Wie Boko Haram ihren Terror finanziert

Viele unterschiedliche Geldquellen, gute Organisation und ein grosses Netzwerk: Die Islamisten aus dem Norden des Landes sind mehr als Nigerias «Hausguerilla».

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Lange Zeit glaubte man, die Islamistengruppe Boko Haram operiere weitestgehend lokal – die deutsche Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) bezeichnete sie etwa in einem Bericht als die «nigerianische ‹Hausguerilla›». Seit die Organisation 2002 zum ersten Mal in Erscheinung getreten ist, ist ihr Feldzug für den Islam zwar immer brutaler und blutiger geworden. Doch erst seitdem die Männer von Anführer Abubakar Shekau Hunderte Schulmädchen in ihrer Gewalt haben, richten sich die Augen der Öffentlichkeit auf sie. Weltweit löste die Tat Entsetzen aus: Auf Twitter bekunden seitdem Millionen – darunter auch das US-Präsidentenpaar – unter #BringBackOurGirls ihre Solidarität. Auch westliche Regierungen von Israel über Frankreich und die USA sichern den überforderten Sicherheitskräften ihre Unterstützung zu.

Organisationsstruktur und Finanzierung von Boko Haram bieten Raum für vielerlei Spekulationen. Weder kann jemand mit Gewissheit sagen, über wie viele Mitglieder die Gruppe verfügt, noch woher sie die Waffen hat, mit denen seit Jahren Anschläge verübt werden. Dass Waffen und Munition nicht allzu schwer zu beschaffen sind, ist spätestens seit dem Chaos nach der Militärintervention in Libyen bekannt. In den letzten Jahren sind so Waffen, die aus dem Bürgerkrieg von 2011 stammen, zum Beispiel in den Händen von Islamisten in Mali aufgetaucht.

Kontakte zu al-Qaida?

Die Frage nach der Finanzierung von Boko Haram lässt sich hingegen nicht so leicht beantworten. Es heisst, die Sekte bezahle ihre Kämpfer und entschädige Familienangehörige von Gefallenen. Laut einem Bericht des Terrorism Research & Analysis Consortium ist die Gruppe gut organisiert und verfügt über hohe finanzielle Mittel. «Ohne Geldgeber – ob aus der Reihe der nigerianischen Diaspora, der lokalen Politik oder aus dem Ausland – wäre die Bewegung längst ausgestorben», heisst es dort. Dass die Anschläge von Boko Haram immer brutaler werden, scheint diese These zu bestätigen. «Waren es vor wenigen Jahren noch vor allem bewaffnete Attacken, bei denen die Angreifer mit ein paar Kalaschnikows daherkamen, zeichnen etwa die Bombenattentate in der Hauptstadt ein anderes Bild», schreibt dazu «Zeit online».

Nach mehreren übereinstimmenden Berichten sollen auch Kontakte zu al-Qaida und deren Ablegern dabei behilflich sein, Geld zu beschaffen. «Es hat sich die Ansicht durchgesetzt, dass die Sekte über beste Beziehungen zu Aqim (al-Qaida im Islamischen Maghreb) verfügt», erklärt dazu die KAS in einem Bericht. Auch andere islamistische Splittergruppen wie al-Shabaab in Somalia oder Ansar Dine und Mujao in Mali sollen Boko Haram finanziell unterstützen. Diese Organisationen sind bekannt dafür, kriminelle Netzwerke über ihr Territorium hinaus zu pflegen und ihre Aktionen mit Drogen- oder Waffenhandel und mit Menschenschmuggel zu finanzieren.

Der Iran als Geldgeber?

Bisher lässt sich der Wahrheitsgehalt solcher Berichte nicht endgültig klären. Gemäss dem US-Portal «The Daily Beast» soll Osama Bin Laden 2002 drei Millionen Dollar an gleichgesinnte Organisationen in Afrika verteilt haben. Der Bericht beruft sich unter anderem auf einen Geheimdienstbericht, in dem eine Verbindung zwischen Boko Haram und diesem Geld hergestellt wird. Von «direkten Kanälen zwischen dem ehemaligen Al-Qaida-Chef und der nigerianischen Gruppierung» spricht ein US-Geheimdienstmitarbeiter gegenüber «The Daily Beast». Und im September 2013 berichtete auch der amerikanische Kongress, die Al-Qaida-Splittergruppe im Maghreb sei essenziell an der Finanzierung von Boko Haram beteiligt.

Andere Quellen verknüpfen Boko Haram mit Organisationen wie dem in London sitzenden al-Muntada Trust Fund oder der saudisch-arabischen Islamic World Society. Doch auch diese Finanzierungskanäle lassen sich nicht abschliessend belegen. Genauso wenig wie eine Finanzierung durch den ehemaligen libyschen Staatschef Muammar al-Ghadhafi, von der im Bericht der KAS die Rede ist. Dort heisst es, das iranische Regime habe diese Aufgabe möglicherweise übernommen. Gegen diese Annahme sprechen jedoch die religiösen Unterschiede. Zwar unterstützt Teheran schiitische Organisationen wie die Hizbollah mit Geld und Waffen; ob die sunnitische Boko Haram ihr Geld dort bezieht, ist nicht nachzuweisen.

Lukrative Entführungen

Eine Finanzierungsquelle für die Islamisten sind jedoch zweifelsfrei «gewöhnliche kriminelle Aktivitäten», wie «Zeit online» schreibt. So sollen Boko-Haram-Mitglieder im Norden Nigerias Banken und Geschäfte überfallen, was mutmasslich bereits Millionen in ihre Kassen gespült hat. Auch an der Piraterie in Somalia sollen die islamistischen Kämpfer beteiligt sein.

In einer Videobotschaft drohte Anführer Abubakar Shekau zuletzt, die entführten Schulmädchen auf einem Markt zu verkaufen. Später revidierte er zwar seine Aussage und forderte einen Austausch von Gefangenen und die Freilassung inhaftierter Kämpfer. Laut Experten dienen Entführungen den Islamisten jedoch tatsächlich als lukrative Geldquelle. So sollen letztes Jahr für die Freilassung einer in Kamerun entführten französischen Familie über drei Millionen Dollar geflossen sein. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 15.05.2014, 12:57 Uhr

Artikel zum Thema

«Ungläubige töten, töten, töten!»

Die islamistische Sekte Boko Haram terrorisiert im Nordosten Nigerias die Bevölkerung. Die Armee schlägt ebenso brutal zurück. Und beide Seiten ignorieren Appelle zur Mässigung. Mehr...

Der meistgehasste Mann Afrikas

Abubakar Shekau ist der Chef der islamistischen Sekte Boko Haram, die Nigeria terrorisiert und zuletzt über 200 Schülerinnen entführte. Ein Porträt. Mehr...

Boko Haram zeigt entführte Mädchen – und stellt Forderungen

Neues Video der Islamistengruppe aus Nigeria: Der Boko-Haram-Führer Abubakar Shekau sagt, was er für eine Freilassung im Gegenzug will. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Wettbewerb

Dank Hightech sicherer im Schnee unterwegs

Gewinnen Sie mit Bächli Bergsport und Mammut ein Lawinenverschütteten-Suchgerät der neusten Generation.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Unter Pausbacken: Eine Verkäuferin bietet an ihrem Stand im spanischen Sevilla Puppen feil. (13. November 2018)
(Bild: Marcelo del Pozo ) Mehr...