«Wir haben in Frieden gelebt, bis die verfluchte Revolution kam»

Der syrische Bürgerkrieg sorgt im ganzen Land für Chaos. In Aleppo klagen die Menschen über Hunger, Plünderungen und Angst. Viele wünschen sich offenbar, dass Präsident Assad die Rebellen bald vertreibt.

Korruption, Diebstahl und Unterdrückung. Im Bürgerkrieg macht jeder was er will: Ein Syrer bringt sich in Aleppo in Sicherheit.

Korruption, Diebstahl und Unterdrückung. Im Bürgerkrieg macht jeder was er will: Ein Syrer bringt sich in Aleppo in Sicherheit. Bild: AFP

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Hunger, Plünderungen, Angst. Die Syrer rufen nach Hilfe. Doch die Klagen werden nicht in der Hauptstadt Damaskus laut, wo Präsident Bashar al-Assad mit harter Hand regiert. Sie ertönen in Aleppo, der grössten Stadt des Landes, in der die Rebellen das Sagen haben.

Manch einer wünscht sich dort, dass nicht die Revolution obsiegen möge, sondern Assad die Rebellen wieder vertreibt. Seine Regierungstruppen kämpfen noch in einigen Bezirken der Stadt. Weite Teile der einstigen Wirtschaftsmetropole stehen aber unter der Kontrolle der Freien Syrischen Armee (FSA).

«Wir haben hier in Frieden und Sicherheit gelebt, bis diese verfluchte Revolution uns erreicht hat und die FSA mit Gewalt unser Brot weggenommen hat», heisst es auf einem Zettel, den man als Reporter von Passanten zugesteckt bekommt. Vielleicht sind diese Leute Agenten Assads, wer weiss das schon in Zeiten des Bürgerkriegs. Aber ihre Einstellung ist nicht selten.

Korruption und Diebstahl

Seit die Rebellen vor einem halben Jahr die Stadt Stück für Stück erobert haben, wurden die Beschwerden über fehlende Disziplin unter den Kämpfern, über Plünderungen, Unsicherheit und Mangel an Wasser, Brot und Strom immer lauter.

Die Aufständischen, die sich um Unterstützung aus dem Ausland bemühen, spüren das Misstrauen wohl und haben reagiert. Sie haben militärische und politische Strukturen geschaffen, die einmal die Grundlage für Institutionen in einem von Assad befreiten Land sein sollen.

Einige Kommandanten sprechen auch offen aus, woran die FSA krankt: Korruption, Diebstahl, Unterdrückung. Verantwortlich seien dafür aber einige wenige schwarze Schafe, heisst es.

Viel an Kredit verspielt

«Es gab eine Menge Korruption in der Freien Syrischen Armee», sagt Abu Ahmed, der eine Einheit der Tauhid-Brigade anführt. Er schätzt, dass die meisten der mehr als zwei Millionen Einwohner Aleppos die Revolution allenfalls halbherzig unterstützen. «Sie haben keinen revolutionären Geist.»

70 Prozent der Städter, von denen viele Kurden, Christen und - wie Assad - Alawiten sind, stünden eher hinter Assad. Doch Abu Ahmed räumt auch ein, dass die Rebellen durch Plünderungen und andere Formen des Machtmissbrauchs bei der Bevölkerung viel von ihrem Kredit verspielt haben.

«Einige Brigaden haben Zivilisten ausgeplündert», sagt auch der Offizier Mohammed Tlas, der von der Regierungsarmee desertiert ist und nun die Sukor-al-Schahbaa-Bridage anführt. «Das sind schwarze Schafe.» Im Bürgerkrieg könne ja jeder ein Gewehr tragen und tun, was immer er wolle.

«Eine Menge Parasiten»

Viele Kommandanten haben keine hohe Meinung von ihren Kameraden. Der Militärpilot Abu Marwan zum Beispiel, der einen eingenommenen Luftwaffenstützpunkt befehligt, sagt von einem anderen Kommandanten, er gebärde sich als Lehnsherr: Er ignoriere jede militärische Hierarchie und protegiere nur seine Schergen - wie in Assads Regime, wo nur eine Familie oder Sekte herrsche.

«Wenn das Regime gestürzt ist, haben wir noch einen langen Kampf vor uns, um unter den Revolutionären aufzuräumen. Es gibt eine Menge Parasiten», sagt der Militärpilot.

Missbräuche sollen nun bekämpft werden

Die Rebellen-Armee hat reagiert. Aus zwei Brigaden wurde eine Art Militärpolizei geschaffen, die die Auswüchse von Machtmissbrauch beschneiden soll. Für die Bevölkerung soll eine Beschwerdestelle eingerichtet werden.

Auch Kommandant Tlas hat die schwierige Lage erkannt: Es gibt jetzt wöchentliche Treffen für alle Brigaden und tägliche Beratungen der Frontkommandanten.

Doch die Not in Aleppo nagt an der Unterstützung für die Rebellen. Manch einer sieht da eine neue Gefahr aufziehen: Die Revolution frisst ihre Kinder. (sda)

Erstellt: 09.01.2013, 23:34 Uhr

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Es gebe Hinweise, dass die Kämpfer der regimetreuen Bürgerwehr die Geiseln benutzen wollten, um sie gegen drei Angehörige der alawitischen Minderheit auszutauschen. Diese waren zuvor von Regimegegnern verschleppt worden.

Nach Informationen der Opposition ist zuletzt auch die Zahl der Entführungen durch Lösegelderpresser gestiegen. Die Angaben lassen sich wegen der Medienblockade der syrischen Regierung nicht überprüfen. (sda)

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