlen mit einer beispiellosen Welle der Gewalt. 20 Menschen kamen am Wochenende ums Leben, als sich ein erst 10-jähriges Mädchen auf einem Markt in der Provinzhauptstadt Maiduguri in die Luft sprengte. Zuvor hatten die Terroristen den Ort Baga und umliegende Dörfer niedergebrannt, die Opferzahlen schwanken Schätzungen zufolge zwischen mehreren 100 und 2000. So genau kann das keiner sagen, denn die drei Staaten des Nordostens stehen zunehmend unter der Kontrolle von Boko Haram, deren Name zu Deutsch «Westliche Bildung ist Sünde» bedeutet.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International sprach von der «bis dato tödlichsten Attacke». Laut Regierungsangaben sind bereits über 10'000 Menschen der Gewalt im Nordosten des Landes zum Opfer gefallen, über eine Million ist auf der Flucht. Auch diese Zahlen lassen sich jedoch kaum verifizieren. Erklärtes Ziel der Gruppe ist die Errichtung eines Gottesstaats im Nordosten des Landes, dafür scheint den Islamisten jedes Mittel recht zu sein.

Neue Taktik der Terroristen

Bereits seit Jahren versetzen die Terroristen das Land mit Entführungen und Anschlägen in Angst. So wurden im vergangenen Jahr mehrere Hundert Schulmädchen entführt, über ihren Verbleib lässt sie nur spekulieren. Der Einsatz von Kindern, und insbesondere kleinen Mädchen, als Selbstmordattentäter ist aber «neu und äusserst beunruhigend», wie die «New York Times» unter Berufung auf einen ranghohen Polizeibeamten in der nigerianischen Hauptstadt Abuja schreibt.

Hinter dieser zunehmenden Gewalt steckt laut Afrika-Kenner Roddy Barclay eine spezielle Taktik. Im Vorfeld der Wahlen greife die Gruppe zunehmend Gemeinden an, die der Regierung gegenüber loyal sind. «Sie überziehen die Orte mit Gewalt und drücken so ihre Agenda durch», so der Brite gegenüber dem US-Nachrichtenmagazin «Time». So könnten die Islamisten dafür sorgen, dass sich die Menschen im Nordosten des Landes im Februar nicht an die Urnen trauen – und die Wahlen damit torpedieren. Es ist eine Taktik, mit der Boko Haram bereits 2011 indirekt Einfluss nahm, als im 153-Millionen-Land zuletzt gewählt wurde. Seitdem sei die Gruppe militärisch stärker geworden, so Experte Barclay.

Nigeria droht eine Zerreissprobe

Schon werden Appelle laut, die Wahlen angesichts mangelnder Sicherheit zu verschieben – eine Forderung, die von der nationalen Wahlkommission bisher abgelehnt wird. Sollte die Wahl aber nicht reibungslos verlaufen können, würde dies das höchst fragile Land womöglich ins Chaos stürzen. Und einen reibungslosen Ablauf hält angesichts der anhaltenden Terrorattacken kaum jemand für realistisch. «Denkbar ungünstige Voraussetzungen», glaubt auch SRF-Korrespondent Patrik Wülser.

Die nigerianische Verfassung schreibt fest, dass ein Präsidentschaftskandidat in mindestens zwei Dritteln der Bundesstaaten mindestens ein Viertel der abgegebenen Stimmen erhalten muss, um zu gewinnen. Sollte im Nordosten der Gang an die Wahlurnen nicht möglich sein, könnte die Oppositionspartei die Wahlen im Nachhinein für ungültig erklären lassen. Dies könnte dann wiederum soziale Unruhen entfachen, wie bereits bei den letzten Wahlen 2011. Nigeria – auf der Liste fragiler Staaten auf Platz 17 – droht eine Zerreissprobe.

Ineffektiver Kampf gegen Boko Haram

Hinzu kommt: Die umliegenden Länder drohen in einer Art Dominoeffekt im Chaos zu versinken. Seit geraumer Zeit unterhält Boko Haram offenbar Ableger in den Nachbarländern Tschad, Kamerun und Niger. Experten glauben, dass die Kämpfer bereits seit längerem auch in diesen Ländern Stützpunkte unterhalten, um den Armeeoffensiven zu entgehen. Auch Nachwuchs wird offenbar jenseits der Grenzen rekrutiert, wie die «Zeit» schreibt, genauso wie hochrangige Islamistenführer.

Gegen diese überregionale Bedrohung kämpft zwar jedes der Länder, doch gemeinsame Operationen bleiben bisher aus. «Es gibt überhaupt keine Koordination zwischen den Armeen», sagt auch Sicherheitsanalyst Jesper Cullen gegenüber dem Radiosender Deutsche Welle. Die mangelnde Kooperation ist ein grosses Problem im Kampf mit dem Terror, wie Comfort Ero, Afrika-Direktorin der NGO International Crisis Group, bestätigt. «Keine Seite ist bereit, ihre Informationen mit den anderen zu teilen», sagte sie der Nachrichtenagentur AP.

Und die Strategie der nigerianischen Armee im Kampf gegen die Islamisten hat sich bisher auch als wenig effektiv erwiesen. «Soldaten aus dem Süden kennen sich im Norden nicht aus, ihre Gehälter verschwinden spurlos, ihre Ausrüstung landet auf mysteriöse Weise beim Gegner», schrieb dazu die deutsche Zeitung TAZ. Im Oktober machten Meldungen von einem angeblichen Waffenstillstand zwischen Armee und Boko Haram die Runde – sie erwiesen sich als falsch. Die Menschen im Nordosten fühlen sich von der Regierung im Stich gelassen. Auch das schafft keine guten Voraussetzungen für die bevorstehenden Wahlen.

Erstellt: 12.01.2015, 20:46 Uhr

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