Wikileaks enthüllt peinliche Details über durstige Diplomaten

Trinkgelage, geschmuggelter Schinken und Details aus dem Reisepass von Hillary Clinton: Die veröffentlichten Dokumente zeigen mehr als nur die grosse Diplomatie.

Die Enthüllungen aus Saudi Arabien führten auch Kurioses ans Tageslicht: Wikileaks-Gründer Julian Assange. (18. August 2014)

Die Enthüllungen aus Saudi Arabien führten auch Kurioses ans Tageslicht: Wikileaks-Gründer Julian Assange. (18. August 2014) Bild: John Stillwell/Keystone

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Kurz vor der NSA-Spionage gegen Frankreichs Präsidenten François Hollande und seine beiden Vorgänger enthüllte Wikileaks rund 60000 diplomatische Depeschen aus Saudiarabien. Die Dokumente der Enthüllungsplattform offenbarten, mit welchen Argusaugen der Golfstaat seinen Erzrivalen Iran beobachtet. Ein Memo schildert unter anderem, wie besorgt die saudi-arabische Führung über die sich intensivierenden Kontakte seines Verbündeten USA zu Teheran ist.

Fernab davon zeigt das teils streng geheime Material noch etwas anderes: die Schattenseite Riads, darunter Trinkgelage und Schmuggel von Schweinefleisch. Ein Überblick über interessante, bizarre und peinliche Fundstellen:

Der Durst der Diplomaten

Es ist in Saudiarabien wegen der ultrakonservativen Interpretation des islamischen Gesetzes verboten, Alkohol zu trinken, zu verkaufen oder auch nur zu besitzen. Ausländisches Botschaftspersonal nutzte laut den Dokumenten den Vorteil seiner diplomatischen Immunität, um sich deshalb im Nachbarland Bahrain mit Hochprozentigem auszustatten - in Bahrain ist der Verkauf von alkoholischen Getränken legal.

Mancher Versuch, den Alkohol nach Saudiarabien zu schmuggeln, ging laut den von Wikileaks veröffentlichen Informationen ziemlich daneben: Der saudi-arabische Zoll stoppte im Januar 2013 einen mexikanischen Diplomaten, der mit «mehreren grossen Koffern» in seinem Auto aus Bahrain zurückkam. Darin befanden sich nicht weniger als 102 Flaschen Whisky und 48 Dosen Bier, wie es in einem Vermerk heisst.

Flaschen in Socken

Damit nicht genug:Anfang Februar 2012 wurde ein Diplomat aus Aserbeidschan vom Zoll mit 28 Flaschen Whisky erwischt, die er in seinem Wagen in Socken versteckt hatte. Am selben Tag wurde ein italienischer Diplomat gestoppt, in dessen Fahrzeug ein verdächtiges Loch in der Rückbank zugeklebt worden war.

Auch das Schweinefleisch-Verbot in Saudiarabien war manchem Botschaftsbediensteten zu viel: Ein Diplomat aus China versuchte einem der Dokumente zufolge im März 2012, in seinem Kofferraum 30 Kilogramm Schinken in den Golfstaat zu bringen.

Öffentliche Debatte sorgt für Beunruhigung

Es überrascht nicht, dass die sunnitische Führung Saudi-Arabiens bei der Ausbreitung des schiitischen Islam ganz genau hinschaut - erst recht, weil der Erzfeind Iran schiitisch geprägt ist. Doch die Beobachtungspraktiken erweisen sich in den Enthüllungsdokumenten als - nun ja - recht kleinkariert.

Saudische Diplomaten schätzten beispielsweise, wie viele Studenten aus Eritrea im Iran studieren - es sind ganze 40 - oder wie viele Schiiten in Mauretanien leben - 50000. Beunruhigung kam auf, als schiitische und sunnitische Muslime nahe der Al-Dahab-Moschee in der philippinischen Hauptstadt Manila öffentlich miteinander debattierten.

«Zum Teil sektiererisch»

Obwohl die Schiiten weniger als ein Prozent der muslimischen Bevölkerung auf den Philippinen ausmachen, wurde wegen der Diskussion Alarm geschlagen. Die religiöse Botschaft der schiitischen Minderheit habe es geschafft, «aus ihrem heimlichtuerischen Kreis an die Öffentlichkeit zu gelangen», heisst es in einem Memo aus dem Februar 2010.

Toby Matthiesen, der an der Cambridge-Universität ansässige Autor eines Buches über religiöse Politik in den Golfstaaten, bringt es auf den Punkt:«Es ist besessen», sagt er über die saudi-arabische Detailtreue. «Es belegt die Theorie, dass die saudi-arabische Aussenpolitik zumindest zum Teil sektiererisch ist und versucht, die Schia und nicht nur den Iran in Grenzen zu halten.»

Clintons Reisepass

In der Schatzkiste von Wikileaks liegt auch eine grosse Anzahl an bürokratischen Dokumentationen und sensiblen persönlichen Informationen. Darunter sind Krankenscheine, Sterbeurkunden und Krankenhausakten. Ein Dokument schildert ausgiebig die Behandlung eines 17-Jährigen wegen lebensbedrohlichen Gesundheitsproblemen, ein anderes beschreibt die schweren Beinverletzungen eines 24-Jährigen im Nordosten des Landes und ein drittes die vorgeschlagene Therapie für ein Kind mit einer Gehirnerkrankung in Tschechien.

Unter den Massen privater Informationen ist noch etwas anderes: die Nummer des Reisepasses von Hillary Clinton, ehemals First Lady, US-Aussenministerin und mittlerweile demokratische Präsidentschaftsbewerberin. Die von Wikileaks veröffentlichte Nummer stammt von einem Besuch Clintons in der US-Botschaft in Riad im März 2012.

Haftstrafe droht

Saudiarabien hat seine Bürger aufgefordert, die Veröffentlichungen von Wikileaks zu ignorieren. Wer Informationen der Dokumente teilt, kann schlimmstenfalls sogar im Gefängnis landen.

Deutlich beliebter waren bei der saudi-arabischen Führung die Enthüllungen von Wikileaks, die die USA im Januar 2011 mit der Verbreitung von Tausenden Telegrammen des State Departments erschüttert hatten. Diese wurden offenbar genauestens durchsiebt und durchgelesen:«ImAnhang finden Sie zu Ihrer Beachtung einen übersetzten Bericht über die wichtigsten Enthüllungen, ausgestellt von der US-Botschaft in Riad und dem Konsulat in Dschidda», heisst es in einem Vermerk. (dia/sda)

Erstellt: 26.06.2015, 10:21 Uhr

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