Interview

«Wir werden niemals mit Assad an einen Tisch sitzen»

Der höchste Oppositionelle Syriens, George Sabra, spricht im Exklusiv-Interview über die Radikalisierung der syrischen Rebellen, das Massaker von Banias, Giftgas und die geplante Friedenskonferenz.

«Assad will die Türkei in den syrischen Bürgerkrieg hineinziehen»: George Sabra, Interimspräsident der Syrischen Nationalkoalition.

«Assad will die Türkei in den syrischen Bürgerkrieg hineinziehen»: George Sabra, Interimspräsident der Syrischen Nationalkoalition. Bild: AFP

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Sabra, am vergangenen Samstag haben mehrere Autobomben in der türkischen Grenzstadt Reyhanli rund 50 Personen getötet. Ist das Assad-Regime für die Anschläge verantwortlich?
Daran gibt es keine Zweifel. Das Regime will die Türkei für ihre Unterstützung der syrischen Revolution bestrafen und die türkische Bevölkerung gegen die syrischen Flüchtlinge aufbringen.

Wäre es nicht leichtsinnig von Assad, die Türkei auf diese Weise zu provozieren?
Das ist nicht das erste Mal, dass Assad versucht, die Türkei in den Konflikt hineinzuziehen. Er hat gegenüber der syrischen Bevölkerung von Anfang an versucht, die Revolution als einen Angriff von aussen darzustellen. Er würde eine Vergeltungsaktion der Türken sogar begrüssen. Aber ich denke, die türkische Regierung ist klug genug, sich nicht provozieren zu lassen.

Vor knapp zwei Wochen kam es in der Küstenregion um Banias zu schrecklichen Massakern an der Zivilbevölkerung. Wer waren die Täter, und auf wessen Befehl handelten sie?
Die Massaker gehen auf das Konto von alawitischen Milizen aus der Küstenregion, den Shabiha. Sie wurden jedoch unterstützt und gedeckt von Truppen der regulären Streitkräfte. Die grauenhaften Bilder toter Männer, Frauen und Kinder haben uns zutiefst schockiert. Ich denke, die Massaker sind Teil eines Plans des Regimes, die sunnitische Bevölkerung aus der Küstenregion zu vertreiben, um das religiöse Gleichgewicht zugunsten der Alawiten zu verschieben. Es handelt sich um Völkermord. Tatsächlich haben nach den Massakern Hunderte von Sunniten die Region verlassen.

Beabsichtigt Assad, in der Küstenregion einen alawitischen Ministaat zu errichten?
Wenn Assad die Kontrolle über Damaskus verliert, wird er wahrscheinlich in sein Dorf flüchten und versuchen, eine Art Rumpfstaat zu bilden, um sich, seine Familie und sein Umfeld zu schützen. Aber es wird ihm nicht gelingen, ebenso wenig, wie es den Franzosen nach dem Ersten Weltkrieg gelang, einen Alawitenstaat zu schaffen. Sogar die meisten Alawiten würden einen solchen Staat nicht akzeptieren. Niemand kann Syrien teilen.

Manche Experten behaupten, die Rebellen würden selber Massaker verüben, um sie dem Regime anzulasten.
Die Opfer, ihre Familien und Nachbarn kennen die Wahrheit, und wir verlassen uns auf ihre Aussagen. Wir würden unabhängige Untersuchungen der Presse oder internationaler Organisationen jedoch sehr begrüssen und die Ergebnisse akzeptieren. Wir haben das Regime wiederholt aufgefordert, Journalisten Bewegungsfreiheit in Syrien zu gewähren. Das war übrigens auch ein Punkt in Kofi Annans Friedensplan. Aber das Regime weigert sich. Das sagt doch einiges.

Zurzeit wird kontrovers diskutiert, ob und von wem im Bürgerkrieg chemische Waffen verwendet wurden. Warum würde Assad solche Waffen einsetzen? Er weiss, dass er damit eine militärische Intervention des Westens provoziert.
Es gibt aber keine militärische Intervention! Assad testet die internationale Gemeinschaft, und er freut sich über die ausbleibende Reaktion. Er verwendet chemische Waffen, weil er nicht genug Soldaten hat, um die Revolution zu bekämpfen. Ein Beispiel: Das Dorf Daraja, weniger als 10 Kilometer vom Präsidentenpalast entfernt, war eine Hochburg der Revolution. Assads Armee konnte selbst nach monatelangen Kämpfen die Kontrolle über das Gebiet nicht zurückgewinnen. Darum setzt er nun chemische Waffen ein.

Assad hat nicht genug Soldaten, um die Rebellen zu bekämpfen?
So ist es. In den vergangenen zwei Jahren haben etwa 180'000 junge Syrer den Militärdienst verweigert, weil sie nicht ihre Landsleute töten wollen. Zudem sind über 150'000 Soldaten und Offiziere zur Freien Syrischen Armee (FSA) übergelaufen.

Die Nationale Koalition fordert von der internationalen Gemeinschaft militärische Unterstützung. Manche Staaten sind der Meinung, dass Waffenlieferungen an die Rebellen die Gewalt nur weiter anheizen würden.
Die Gewalt anheizen? Das ist zynisch. Hunderte von Menschen sterben jeden Tag, die meisten davon sind Zivilisten. Es ist völlig inakzeptabel, dass ein Regime, das seine eigene Bevölkerung umbringt, unbeschränkt Waffen erhält, während die Bevölkerung sich nicht gegen die Bomben, Panzer und Raketen verteidigen kann. Alles, was wir fordern, ist die Möglichkeit, uns selber zu verteidigen.

Gibt es nur noch eine militärische Lösung des Konflikts?
Am Ende wird eine politische Lösung stehen, aber eine solche kommt nicht unter dem Druck der täglichen Tötungen zustande. Um eine politische Lösung zu finden, braucht es ein Gleichgewicht zwischen der FSA und dem Regime auf dem Boden. Und vor allem müssen Bashar al-Assad und seine Entourage die Macht abgeben.

Im Westen befürchtet man, Waffen könnten in die Hände radikaler Islamisten gelangen.
Die internationale Gemeinschaft ist durch ihre Untätigkeit wesentlich dafür verantwortlich, dass die Extremisten immer stärker werden. Ich erinnere daran, dass die radikalen Islamisten im ersten Jahr der syrischen Revolution praktisch keine Rolle spielten. Aber jetzt schliessen sich viele Kämpfer radikalen Gruppierungen an, weil nur diese ihnen Waffen und Schutz bieten können. Wir bitten die internationale Gemeinschaft inständig darum, uns zu helfen, unser Volk zu verteidigen und die Verbreitung von Extremismus und Terrorismus zu verhindern. Aber zurzeit bekommen wir keinerlei Hilfe.

Was versprechen Sie sich von der Friedenskonferenz, welche die USA und Russland planen?
Es ist noch zu früh, dazu etwas zu sagen. Es gibt noch keine Traktandenliste für die Konferenz. Wir wissen noch nicht einmal, wer teilnimmt und was genau die Ziele sind.

Es soll um die Bildung einer Übergangsregierung gehen, an der auch Mitglieder des Assad-Regimes beteiligt sein könnten.
Nachdem dieses Regime über 80'000 Menschen getötet und Syrien fast zerstört hat, ist es völlig undenkbar, dass einige seiner Exponenten in einer Übergangsregierung Einsitz nehmen. Wir werden niemals mit Bashar al-Assad oder einer Delegation seines Regimes an den Verhandlungstisch sitzen.

Die Nationale Koalition will selber eine Übergangsregierung unter Interimspräsident Ghassan Hitto bilden. Werden die lokalen Verwaltungen in den von Aufständischen kontrollierten Gebieten diese Regierung akzeptieren?
Wir versuchen unser Bestes, die FSA und andere bewaffnete Gruppierungen in diesen Gebieten zu überzeugen, mit der geplanten Übergangsregierung zu kooperieren. Die Menschen dort sind auf staatliche Leistungen angewiesen, die nicht immer lokal erbracht werden können, zum Beispiel in den Bereichen Gesundheit, Bildung, Rechtsprechung und Sicherheit. Darum werden sie diese Regierung und ihre Bemühungen unterstützen.

Erstellt: 14.05.2013, 18:17 Uhr

George Sabra

Der 65-jährige langjährige Regimekritiker wurde am 22. April zum Interimspräsidenten der Syrischen Nationalkoalition ernannt. Dies, nachdem sein Vorgänger, Moaz al-Khatib, sein Amt vorzeitig niedergelegt hatte. Die Nationale Koalition ist das grösste Oppositionsbündnis Syriens.

Zuvor war George Sabra Vizepräsident der Koalition. Er ist zudem Präsident des Syrischen Nationalrats, eines weiteren Oppositionsbündnisses, das Teil der Koalition ist.

Sabra ist griechisch-orthodoxer Christ und war früher Mitglied der Syrischen Kommunistischen Partei. Unter der Herrschaft von Bashar al-Assads Vater Hafez verbrachte er acht Jahre im Gefängnis. Nach Beginn des syrischen Aufstands wurde er erneut inhaftiert. Im September 2011 kam er frei und setzte sich ins Ausland ab.

Das Interview wurde telefonisch geführt. Sabra hält sich zurzeit in Istanbul auf. (bh)

94'000 Tote

Im syrischen Bürgerkrieg sind nach Angaben von Aktivisten inzwischen mehr als 94'000 Menschen getötet worden. Wie die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Dienstag mitteilte, erhielt sie seit dem Wochenende Angaben über tausende weitere Tote in von Staatschef Bashar al-Assad kontrollierten Gebieten des Landes. Am Sonntag hatte die Beobachtungsstelle noch von etwa 82'250 Toten gesprochen. Die Vereinten Nationen nennen bisher eine Zahl von von mehr als 70'000 Todesopfern. Die Beobachtungsstelle bezieht ihre Informationen aus einem Netz von Informanten vor Ort. Ihre Angaben können von unabhängiger Seite kaum überprüft werden. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen flohen mittlerweile rund 1,4 Millionen Menschen aus Syrien, rund 4,2 Millionen Menschen wurden aus ihren Heimatorten vertrieben.

Die Revolte gegen Assad hatte Mitte März 2011 begonnen. Nach Versuchen Assads, die zunächst friedlichen Proteste gewaltsam niederzuschlagen, entwickelte sich der Konflikt zu einem Bürgerkrieg, in dem bewaffnete oppositionelle Gruppen gegen die Streitkräfte des syrischen Staatschefs kämpfen. (AFP)

Krieg in Syrien

Friedenskonferenz verzögert sich

Zur Beilegung des Syrien-Konflikts unternehmen die USA und Russland derzeit einen neuen Anlauf. Dafür wollen sie gemeinsam eine internationale Konferenz organisieren, an der ihren Vorstellungen zufolge auch führende Vertreter des syrischen Oppositionsbündnisses teilnehmen sollen. Ursprünglich war diese Konferenz noch für den Mai anvisiert. Das Aussenministerium in Washington stellte am Montag allerdings klar, dass die Konferenz nicht vor Anfang Juni stattfinden könne. Grund dafür seien die «vielen Akteure und unterschiedlichen beteiligten Länder».

Attentäter nach Syrien geflohen

Nach dem Autobombenanschlag im südtürkischen Reyhanli sind die drei Hauptverdächtigen laut türkischen Presseberichten nach Syrien geflohen. Darunter sei ein ranghoher Beamter des syrischen Geheimdienstes. Insgesamt 17 mutmassliche Tatbeteiligte befinden sich in Polizeihaft. Den Medienberichten zufolge ist die türkische Polizei inzwischen überzeugt, dass der bei dem Anschlag verwendete Plastiksprengstoff aus Syrien über den Seeweg in die türkische Grenzprovinz Hatay geschmuggelt wurde, in der Reyhanli liegt. (afp)

Bildstrecke

Die Akteure im Syrienkonflikt

Die Akteure im Syrienkonflikt Welche Länder haben welche Interessen im syrischen Bürgerkrieg?

Rebellen haben nach eigenen Angaben einen Hubschrauber der Regimetruppen abgeschossen: Amateuraufnahmen zeigen, wie ein brennender Helikopter abstürzt. (Video: Reuters )

Artikel zum Thema

Neun Männer nach Anschlägen in der Türkei verhaftet

Nach den Anschlägen in Reyhanli mit mehr als 40 Toten hat die Polizei neun verdächtige Türken festgenommen. Zuvor hatte die Regierung das syrische Regime der Tat bezichtigt. Mehr...

USA und Russland planen Syrien-Konferenz

Der russische Präsident Wladimir Putin unterhielt sich mit seinem Gast, dem US-Aussenminister John Kerry, über den Syrien-Krieg. Sie wollen die syrische Regierung und die Opposition an einen Tisch bringen. Mehr...

Wer will was in Syrien?

Hintergrund Während sich das Rad der Gewalt in Syrien stetig weiterdreht, zögert die Weltgemeinschaft. Tagesanzeiger.ch/Newsnet zeigt die wichtigsten Akteure und ihre Interessen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Kunst in der Luft: Seifenblasen machen Spass vor dem Louvre in Paris. (19. Juli 2019)
(Bild: Alain Jocard) Mehr...